Österreichs Radstar Felix Gall liegt auch nach der zwölften Etappe des Giro d’Italia auf dem vierten Platz. Im Kampf um das Rosa Trikot zählt aber nicht nur die Physis, die Teams investieren Millionen in Material und Know-how. Die „Krone“ fragte in Sachen Biomechanik bei Experten Rok Stojan nach.
„Krone“: Herr Doktor, Sie analysieren den Fahrstil der Radprofis aus Sicht der Biomechanik. Wie sind Sie dazu gekommen?
Rok Stojan: Wenn ich mir die vielen Fahrer ansehe, die unter höchsten Belastungen Bestleistung erbringen wollen, obwohl die Biomechanik nicht stimmt, blutet mir das Herz! Deswegen habe ich mich entschieden, mein Wissen und meine Analysen auf Instagram zu teilen, um allen Menschen zu mehr Spaß, Leistung und Verletzungsfreiheit zu verhelfen.
Welche Rolle spielt die Biomechanik für die Leistung eines Radprofis?
Sie ist eine der sechs Säulen neben Ernährung, Erholung, Trainingsplan, Psyche, Aerodynamik. Mit einer besseren Biomechanik kann der Sportler eine höhere Energieeffizienz erreichen, das Risiko von Verletzungen durch repetitive Bewegungen minimieren und jedes produzierte Watt an Leistung maximal ausnutzen.
Die Worldtour-Teams haben einen riesigen Betreuerstab. Eine Idee, warum viele Rennfahrer eine schlechte Sitzposition haben?
Das wäre pure Spekulation. Vermutlich sind die anderen Säulen für die Teams derzeit wichtiger. Oft wird extrem stark auf die Aerodynamik geschaut. Ich vermute auch, dass Experten, die einen ganzheitlichen Blick auf Biomechanik, Aerodynamik und die individuelle Anatomie des Fahrers werfen können, schlichtweg sehr selten sind.
Tadej Pogacar und sein Team sind definitiv die Vorreiter der Biomechanik im Radsport.
Rok Stojan
Wer ist unter den Stars momentan ein Musterbeispiel?
Da muss man einfach Tadej Pogačar nennen. Ich verfolge ihn schon seit seinem ersten Tour-Sieg und muss ehrlich zugeben: Er überrascht mich immer wieder aufs Neue. Noch 2023 zeigte er gewisse Instabilitäten im Sattel, die er mittlerweile jedoch massiv verbessert hat. So wie ich das einschätze, ist er mittlerweile biomechanisch nahezu perfekt vorbereitet. Er und sein Team sind definitiv die Vorreiter der Biomechanik im Radsport. Dennoch sehe ich selbst bei ihm noch Optimierungsbedarf – und zwar im Zeitfahren und bei der Aerodynamik. Da ist Remco Evenepoel das Maß aller Dinge.
Was fällt Ihnen bei Felix Gall auf?
Er hat einen sehr markanten Pedalierstil im Peloton. Seine Knie sind in der Aufwärtsbewegung oft stark nach außen abgespreizt (Abduktion) und ziehen beim Treten nach innen (Adduktion). Ohne ihn selbst untersucht zu haben, kann ich über die Ursachen natürlich nur spekulieren. Mit hoher Wahrscheinlichkeit liegt es an einer Kombination aus seiner knöchernen Anatomie und der neuromuskulären Ansteuerung. Genau hier sehe ich noch ungenutztes Potenzial für mehr Effizienz. Dennoch ist seit Saisonbeginn eine deutliche Stilveränderung erkennbar, die sich bereits positiv in seiner Leistungsfähigkeit und Effizienz auf dem Rad niederschlägt.
Der Mensch hat sich über Jahrmillionen hinweg so entwickelt, dass er perfekt auf das Gehen auf zwei Beinen ausgerichtet ist.
Rok Stojan
Kann man dank der Bio-Mechanik sich auch in anderen Sportarten verbessern?
Selbstverständlich. Im Sport hilft die Biomechanik dabei, die effizienteste Bewegungstechnik zu entschlüsseln. Um jedoch zu verstehen, was die absolut optimale Bewegungsform ist, müssen wir einen Blick auf die Evolution werfen: Der Mensch hat sich über Jahrmillionen hinweg so entwickelt, dass er perfekt auf das Gehen auf zwei Beinen ausgerichtet ist. Unsere gesamte Anatomie – Knochen, Muskeln, Sehnen und Nerven sowie das Gehirn – ist auf dieses physikalische Fundament ausgelegt. Wenn wir dieses Wissen der funktionellen Anatomie und der neuromuskulären Ansteuerung anwenden, können wir für jede Sportart die optimale Bewegung bestimmen. In meine Praxis kommen Radfahrern, Wanderer, Läufer, Skifahrer und Reiter, mit denen wir hervorragende Ergebnisse erzielen.
Sie arbeiten an einer Reha-Klinik. Beraten Sie dort auch Spitzensportler?
Im Rahmen meiner Tätigkeit als stellvertretender Chefarzt im ZAR in Friedrichshafen behandeln wir keine Spitzensportler. Dort liegt der Fokus auf der klassischen orthopädischen oder neurologischen Rehabilitation. Spitzensportler berate und betreue ich im Rahmen meiner selbstständigen Tätigkeit als Experte für Biomechanik.
Helfen Sie auch Amateuren oder Freizeitsportlern?
Selbstverständlich! Bei mir ist jeder willkommen, der sich verbessern möchte und offen für innovative Ansätze ist. Häufig sind meine Klienten nicht einmal Sportler, sondern ganz normale Menschen wie Sie und ich. Menschen, die einfach ohne Schmerzen Wandern, Joggen, in der Stadt Spazierengehen, schmerzfrei Skifahren, Reiten oder beschwerdefrei mit dem Fahrrad unterwegs sein möchten.
Wie sieht eine biomechanische Analyse bei Ihnen aus?
Jede Analyse beginnt mit einer ausführlichen Anamnese. Erst dann folgt die Video-, Druck- und EMG-Ganganalyse, da das Gehen das Fundament jeder Bewegungsanalyse ist. Je nach Sportart schließt sich eine spezifische Video- und EMG-Analyse an, bei Bedarf ergänzt durch eine Cycling-Dynamics-Analyse. Sobald die Ursachen für Fehlhaltungen klar sind, gehen wir direkt ins EMG- und Video-Biofeedback-Training über. Das bedeutet: Jeder Klient erhält maßgeschneiderte Übungen.
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