Di, 14. August 2018

Kopfschuss in Wien

26.11.2017 15:51

Bruder: "Habe ihm nie sein Geständnis geglaubt"

Im April 2017 wurde in Wien ein junger Unternehmer erschossen. Sofort gestand ein 28-Jähriger den Mord. Trotzdem hielten ihn nun acht Geschworene für unschuldig. Das Urteil wurde aufgehoben. In der "Krone" sprechen jetzt die Brüder des Opfers - und des mutmaßlichen Täters.

Die Geschichte ist verwirrend, verstörend, rätselhaft: Am 16. April 2017, es war Ostersonntag, wurde der 26-jährige Igor Z. erschossen. Kurz nach 15 Uhr, in Wien-Brigittenau, in der Jägerstraße. Drei Männer sahen den Bosnier vor sich sterben. Zwei von ihnen sollen zufällig am Tatort gewesen sein, als der dritte, Shkelzen D., mit seiner Tokarev-Pistole losgefeuert hat.

Dann kamen Zweifel an der Tatversion
"Nach dem Drama habe ich einen der Zeugen gebeten, mich mit seinem Wagen zu einem Polizei-Wachzimmer zu bringen", sagt der 28-Jährige bis heute. Auf dem Weg dorthin rief der Kosovare seine Ehefrau an: "Ich habe jemanden ermordet", schrie er und bat sie, sich "gut um unsere Kinder zu kümmern, in der langen Zeit, in der ich nun im Gefängnis sein werde". Und vor den Beamten schluchzte er dann: "Es ist furchtbar. Ich habe einen Menschen umgebracht."

Angaben wirkten glaubhaft
Shkelzen D. erzählte von einem Streit mit dem Opfer. Wegen einer Kellnerin, mit der er seit zwei Jahren ein Verhältnis hatte und an die sich Igor Z. "rangemacht" habe: "Darum wollte ich mich mit ihm zu einer Aussprache treffen." Die schnell "eskaliert" sei. "Ich zog meine Waffe und schlug damit gegen seinen Kopf. Und dabei löste sich eine Kugel." Die Angaben wirkten glaubhaft, tiefergehende Ermittlungen schienen unnötig.

Später wurde bekannt, dass Handynummern eines Tatzeugen und des Opfers auf Rufdaten-Rückverfolgungen zu einer Schutzgeldmafia-Causa aufscheinen.

Des Mordes freigesprochen
Und noch viel später lagen Gutachten vor, die belegen, dass die Tragödie anders abgelaufen sein muss, als von D. beschrieben: Der letale Schuss wurde aus zumindest eineinhalb Metern Entfernung abgegeben, an den Händen und der Jacke des Schützen befanden sich kaum Schmauchspuren. War er vielleicht gar nicht der Täter?

Bei seiner Gerichtsverhandlung vergangene Woche wurde Shkelzen D. einstimmig von acht Geschworenen des Mordes freigesprochen, ein Richtersenat erklärte das Urteil für ungültig. Dem Kosovaren wird also ein neuer Prozess gemacht, er bleibt in U-Haft.

"Ich habe ihm nie sein Geständnis geglaubt”
Für seinen Bruder Bujan "eine nicht nachvollziehbare Entscheidung der Justiz". Denn er habe "immer an Shkelzens Unschuld geglaubt", sagt der 32-Jährige. Selbst nachdem dieser ein Geständnis abgelegt hatte: "Aber das alles passte einfach nicht zu ihm."

Nie habe er zu Gewalt geneigt - nicht als Kind, nicht nachdem er 2004 mit einem Teil seiner Familie aus dem Kosovo nach Österreich ausgewandert war: "Wir wollten uns hier eine gesicherte Existenz aufbauen." Bis zuletzt arbeitete Shkelzen D. als Zimmerer. Von seiner Affäre ahnte angeblich in seinem Umfeld niemand etwas. "Bis dato", so Bujan D., "ist es mir ein Rätsel, wann er mit dieser Serviererin zusammen gewesen sein soll. Er verbrachte doch seine ganze Freizeit mit seiner Frau und den zwei Söhnen."

Shkelzen D. besaß - zumindest das ist bewiesen - neben der Tokarev-Pistole ein Gewehr. Und am Tattag hatte er zudem Schlagstöcke und Pfefferspray im Gepäck. Wie passt das zu dem Bild von einem biederen, treusorgenden Familienvater?

Lebte in Angst
"Mein Bruder ging selten unbewaffnet außer Haus, seit er 2014 bei der Arbeit aus großer Höhe abgestürzt war. Wochenlang lag er danach im Koma, bei Operationen wurden ihm unzählige Platten und Schrauben eingesetzt, sogar im Gesicht. Fortan lebte er in der Angst, überfallen und an seinen verwundbarsten Stellen verletzt zu werden. Deshalb wollte er gewappnet sein." Dennoch: Er hat vor der Kripo die Tat zugegeben.

Familie von Schuld des Kosovaren überzeugt
"Shkelzen dachte zunächst tatsächlich, sie begangen zu haben." Und jetzt? "Ist er unendlich erleichtert, kein Mörder zu sein." Wer aber dann? "Er weiß es doch nicht." Beteuerungen, die für die Familie des Opfers "verrückt" klingen. Sie ist von der Schuld des Kosovaren überzeugt: "Nur er hatte ein Motiv", sagt Igor Z.s 30-jähriger Bruder Dragan.

Fehlende Schmauchspuren sind für ihn erklärbar: "Bis zum Abnahme-Test vergingen dreieinhalb Stunden. Dazwischen wusch D. auf der Toilette seine Hände. Und bei der Schussabgabe trug er eben keine Jacke."

"Igors Tod hat das Leben meiner Familie zerstört”
Der Mentaltrainer findet Gerüchte, Igor sei in Mafiakreisen verkehrt, "niederträchtig. Seine Telefonnummer stand bloß in Polizeiakten, weil er mit einem Beschuldigten geboxt hat." Wie hat sein Bruder gelebt? "Wir wanderten früh mit unseren Eltern von Bosnien nach Wien aus. Mein Vater und meine Mutter fanden hier schnell gute Jobs. Es fehlte uns nie an etwas."

Beide Söhne besuchten das Gymnasium, machten Matura, "ich begann danach zu studieren, Igor eröffnete vor zwei Jahren eine Autoreparaturwerkstatt. Er war so fleißig - und ein extrem guter Mensch."

"Fühlte mich wie in einem Horrorfilm"
Seit dem Tod des jungen Mannes sind Dragan Z. und seine Eltern gebrochen, "nichts ist mehr wie früher". Der Bruder erinnert sich noch genau an den Moment, "als mir ein Polizist mitteilte, Igor sei erschossen worden. Ich konnte, wollte das zuerst nicht glauben, fühlte mich wie in einem Horrorfilm." Dann die schlimme Aufgabe: "Ich musste meinen Eltern die Nachricht überbringen."

Noch immer fällt es der Familie schwer, die Wahrheit zu begreifen, weil sie "so absurd grauenhaft" ist. "Und fürchterlich der Gedanke, dass das Verbrechen an Igor ungesühnt bleiben könnte."

Martina Prewein, Kronen Zeitung

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