Zehn Tage vor Ende der Bewerbungsfrist für den ORF-Generaldirektor liegen am Küniglberg die Nerven blank. Für Unruhe sorgt aktuell die Frage, ob der Favorit, APA-Geschäftsführer Clemens Pig, die Ausschreibungskriterien erfüllt. In der ÖVP sind nicht alle restlos von der geplanten Kür des Tirolers überzeugt. Es wagen sich auch schon erste Gegenkandidaten aus der Deckung.
ORF-Magazinchefin Lisa Totzauer wird sich ebenfalls bewerben. Die 56-Jährige war schon bei der letzten Wahl vor fünf Jahren erfolglos angetreten. Sie ist dem Vernehmen nach von keiner Partei zu dieser Kandidatur bewegt worden, sondern will sich offenbar als Kandidatin der Mitarbeiter positionieren.
„Wir sind nicht machtlos“
„Wir können dieses Haus reformieren. Wir sind nicht machtlos. Es kann einen ORF geben, in dem das Programm an erster Stelle steht, wo wir mit relevanten Inhalten über die unterschiedlichsten Ausspielwege alle erreichen, wo sich Frauen und Männer sicher und wertgeschätzt fühlen“, schreibt sie in einem E-Mail an die Belegschaft.
Neben Totzauer, die schon vor fünf Jahren erfolglos kandidiert hat, könnte sich auch der Medienmanager Markus Breitenecker, „Puls 4“-Mitbegründer und zuletzt Vorstandsmitglied bei ProSiebenSat1 in München, bewerben. Für Pig könnte es auf den letzten Metern damit noch eng werden. Nicht nur, dass er in der ÖVP nicht unbestritten ist, es wird auch infrage gestellt, ob er überhaupt die Ausschreibungskriterien erfüllt.
Pig fehlt Radio- und Fernseherfahrung
Der neue ORF-General muss „eine für die Aufgaben relevante Vorbildung oder eine fünfjährige einschlägige oder hinsichtlich des Aufgabenbereichs verwandte Berufserfahrung nachweisen können“, heißt es wörtlich in der Ausschreibung. Der von der FPÖ entsandte Stiftungsrat Peter Westenthaler ist der Meinung, dass „einschlägige Berufserfahrung“ Fernseh- und Radioerfahrung bedeutet. Diese kann der Favorit, APA-Geschäftsführer Clemens Pig, allerdings nicht vorweisen.
Bestellung könnte vor Gericht landen
„Meinen Informationen nach wollen sich drei ausgewiesene Fernsehmanager bewerben“, sagt Westenthaler im Gespräch mit der „Krone“. Wenn diese alle Voraussetzungen erfüllen, aber übergangen werden, könnte die erwartete Bestellung von Pig vor Gericht landen und gekippt werden, warnt Westenthaler.
Aus dem ÖVP-Lager wird kalmiert. Dort ist man der Meinung, dass der Begriff „einschlägige und verwandte Berufserfahrung“ nicht explizit Radio und Fernsehen verlangt. Damit sei Pig geeignet.
Tiroler wird nicht von allen ÖVP-Ländern mitgetragen
Der 51-jährige Tiroler wird von den ÖVP-Ländern im Westen gestützt. Die mächtigen Landesorganisationen in Oberösterreich und Niederösterreich sollen dem Vernehmen nach „Kronehit“-Geschäftsführer Philipp König favorisiert haben. Laut Koalitionsdeal hat die ÖVP das Vorschlagsrecht für die Position an der Spitze des ORF. Pig gilt als Kandidat von Kanzler Christian Stocker. Interimschefin Ingrid Thurnher soll keine dauerhaften Ambitionen auf das Amt haben.
Auch alle anderen Posten wurden zwischen ÖVP und SPÖ aufgeteilt: Technischer Direktor bleibt Harlad Kräuter, kaufmännischer Direktor soll eine Frau werden. Überlegungen, König unter Pig mit dieser Position zu betrauen, sind abgesagt. Die ÖVP will hier unbedingt eine Frau haben. Damit bleibt für die SPÖ noch der Programmdirektor. Das soll der SPÖ-nahe Redakteur Thomas Langpaul werden. Er hat allerdings keinerlei Erfahrungen in diesem Bereich. Langpaul war Innenpolitikjournalist und US-Korrespondent.
SPÖ ist beim Stiftungsratsvorsitzenden Lederer gespalten
Ähnlich wie die ÖVP ist auch die SPÖ beim ORF gespalten. Der rechte Flügel um den burgenländischen Landeshauptmann Hans Peter Doskozil fordert nach dem unglücklichen Agieren rund um Ex-ORF-General Roland Weißmann den Rücktritt des roten Stiftungsratsvorsitzenden Heinz Lederer. Dieser wird aber von SPÖ-Chef Andreas Babler und dem Wiener Bürgermeister Michael Ludwig gestützt.
Angesichts der Uneinigkeit bei ÖVP und SPÖ ist es nicht ganz ausgeschlossen, dass es wie bei der ersten Wahl von Alexander Wrabetz zu einer Überraschung kommt. Der Urnengang erfolgt schließlich geheim. Wrabetz verdankte seinen Erfolg 2006 einer Koalition aus SPÖ, Grünen, FPÖ sowie den Stimmen der Betriebsräte gegen die Kanzlerpartei ÖVP.
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