"Krone" in Jordanien

Zaatari – wo Kriegsvertriebene auf Heimkehr hoffen

Ausland
25.05.2016 17:16

Seit Ausbruch des Terrors sind 1,5 Millionen Syrer nach Jordanien geflohen. Der oberösterreichische Integrationslandesrat Rudi Anschober reiste nun ins Krisengebiet, um sich vor Ort mit der "Krone" ein Bild von der Lage zu machen.

Skurriler Zufall oder Ironie des Schicksals? In derselben Maschine, in der eine Delegation mit Oberösterreichs grünem Integrationslandesrat Rudi Anschober zu einem Lokalaugenschein nach Jordanien fliegt, reist auch eine tschechische Technikergruppe. Allesamt Ingenieure einer Brünner Waffenschmiede. Sie stellen in der jordanischen Hauptstadt Amman bei der SOFEX, der größten Rüstungsmesse im Vorderen Orient, aus. "Wir haben exzellente Präzisionspistolen anzubieten", erklärt Sitznachbar Jan (25) stolz.

(Bild: Christoph Matzl)

Vom Kriegshorror im Nachbarland Syrien mit 470.000 Toten seit 2011 weiß er ebenso wenig wie von Zaatari, dem größten Flüchtlingslager im Vorderen Orient. Hauptsache die Brünner Pistole hat auch auf 100 Meter noch enorme Durchschlagskraft. Und angesichts der Freude über seine erste große Dienstreise sollten zu schwere Gedanken über Kriegsvertriebene wohl auch nicht den Geschäftssinn des jungen Waffenhändlers trüben.

Auch wir wollen die Schattenseiten des jordanischen "Handelswesens" nicht überbewerten. Waffenschmuggel, Drogen- und Frauenhandel gab es in der Region immer schon. "Von hier aus wurden lange Zeit synthetische Drogen nach Saudi-Arabien verscherbelt", so Kilian Kleinschmidt. Und er weiß, wovon er spricht: Schließlich hat er hier vor drei Jahren als UNHCR-Krisenhelfer das Lager Zaatari aufgebaut.

(Bild: Christoph Matzl)

Zaatari - ein Lager der Wehmut
Eine Zeltstadt so weit das Auge reicht. Verschläge, Planen und Container auf 18 Quadratkilometern bis zum Horizont. Ein Lager der Wehmut, nur zehn Kilometer von der syrischen Grenze entfernt. Im Schatten staubiger Wellblechhütten sitzen Männer, rauchen Wasserpfeifen und erinnern sich. Sehnsuchtsträume von kühlen Dattelhainen und von in der Heimat Zurückgebliebenen oder Albträume von Luftangriffen mit Nagelbomben, MP-Salven, Blut, Tränen und Leichen.

(Bild: Christoph Matzl)

Auch wenn die Einkaufsmeile in Zaatari mit ihren Budengeschäften liebevoll Champs-Élysées genannt wird, patrouillieren bis an die Zähne bewaffnete Polizisten und Militärs, um für Sicherheit in der mittlerweile viertgrößten Stadt Jordaniens zu sorgen.

"Gleich zu Beginn haben wir meterhohe Erdwälle rund um die Anlage errichten müssen", erinnert sich Kleinschmidt. "Denn in der Nacht fuhren immer wieder Schmuggler mit Pick-ups vor. Entweder um blutjunge Mädchen als jungfräuliche Bräute für reiche, alte Saudis zu kaufen oder um gelangweilte arbeitslose Burschen als Kämpfer für die Islamistenfront zu rekrutieren."

Ein Oberst im Lager im Gespräch mit Rudi Anschober und "Krone"-Redakteur Christoph Matzl (Bild: Christoph Matzl)
Ein Oberst im Lager im Gespräch mit Rudi Anschober und "Krone"-Redakteur Christoph Matzl

"Helfen wir nicht vor Ort, werden sie kommen"
Trotz des nervtötenden Lagerlebens haben viele Vertriebene noch nicht aufgegeben. Dutzende Schulklassen inmitten des 80.000-Seelen-Gettos sollen helfen, dass aus den Mädchen und Buben keine verlorene Generation wird. Noch hoffen die Geflohenen auf ein Ende des Terrors in Syrien. Noch glauben sie an die Heimkehr. Aber wie lange noch?

(Bild: Christoph Matzl)

"Derzeit sind erst zwei Prozent der 4,8 Millionen syrischen Kriegsflüchtlinge in Europa angekommen", wie Anschober warnt. "Der Glaube in Europa, dass mit der Errichtung eines Zaunes schon alles vorbei sei, ist absurd. Wenn die Menschen hier nicht die nötige Hilfe bekommen, werden sie kommen. Nichts und niemand wird sie stoppen können. Kurzum, die wirksamste Flüchtlingshilfe ist Hilfe in der Krisenregion selbst."

(Bild: Christoph Matzl)

So zeigt die Caritas in Amman, was Notversorgung heißt. "Neben Essen, Kleidung und medizinischer Betreuung wurde auch ein Bildungsprogramm gestartet", so Daniela Pamminger. Hier erlebt dann Ihr "Krone"-Reporter eine bedrückende Situation, als ihn ein aus Aleppo geflohener Familienvater per Handy verzweifelt um einen Weg "ins himmlische Europa" anfleht.

Rudi Anschober jedenfalls nahm die Einladung zum Fußballspiel mit Flüchtlingen an. Zumindest während dieses Matches vergaßen die Buben den Horror, dem sie entronnen sind.

Spenden an "Syrien: 5 Jahre Menschen auf der Flucht"
IBAN: AT 05 2011 1400 4004 4000

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