Strafe für Unfallopfer
Von Auto angefahren: Rollstuhlfahrer soll zahlen!
Der Fall sorgt nicht nur in Italien für Kopfschütteln: Weil der Gehsteig zu eng war, wich ein Rollstuhlfahrer im toskanischen Grosseto auf die Straße aus und wurde von einem Auto umgemäht. Der Lenker beging Fahrerflucht. Zwei Monate später bekam jetzt das Unfallopfer eine Geldstrafe über 42 Euro.
An einem milden Abend fuhr Andrea Canessa – 42 Jahre alt, nach einem Unfall querschnittsgelähmt und auf einen teils elektrischen Rollstuhl angewiesen – wie so oft eine kleine Runde durch sein Wohnviertel in Grosseto. Sein Weg führte ihn über die Via Giusti im Stadtteil Barbanella. Der Gehsteig dort war für ihn unpassierbar: Kanaldeckel, abgesenkte Kanten, schiefe Platten, fehlende Abfahrtsrampen – für Andrea ein unüberwindbares Hindernis. Also lenkte er seinen Rollstuhl auf die Straße.
Wenige Minuten später geschah das Unglück: Ein Auto schnitt ihm den Weg ab, es kam zur Kollision. Andrea stürzte mit dem Rollstuhl auf den Asphalt, während der Lenker ohne anzuhalten weiterfuhr. Erst ein anderer Autofahrer blieb stehen, leistete Hilfe und verständigte die Stadtpolizei. Andrea erlitt Verletzungen und musste im Spital behandelt werden. Bis heute habe er Schmerzen: „Ich kann kaum noch meine Arme heben“, schilderte er später.
Was danach folgte, ließ selbst hart gesottene Beobachter fassungslos zurück: Einige Wochen nach dem Unfall flatterte Andrea ein Strafzettel der Stadtpolizei ins Haus. Darin wurde er zur Zahlung von 42 Euro aufgefordert – bei rascher Zahlung „nur“ 33,20 Euro. Der Vorwurf: Er hätte mit dem Rollstuhl nicht auf der Fahrbahn fahren dürfen. Es sei ein Gehsteig vorhanden gewesen – samt Rampen.
„Das ist schlicht unwahr“, so Andrea. Die vorhandenen Rampen seien entweder nur in eine Richtung ausgeführt oder so steil, dass sie für ihn zur Gefahr geworden wären. „Wenn ich versucht hätte, da runterzufahren, hätte ich mich überschlagen können“, sagte er.
Nicht die 42 Euro tun weh – sondern das Gefühl, ungerecht behandelt zu werden.
Andrea Canessa
„Jetzt soll das Opfer der Schuldige sein?“
Andrea habe mittlerweile eine schriftliche Stellungnahme – eine sogenannte PEC – an die Polizei übermittelt. Er wolle die Strafe nicht einfach hinnehmen. Es gehe ihm nicht um das Geld, sondern um Gerechtigkeit: „Ich wurde verletzt – und am Ende bin ich der, der zahlen soll? Das kann's doch nicht sein.“
Noch schlimmer: Seit dem Unfall sei seine Bewegungsfreiheit noch eingeschränkter geworden. Für Andrea, der seit Jahren im Elternhaus gelebt hatte, verschärfte sich die Lage zusätzlich. Seine Mutter ist schwer krank, der Vater ist mit der Pflege überfordert. Andrea musste daher um einen Platz in einer Pflegeeinrichtung ansuchen – mit nur 40 Jahren.
Kein Platz in der Stadt – und angeblich zu jung
Doch auch das wurde zur Belastungsprobe: In Grosseto selbst fand sich kein Platz. Laut Andrea bekam er sogar eine abfällige Antwort von einem Stadtrat. Manche Einrichtungen hätten ihn schlicht abgelehnt – Begründung: Er sei zu jung für ein Heim, das eigentlich für ältere Menschen vorgesehen sei. Schließlich wurde er in einer Übergangslösung in Orbetello untergebracht – mehrere Kilometer von seiner Familie entfernt.








Willkommen in unserer Community! Eingehende Beiträge werden geprüft und anschließend veröffentlicht. Bitte achten Sie auf Einhaltung unserer Netiquette und AGB. Für ausführliche Diskussionen steht Ihnen ebenso das krone.at-Forum zur Verfügung. Hier können Sie das Community-Team via unserer Melde- und Abhilfestelle kontaktieren.
User-Beiträge geben nicht notwendigerweise die Meinung des Betreibers/der Redaktion bzw. von Krone Multimedia (KMM) wieder. In diesem Sinne distanziert sich die Redaktion/der Betreiber von den Inhalten in diesem Diskussionsforum. KMM behält sich insbesondere vor, gegen geltendes Recht verstoßende, den guten Sitten oder der Netiquette widersprechende bzw. dem Ansehen von KMM zuwiderlaufende Beiträge zu löschen, diesbezüglichen Schadenersatz gegenüber dem betreffenden User geltend zu machen, die Nutzer-Daten zu Zwecken der Rechtsverfolgung zu verwenden und strafrechtlich relevante Beiträge zur Anzeige zu bringen (siehe auch AGB). Hier können Sie das Community-Team via unserer Melde- und Abhilfestelle kontaktieren.