Seit rund zehn Jahren hat sich Melanie Martinez nicht nur, aber vor allem in den USA einen Namen unter den Top-Popstars gemacht. Ihr viertes Album „Hades“ ist eigentlich ein Doppelwerk und behandelt konzeptionell schwierige Themen wie Machtmissbrauch, patriarchale Strukturen und Korruption. Auf ihrem Opus Magnum zeigt sich die 30-Jährige so vielseitig wie nie zuvor. Gelingt damit der Sturm nach ganz oben?
Wenn Künstlerinnen dieser Tage ihre Social-Media-Accounts aufräumen oder gar komplett löschen, dann ist meist eine Zäsur im Gange. So geschehen auch beim amerikanischen Popstar Melanie Martinez, hierzulande noch immer sträflich unterbewertet, aber in der amerikanischen Heimat schon seit mehr als einer Dekade eine sehr ernsthafte Anwärterin auf den mittelfristigen Pop-Thron. Nach fast drei Jahren Funkstille könnte die Rückkehr ins Rampenlicht nicht pompöser sein. Ihr viertes Album „Hades“ markiert nicht nur ein neues Kapitel im Schaffen der 30-Jährigen, es ist strenggenommen auch ein Konzeptwerk, das sich um die dystopische Realität der Gegenwart dreht. Äußerst harter Stoff jedenfalls, denn die 18 Songs verbinden verschiedene Erfahrungs- und Erlebniswerte, die Martinez im allseits regierenden Patriarchat gemacht hat. Ein inhaltlicher Treffer ins Vollschwarze also, der von einer erschreckenden Zeitlosigkeit durchzogen ist, die Martinez unverblümt aufs Parkett legt.
Schweres Gepäck im Totenreich
Hat sie sich auf den früheren Alben konzeptionell mit ihrer Kindheit, diversen Transformationen und dem Aufwachsen in der Öffentlichkeit beschäftigt, scheint sich „Hades“ zu einer Art Opus Magnum der florierenden Karriere Martinez‘ zu entwickeln. So verwendet sie im Titel und partiell am Album mythologische Metaphorismen, um gegen allgemeingültige Problemfelder wie Gender-Diskussionen, Rassismus, Kapitalismus, Korruption und Machtmissbrauch anzusingen. Hades ist in der griechischen Mythologie bekanntermaßen der Gott der Unterwelt und Herrscher über das Reich der Toten – gleichermaßen auch das Totenreich. Mit diesem schweren Gepäck am Rücken ackert sich Martinez durch eine üppige Konzeptionsfläche, die bei Songs wie „Garbage“, der sich um Machtmissbrauch drehenden Single „Possession“ oder den „Weight Watchers“ wenig Fragen offenlassen, aber in anderen Bereichen auch rätselhafter wirken und verschlungenere Wege verwenden.
Musikalisch pendelt das Album zwischen modernen Mainstream-Pop-Zitaten, melancholischen Momenten á la Lana Del Rey und orchestralen Einsprengseln, wie sie bei Superstars der Marke Rosalía mittlerweile salonfähig werden. Die religiös erzogene Sängerin wagt sich immer wieder aus dem inhaltlichen Sicherheitskokon und setzt etwa sakrale Messages mit den in den USA so populären Waffen gleich und schafft es, mit zuckersüßer Intonation und feiner Instrumentierung zu provozieren. Besonders beeindruckend funktioniert das etwa im Album-Highlight „The Vatican“, das mit epischen Synthie-Spuren paralysiert und Martinez von einer ganz anderen Seite zeigt. Für Wiederholungen oder Monotonie ist auf „Hades“ wenig Raum, zu verspielt und vielseitig kämpft die New Yorkerin gegen gesellschaftliche Schieflagen an. Damit einhergehend bleibt der Spannungsbogen immer hoch und es bleibt beim Hören keine Zeit, sich zu langweilen. Auch wenn an gewissen Stellen etwas weniger möglicherweise mehr gewesen wäre.
Auditiv und visuell
Live war Martinez bislang erst einmal in Österreich zu Gast – kurz vor Ausbruch der Corona-Pandemie Anfang 2020 im Wiener Gasometer. „Wir haben uns die Architektur in der Stadt angeschaut, ein Freund von mir war beim Zentralfriedhof und zeigte mir Fotos von den pompösen Marmorsteingräbern“, erzählt sie der „Krone“, „es ist verrückt, was Menschen früher mit bloßen Händen gefertigt haben, wofür wir heute modernste Technologie zur Verfügung haben.“ Zu „Hades“ soll es neben dem üppigen Doppelalbum auch einen abendfüllenden Film geben, der noch nachgereicht wird. Die Kombination aus Auditivem und Visuellem war Martinez schon immer ein besonderes Anliegen. „Ich bin extrem detailorientiert und weiß zumeist bis zu den letzten Outfits, Farben und Make-Ups, was ich genau will und wie es aussehen soll. Das ist für andere nicht immer einfach, aber durch die klaren Vorstellungen lassen sich viele Dinge viel leichter realisieren.“
Ihre Projekte hat die Künstlerin für gewöhnlich schon immer früher im Kopf, weshalb sie weiß, wohin die Reise geht, auch wenn sich dann auf dem Weg oft noch Dinge verändern. „Ich experimentiere viel und versuche, mich künstlerisch immer neu zu erfinden. Früher war ich oft frustriert, weil die Leute in den Songwritingsessions nicht verstanden haben, worauf es mir ankommt und was mir wichtig ist. Mir wurde oft gesagt, meine Musik wäre für eine 13-Jährige im Publikum zu komplex, aber das ist mir egal. Ich mache die Musik, die ich machen will und die zu mir passt.“ Wichtig ist ihr ohnehin, sich trotz aller klaren Strukturen immer eine gewisse Form von Offenheit zu bewahren. „Das ist wichtig, auch wenn man im Vorfeld eine recht deutliche Vorstellung von einem Ergebnis hat. Man muss immer mit offenen Karten spielen und ich freue mich, wenn Ideen an mich herangetragen werden, die das Endprodukt verbessern.“
Phasen des puren Kreativseins
Martinez versteht sich als vielseitige Künstlerin, die gerne ins kalte Wasser springt und sich mit Leidenschaft gerne selbst herausfordert. „Ich hoffe, ich kann damit andere Menschen inspirieren, über gewisse Hürden zu springen. Macht einfach, was ihr machen wollt. Es gibt nichts zu verlieren und ihr könnt alles schaffen, was ihr schaffen wollt. Ich liebe die Phasen des puren Kreativseins. Wenn man sich fallen lassen kann und die Ideen nur so raussprudeln.“ Mit dem Hype um ihre Person geht Martinez mal mehr, mal weniger gut um. „Ich bin privat eine sehr introvertierte Person. Mich können Begegnungen manchmal ordentlich verschrecken, obwohl ich weiß, dass es niemand böse meint. Ich liebe Menschen und liebe es, wenn ich und sie eine Verbindung durch meine Musik haben. Außerdem erkenne ich mich oft in den Kids wieder, die meine Konzerte besuchen – ich war damals genau wie ihr.“ Auf „Hades“ eröffnet Melanie Martinez sich und ihren Fans jedenfalls wieder ganz neue Welten – und revolutioniert das Pop-Business ein bisschen mit.
Willkommen in unserer Community! Eingehende Beiträge werden geprüft und anschließend veröffentlicht. Bitte achten Sie auf Einhaltung unserer Netiquette und AGB. Für ausführliche Diskussionen steht Ihnen ebenso das krone.at-Forum zur Verfügung. Hier können Sie das Community-Team via unserer Melde- und Abhilfestelle kontaktieren.
User-Beiträge geben nicht notwendigerweise die Meinung des Betreibers/der Redaktion bzw. von Krone Multimedia (KMM) wieder. In diesem Sinne distanziert sich die Redaktion/der Betreiber von den Inhalten in diesem Diskussionsforum. KMM behält sich insbesondere vor, gegen geltendes Recht verstoßende, den guten Sitten oder der Netiquette widersprechende bzw. dem Ansehen von KMM zuwiderlaufende Beiträge zu löschen, diesbezüglichen Schadenersatz gegenüber dem betreffenden User geltend zu machen, die Nutzer-Daten zu Zwecken der Rechtsverfolgung zu verwenden und strafrechtlich relevante Beiträge zur Anzeige zu bringen (siehe auch AGB). Hier können Sie das Community-Team via unserer Melde- und Abhilfestelle kontaktieren.