Sa, 18. November 2017

Zulauf zum Dschihad

27.12.2016 16:38

Hoffnungsträger Tunesien wurde Terroristen-Hotspot

Nach dem Anschlag auf den Berliner Weihnachtsmarkt durch einen jungen Tunesier stellt sich einmal mehr die Frage, weshalb so viele Dschihadisten aus Tunesien kommen. Dieses nordafrikanische Land ist die letzte aus dem Arabischen Frühling verbliebene Demokratie mit relativ friedlicher Gesellschaft.

In Tunesien hatte der Arabische Frühling sogar seinen Anfang genommen. Auslöser war der Selbstmord eines jungen Arbeitslosen. Und damit ist auch die Spur gelegt zu dem Problem der vielen Dschihadisten: Die Jugendarbeitslosigkeit ist seit der Demokratierevolution sogar noch größer geworden. Es kursiert der zynische Spruch, der Dschihadismus sei die lebenslange Jobgarantie - bis zum Selbstmordattentat ...

Junge leiden unter schlechter Wirtschaftslage
Vor einem Jahr hatte ein junger arbeitsloser Tunesier 38 Menschen im tunesischen Badeort Sousse erschossen. Die schlechte Wirtschaftslage wurde für viele junge Tunesier seither noch aussichtsloser. Etliche suchen Jobs im Ausland - oder ziehen in den Krisenländern der islamischen Welt in den Dschihad.

"Nur wenn ich in Tunesien einen Job finde, bleibe ich", sagt Alaa Mohamed Abbes. Doch optimistisch ist der Architekturstudent nicht. Sein Studium dauert fünf Jahre, die Studiengebühren seiner privaten Universität sind nicht billig. Doch ohne zusätzlich richtige Kontakte sei eine feste Anstellung nur schwer zu finden, erzählt er frustriert. Der 22-Jährige überlegt, nach seinem Studium nach Europa zu gehen - wie Tausende andere Tunesier auch: "Junge Leute suchen alle woanders nach ihrer Zukunft."

Tunesien einst Hoffnungsträger in der Region
Tunesien war eigentlich nach dem Arabischen Frühling ein Hoffnungsträger in der Region. Als einziges der arabischen Länder, die 2011 ihre Langzeitherrscher entmachteten, baute das Land stetig eine Demokratie auf. Doch seit der Jasminrevolution hat sich vor allem unter den jungen Menschen Unzufriedenheit ausgebreitet. Einer Studie zufolge sind nur 24 Prozent der 18- bis 24-jährigen Tunesier der Meinung, die Region habe von den Aufständen profitiert. Viele junge Menschen schimpfen über den schleppenden politischen Fortschritt und inkompetente Politiker. Zudem sucht seit dem Aufstand vermehrt der Terrorismus das kleine nordafrikanische Land heim. Drei Anschläge wurden seit März des Vorjahres in Tunesien verübt.

Die Terroranschläge hatten verheerende Folgen für das Land, das stark vom Tourismus abhängig ist - vor allem für die jungen Menschen. Bereits 2014 lag die Jugendarbeitslosigkeit in Tunesien der Weltbank zufolge bei 31,8 Prozent, Experten zufolge ist sie im vergangenen Jahr weiter gestiegen.

7000 Tunesier kämpfen in Syrien und im Irak
"Wir haben lediglich ein schlechtes mit einem noch schlechteren System ersetzt", sagt Abbes. Andere wählen einen extremeren Weg: den Dschihad. So kämpfen etwa 7000 Tunesier in Syrien und im Irak. Das nordafrikanische Land mit nur rund elf Millionen Einwohnern ist dort unter den ausländischen Kämpfern mit am stärksten vertreten. In Tunesien herrscht große Angst vor ihrer Rückkehr.

Kronen Zeitung

Das könnte Sie auch interessieren
Kommentar schreiben

Sie haben einen themenrelevanten Kommentar? Dann schreiben Sie hier Ihr Storyposting! Sie möchten mit anderen Usern Meinungen austauschen oder länger über ein Thema oder eine Story diskutieren? Dafür steht Ihnen jederzeit unser krone.at-Forum, eines der größten Internetforen Österreichs, zur Verfügung. Sowohl im Forum als auch bei Storypostings bitten wir Sie, unsere AGB und die Netiquette einzuhalten!
Diese Kommentarfunktion wird prä-moderiert. Eingehende Beiträge werden zunächst geprüft und anschließend veröffentlicht.

Kommentar schreiben
500 Zeichen frei
Kommentare
324

User-Beiträge geben nicht notwendigerweise die Meinung des Betreibers/der Redaktion bzw. von Krone Multimedia (KMM) wieder. In diesem Sinne distanziert sich die Redaktion/der Betreiber von den Inhalten in diesem Diskussionsforum. KMM behält sich insbesondere vor, gegen geltendes Recht verstoßende, den guten Sitten oder der Netiquette widersprechende bzw. dem Ansehen von KMM zuwiderlaufende Beiträge zu löschen, diesbezüglichen Schadenersatz gegenüber dem betreffenden User geltend zu machen, die Nutzer-Daten zu Zwecken der Rechtsverfolgung zu verwenden und strafrechtlich relevante Beiträge zur Anzeige zu bringen (siehe auch AGB).

Für den Newsletter anmelden