Im Interview ließ der damalige Nationalcoach die Ereignisse rund um die EM noch einmal Revue passieren und rechtfertigte die damaligen Entscheidungen.
Ein Jahr danach die unvermeidliche Frage: Hätten Sie rückblickend etwas anders gemacht?
Hickersberger: "Ich würde nichts anders machen. Alle Entscheidungen waren gut überlegt und sind nach meinem damaligen Wissens- und Erfahrungsstand getroffen worden."
Auch die Nichtnominierung von Marc Janko oder Stefan Maierhofer?
"Die Stürmer wurden vor der EM und nicht nach dieser Saison nominiert, und vor der EM war Janko leider weniger gut und oft verletzt, auch Maierhofer hatte nicht so eine gute Saison wie jetzt."
Aber rechtfertigt das die Einberufung von fünf Innenverteidigern?
"Auch das würde ich wieder so machen, weil ich gehofft oder sogar damit gerechnet habe, dass wir ins Viertelfinale kommen, und da können Innenverteidiger wegen Gelber Karten leichter ausfallen."
Sind Sie im Nachhinein auch mit Ihren Entscheidungen in punkto Turnier-Vorbereitung und Taktik in den drei Partien zufrieden?
"Die Vorbereitung war ideal. Ich kann mich noch gut erinnern, als wir im Februar und März in den Testspielen gegen Deutschland und die Niederlande in den letzten 25 Minuten eingebrochen sind. Bei der EM hatten wir dann keine konditionellen Probleme. Was die taktischen Varianten betrifft, habe ich keinen Fehler gesehen. Wir haben gegen Kroatien nach vier Minuten einen Elfer verschuldet und haben gegen Polen dreimal allein vor dem Torhüter vergeben. Das darf nicht passieren, wenn man weiterkommen will, aber das ist keine Frage des Systems. Dass wir dann gegen Deutschland eine historische Chance nicht genützt haben, liegt mir manchmal im Magen, aber den Aufstieg haben wir in den ersten beiden Spielen vergeben."
Sind Sie auch mit Ihrem Rückzug nach der EURO richtig gelegen?
"Dass ich in der Pressekonferenz nach dem Deutschland-Spiel gesagt habe, ich möchte weitermachen, tut mir noch weh. Aber die Entscheidung war von meiner persönlichen Warte für mich das Beste. Eine WM-Qualifikation zu beginnen, die realistisch gesehen nicht zu schaffen ist, dann entlassen zu werden und noch Geld zu kassieren, wäre aus meiner Sicht nicht in Ordnung gewesen."
Was hat die EM Ihnen persönlich gebracht?
"Ich habe Erfahrung mitgenommen. Das sind Spiele auf allerhöchstem Niveau, höher als bei einer WM. Die Atmosphäre und die Unterstützung durch die Zuschauer waren sensationell. Das war auch der Grund, warum die Mannschaft von der Leistung her, nicht von den Ergebnissen, das gebracht hat, was in ihr gesteckt ist."
Würden Sie die EURO aus sportlicher ÖFB-Sicht als Misserfolg
bezeichnen?
"Ich würde sie nicht als Erfolg bezeichnen. In dieser Gruppe war ein Aufstieg von vornherein nicht einfach, dennoch wäre mehr möglich gewesen."
Was hat Österreich die EM gebracht?
"Sehr große Anerkennung im Ausland aufgrund der hervorragenden Organisation. Auch das Nationalteam hat internationale Anerkennung bekommen, weil die Leistungen über dem waren, was man erwartet hatte. Die Spieler, die dabei waren, haben eine immense Erfahrung gewonnen, auch wenn der Großteil von ihnen nicht mehr dabei ist."
Fünf Spieler des EM-Kaders stehen im aktuellen Aufgebot. Ist das für Sie eine Überraschung?
"Eine große Überraschung. Aber es gab zwei Trainerwechsel, einige Verletzungen und auf einige Spieler wird verzichtet."
Wie bewerten Sie den Verzicht auf Andreas Ivanschitz?
"Das will ich nicht kommentieren, weil es auch ich mir gewünscht habe, dass sich Trainerkollegen aus Diskussionen, die meine Mannschaft betreffen, heraushalten."
Und was halten Sie davon, dass zwei Spieler, mit denen es in Ihrer Amtszeit Probleme gab - Emanuel Pogatetz und Paul Scharner - jetzt zu den Kapitänen aufgestiegen sind?
"Pogatetz hat nicht nur mich, sondern auch Mitspieler und ÖFB kritisiert. Mit ihm habe ich mich ja noch vor der EM ausgesprochen. Bei Scharner war es anders, er hat mich ersucht, auf ihn zu verzichten. Das Problem war dann: Wie kann ich ihn so schnell vor der EM noch in die Mannschaft integrieren? Außerdem hat mir sein Trainer Steve Bruce versichert, dass er nur in der Innenverteidigung spielen kann. Jetzt spielt er manchmal sogar im offensiven Mittelfeld, aber ich bin noch immer der Meinung, dass er nur Innenverteidiger spielen kann."
Hat sich die Vermutung bewahrheitet, dass die EURO zwei oder drei Jahre zu früh gekommen ist?
"Nachdem ich die jungen Spieler, die derzeit in der Nationalmannschaft stehen, sehe, muss ich sagen, es wird auch die Qualifikation für die EM 2012 noch zu früh kommen."
Haben Sie Verständnis dafür, dass die Mannschaft nach dem Umbau in Ihrer Amtszeit nun offenbar wieder völlig neu aufgestellt wird?
"Das hat sich eben durch mangelnde Spielpraxis und Verletzungen so ergeben."
Wann kann sich Österreich wieder auf sportlichem Weg für ein Fußball-Großereignis qualifizieren?
"Das kommt auf eine gute Quali-Auslosung an, deshalb wünsche ich der Mannschaft, dass sie in eine bessere Weltranglisten-Position und damit in einen besseren Lostopf kommt. Wir brauchen einfach eine machbare Aufgabe und Glück. Aber Prognose gibt's von mir keine, ich bin ja nicht bei der Hohen Warte angestellt."
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