Stadttheater-Premiere:

Den Wannsee im Blick, die Endlösung vor Augen

Kärnten
28.02.2026 20:00

Klagenfurt: „Die Eingeborenen von Maria Blut“ nach dem gleichnamigen Roman Maria Lazars kann als verworrenes Puzzle nicht überzeugen und lässt am Donnerstag zur überraschend schlecht besuchten Schauspiel-Premiere so manchen Stadttheater-Besucher flüchten.

Empfindlich gelichtet sind die Sesselreihen und wäre da nicht die großartige Andrea Eckert als eindringliche Erzählerin, hellsichtige Mahnerin und berührende Sängerin, es wären wohl noch mehr in der Pause gegangen. Kennt man den gleichnamigen Roman von Maria Lazar (1895 – 1948), den die erst kürzlich wiederentdeckte österreichisch-jüdische Schriftstellerin 1935 im dänischen Exil vollendet und unter einem Pseudonym vergeblich zu veröffentlichen versucht hat, versteht man schnell das Problem, an dem Martina Gredler (Dramatisierung, Regie) nun in Klagenfurt scheitert:

Zu viele Personen, ein nervöses Durch-, Neben-, Ineinander von Gedanken, Erzählstimmen, inneren Monologen, kurze szenische Sequenzen, die durch das Splitterwerk irrlichtern und die sich daraus ergebende Tatsache, dass man den Handlungsansätzen schwer bis kaum zu folgen vermag.

Erschreckende Aktualität nach neun Jahrzehnten
Dabei ist Lazars Hauptwerk nach über neun Jahrzehnten von dermaßen erschreckender Aktualität, dass jede Aktualisierung völlig überflüssig ist, mit der Gredler im zweiten Teil das Aufkeimen von Austrofaschismus am Vorabend des Nationalsozialismus aus den 1930er Jahren löst und mühelos mit Remigrations-Fantasien von AfD und Co. ins Heute führt. Denn Lazars fiktives österreichisches Provinz- und Wallfahrtsnest Maria Blut und seine Eingeborenen kennen wir doch alle: Die Verlogenheit und den Tratsch, die Bösartigkeit und Heilsversprechen, die Hakenkreuzler und Sündenböcke, die Raubtiere und Lämmer.

Gredler macht mit ihrem stark reduzierten Figurenpanorama zwar die Aufruhr im „österreichischen Lourdes“ spürbar. Doch lauernde bis handfeste Bedrohung am gesellschaftspolitischen Wendepunkt und das Abgleiten einer katholischen Kleinstadt in den Faschismus, verdampfen konturenlos im szenischen Schlaglicht – den Wannsee hat man dabei stets im Blick, den Anna-Luisa Vieregge dem Zimmer jener Berliner Baumgarten-Villa zu Füßen legt, wo am 20. Jänner 1942 gerade einmal 15 hochrangige Nazis die „Endlösung der Judenfrage“ besiegelten.

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