Do, 14. Dezember 2017

Besiedeln Leichen

06.04.2012 14:04

Fleischfliegen helfen bei der Verbrecherjagd

Gewisse Insekten besiedeln Leichen innerhalb weniger Stunden oder Tagen, um ihre Eier und Larven abzulegen. Sie können daher bei der Aufklärung von Todesfällen helfen. Nun haben Schweizer Forscher die Gruppe der Fleischfliegen näher untersucht, um den Ermittlern ein weiteres Werkzeug zur Verfügung zu stellen.

Die Disziplin der forensischen Entomologie beschäftigt sich mit Insekten, die sich auf Leichen tummeln. Ihre Verteilung und die Entwicklungsstadien im Körper können den Kriminalisten nützliche Hinweise zu Zeitpunkt, Ort und Ursache des Todesfalls liefern. Neben unterschiedlichen Aaskäfern nutzen vor allem diverse Fliegen Leichen als Nahrungsquelle und Brutstätte.

Als Erste treffen meist die Schmeißfliegen am Leichnam ein, oft wenige Minuten nach dem Tod. Danach folgen die Fleischfliegen, deren Arten jedoch äußerst schwer zu bestimmen sind. Dies hat in der Vergangenheit schon zu folgenschweren Irrtümern geführt. So wurde 1850 im französischen Jura ein Unschuldiger für einen Babymord verurteilt, weil ein Mediziner den Lebenszyklus der Fliegen falsch bestimmt hatte.

Todeszeitpunkt korrekt bestimmen
Manchmal sind Fleischfliegen jedoch die einzigen Insekten auf einer Leiche. Darum wollten die Entomologen Daniel Cherix und Claude Wyss vom Zoologischen Museum Lausanne wissen, ob sich auch mit ihrer Hilfe der Todeszeitpunkt korrekt bestimmen lässt. Hierfür klaubte Wyss bei 160 Kriminalfällen Fliegenmaden von den Leichen und züchtete sie im Labor, bis die erwachsenen Tiere schlüpften.

Aus dem Schlüpfzeitpunkt konnten die Entomologen die Daten etlicher Todesfälle auf einen bis zwei Tage genau bestimmen, erklärt Cherix gegenüber der Nachrichtenagentur sda. Ob ihre Aussagen zum Todeszeitpunkt korrekt waren, überprüften die Wissenschaftler anhand anderer kriminalistischer Indizien.

Geschlüpfte Fliegen als Ermittlungshilfe
Im Fall eines Suizidopfers, dessen Leiche am 8. Juli 2002 in einem Wald gefunden worden war, konnte Wyss diverse Schmeiß- und Fleischfliegen sowie Käfer in verschiedenen Entwicklungsstadien sicherstellen. Mithilfe der geschlüpften Fliegen konnte der 2. Juli als Datum bestimmt werden, an dem die ersten Fliegen den Körper besiedelten. Die Ermittlungen ergaben später, dass der Mann am Nachmittag des 1. Juli verschwunden war.

Von den 52 Fleischfliegenarten, die in der Schweiz vorkommen, eigenen sich vier Arten für die Bestimmung des Todeszeitpunktes, berichten die Forscher zusammen mit Thomas Pape am Naturhistorischen Museum Kopenhagen im Fachblatt "Forensic Science International". Sie legen nicht Eier, sondern lebende Larven in Leichen, die bei einer konstanten Temperatur von 20 Grad nach 19 Tagen schlüpfen.

Fleischfliegen auch bei Regen aktiv
Die Besonderheit der untersuchten Schweizer Fleischfliegenarten ist, dass sie vor allem bei Todesfällen in Gebäuden stärker präsent sind und auch bei Regen ausfliegen, anders als Schmeißfliegen. Laut der aktuellen Studie fanden sie sich zum Teil sehr rasch, andere Male aber erst einige Tage später auf der Leiche ein.

Die Autoren der Studie plädieren dafür, dass Ermittler und Pathologen den sechsbeinigen Indizien mit größerer wissenschaftlicher Akribie nachstellen sollten als bisher. Dazu müssten sie im Labor Maden zu erwachsenen Fliegen heranzüchten, sie konservieren und in einem zoologischen Museum als Referenz deponieren. Dies sei derzeit in Frankreich und Deutschland eher üblich als in der Schweiz.

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