Das freie Wort

Noten und kein Sinn

Alle Jahre wieder kommt der Zeugnistag. Da werden Kinder miteinander und gegeneinander verglichen. Wer das tut, sollte wissen, dass der Vergleich nichts bringt, besonders dann, wenn ein Kind in seiner Einzigartigkeit und Würde geachtet werden soll. Noten sind etwas Totes, und sie waren noch nie imstande, über etwas Lebendiges – wie das Wesen eines Kindes – auch nur annähernd etwas auszusagen. Sie täuschen eine Genauigkeit vor, die sie nicht haben. Unsere Welt aber will Noten sehen, denn sie stehen für unsere Werte: Leistung, Erfolg, Wettbewerb. Noten unterstützen dieses System, indem sie verborgen den gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Nutz-Wert von Kindern bis hin zu Maturant*innen definieren. Das ist das Ziel von Leistungsschulen, aber nicht von Bildung. Gehirngerechtes Lernen braucht keine Noten. Das sehen wir bei Kindern, die das Sprechen, oder Laufen erlernen. Vielmehr braucht es das eigene Wollen, gute Vorbilder, Interesse und Begeisterung. Dann belohnt das Gehirn sich selbst, und der Erfolg führt zu neuer Motivation und ausdauernder Leistungsbereitschaft, die nicht von außen aufgezwungen werden müssen. In diesem Fall eignen sich Noten sehr gut als Druck- oder Disziplinierungsmittel. Dann wird Lernen zur lästigen Pflicht, und es reduziert sich oft auf die Wiedergabe von kurzfristig abprüfbaren, auswendig gelernten Stoffmengen, die schneller vergessen werden, als sie angelernt wurden. Solches Lernen hinterlässt frustrierte Schüler- und auch Lehrer/innen, denn sie vermissen alle eines: den Sinn. Auch in einem „Sehr gut“.

Markus Hagler, St. Georgen im Attergau

Erschienen am Sa, 3.7.2021

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