Horror-Indoktrinierung

Russischen Kindern wird das Töten eingehämmert

Außenpolitik
26.01.2026 15:48

Unabhängige Journalisten riskieren für ihre Berichterstattung in Russland Leib und Leben. Die Erzählungen der deutschen Korrespondentin Inna Hartwich gehen besonders unter die Haut: Sie berichtete bis Herbst 2025 – trotz aller Schwierigkeiten und Bedrohungen durch den Inlandsgeheimdienst FSB – vor Ort.

Die russischen Behörden drängen internationale Reporter auf verschiedene Weise aus dem Land, unter anderem mit offensichtlichen Repressalien, wie der Fall Gershkovich erschreckend aufzeigte. Damit verwandelt sich das Land immer mehr zu einer „blinden Zone“. Trotz der schockierenden Fälle hielt Hartwich unheimlich lange durch. Und dennoch war es für sie eine unglaublich schwere Entscheidung, zu gehen.

„Mich hat erstaunt, dass sich die meisten Russen für diesen Krieg überhaupt nicht interessieren“, schildert sie in einem Interview mit dem russischen Exilmedium „Meduza“. „Nun ja, sie töten, nun ja, sie sterben. Schlecht, natürlich – aber was soll man machen?“, würden sich viele denken. Dieses Gefühl der Aussichtslosigkeit und dass es allen egal zu sein schien, habe sie sehr ernüchtert.

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Sie ist ein wunderbares Kind. Man sieht einfach, wie man ihr irgendeinen Unsinn beibringt.

Inna Hartwich

Kinder werden auf Krieg getrimmt
Besonders schlimm sei aber die Indoktrinierung der Kinder gewesen und die Gleichgültigkeit ihrer Eltern darüber. „Als wir in Moskau lebten, erzählten russische Freundinnen, dass man am 9. Mai (Tag des Sieges, Feiertag, Anm. d. Red.) eine Soldatenuniform anlegen und Lieder darüber singen müsse, wie wir uns jetzt auf den Weg in die Ukraine machten, unsere Raketen nähmen und dort alle sterben würden. Unsere Tochter hat das ebenfalls sehr getroffen. Eine ihrer Freundinnen meinte, man müsse über den Sieg singen. Als unsere Tochter fragte, was das überhaupt sei, hatte das Mädchen keine Erklärung parat. Sie ist ein wunderbares Kind. Man sieht einfach, wie man ihr irgendeinen Unsinn beibringt – dass in der Ukraine nur Nazis leben würden, die man töten müsse“, erzählt Hartwich.

Auf ein sorgenfreies Leben dürfen die Kleinen nicht hoffen.
Auf ein sorgenfreies Leben dürfen die Kleinen nicht hoffen.(Bild: EPA/MAXIM SHIPENKOV)

Eigenständiges Denken? Fehlanzeige!
Umgehauen habe sie die vollkommen fehlende Eigenständigkeit. Die Menschen seien überzeugt, dass sie nichts ändern könnten und „die da oben“ ohnehin alles besser wüssten. „Manchmal möchte ich, ich weiß nicht, einen Russen nehmen, ihn wachrütteln und sagen: ,Mach die Augen auf!‘ Und dann ihn umarmen: ,Wie leid es mir nur um dich tut.‘ Mir tut das Land leid – trotz allem liebe ich es. Aber dort passiert eine absolute Katastrophe. „Es ist mir immer noch wichtig, nach Russland zu schauen, aber ich habe keine Kraft mehr, das von innen heraus zu tun“, seufzt sie.

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Es ist mir immer noch wichtig, nach Russland zu schauen, aber ich habe keine Kraft mehr, das von innen heraus zu tun.

Inna Hartwich

Angst vor „Spionen“ und Denunziantentum
In den vergangenen drei Jahren sei es sehr schwierig gewesen, überhaupt mit den Leuten ins Gespräch zu kommen. Gerade in den Regionen sei es hart, dort herrsche so viel Angst – die Leute könnten einfach beim Geheimdienst anrufen und melden, dass eine Spionin hier sei. Vorab sei daher eine gründliche Planung mit der Redaktion und Anwälten unumgänglich geworden. Während der Reisen, erklärt Hartwich, habe sie jeden ihrer Schritte über den Messenger-Dienst Signal kommentiert: „Meinem Mann und meiner Mutter [in Deutschland] schrieb ich, wo ich mich aufhalte, und warnte sie, dass, wenn sie stundenlang nichts von mir hören, etwas nicht stimmt.“ Einige Regionen, wie Belgorod, seien ausgelassen worden. Da habe die Redaktion gesagt: „Uns ist wichtiger, dass du gesund und am Leben bist.“

Verhöre vom Geheimdienst
Mit dem russischen Geheimdienst hatte Hartwich immer wieder zu kämpfen. So etwa bei einer Reise in die minus 49 Grad kalte Oblast Sachalin im Jahr 2019. „Wir wurden sieben Stunden lang verhört, ohne etwas zu essen oder zu trinken zu bekommen. Es war sehr unangenehm. Ich hatte viel über solche Festnahmen und Verhöre geschrieben, aber erst damals verstand ich wirklich, was es für eine Situation ist, wenn man verhört wird. Wenn sie dich anschreien: ‘Wenn Sie hier nicht unterschreiben, wird es noch schlimmer‘ ... Und du überhaupt nicht verstehst, was man von dir verlangt zu unterschreiben“, erzählt Hartwich.

Kollegen aus Deutschland hätten berichtet, dass sie in Russland von merkwürdigen Männern verfolgt worden seien. Manche seien sogar in die Wohnungen eingedrungen und hätten dort als Einschüchterungstaktik Dinge umgestellt. Für Hartwich wurde es nach all dem einfach unerträglich, in dem Land zu bleiben. „Europa muss verstehen, was dort passiert und wie Russland versucht, eine ganze Generation zu indoktrinieren. Anderenfalls werden wir die Nuancen des Geschehens endgültig aus den Augen verlieren“, warnt die Journalistin.

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