Spiralen-Skandal

Dänemark entschuldigt sich bei Grönländerinnen

Ausland
29.08.2025 07:14

In den 1960er- und 1970er-Jahren wurden Minderjährigen in Grönland die Spirale eingesetzt – ohne deren Zustimmung oder die der Eltern. Über Hundert Grönländerinnen klagten deswegen den Staat. Die dänische Ministerpräsidentin entschuldigte sich nun offiziell für die „Spiralenkampagne“.

Die dänische Ministerpräsidentin Mette Frederiksen hat sich im Namen ihres Landes für die in den 1960er-Jahren und auch danach durchgeführte sogenannte „Spiralkampagne“ in Grönland entschuldigt. Dabei wurden Minderjährigen ohne Information der Eltern zur Schwangerschaftsverhütung eine Spirale eingesetzt. „Wir können nicht ändern, was geschehen ist. Aber wir können Verantwortung übernehmen“, sagte Frederiksen laut einer Mitteilung.

Frauen wurde ohne ihre Zustimmung Spirale eingesetzt
Es war ein Facebook-Post von Naja Lyberth aus dem Jahr 2017, der die Berichterstattung über die grönländischen Frauen und die Spiralen ins Rollen brachte. Darin beschrieb Lyberth ihr Erlebnis als 14-Jährige in einem Krankenhaus in Maniitsoq im Jahr 1976. Seitdem erzählten immer mehr Grönländerinnen von ähnlichen Erlebnissen. Zu der Zeit war Dänemark für die Gesundheitsversorgung in Grönland verantwortlich. Viele der Frauen schildern heute, dass der Eingriff ohne ihr Einverständnis geschah.

2023 beauftragten die dänische und die grönländische Regierung eine unabhängige Kommission damit, den Spiralen-Skandal zu untersuchen. Der Abschlussbericht der Kommission wird im Laufe des Septembers erwartet.

Grönländische Kinder sind teuer für den dänischen Staat
Um zu verstehen, wie es zu dem Skandal kam, muss man ins Jahr 1953 zurückgehen. Damals wurde Grönland, das mehr als 200 Jahre lang eine dänische Kolonie war, Teil des Königreichs Dänemark. Die Regierung in Kopenhagen beschloss, die 3.000 Kilometer entfernte arktische Insel zu modernisieren. Es wurden Schulen und Wohnungen gebaut und dänische Ärzte nach Grönland geschickt, um die Gesundheitsversorgung zu verbessern. Die bessere medizinische Versorgung in Grönland führte unter anderem zu besseren Überlebenschancen für Neugeborene. Die vielen grönländischen Kinder wiederum waren teuer für den dänischen Staat – es mussten Kindergärten gebaut und mehr dänische Ärzte nach Grönland geschickt werden.

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Es war die Hölle. Ich hatte mehrere Jahre lang einen Fremdkörper in mir.

Naja Lyberth, betroffene Grönländerin

Mehr als ein Drittel bekamen Spirale eingesetzt
Um diese Entwicklung zu stoppen, startete die dänische Regierung im Jahr 1966 die sogenannte Spiralen-Kampagne. Alleine in den ersten vier Jahren wurden 4.500 Spiralen eingesetzt. Die Regierung in Kopenhagen schätzte im Jahr 1969, dass 35 Prozent aller Grönländerinnen im reproduktiven Alter das Verhütungsmittel eingelegt wurde – und stellte fest, dass die Zahl der Geburten in Grönland zurückgegangen ist.

„Es war die Hölle“
Viele der Grönländerinnen, mit denen der Sender DR gesprochen hat, empfanden das Einsetzen der Spirale als traumatisierend. Einige hatten das Gefühl, keine Wahl zu haben. „Ich konnte nicht dagegen ankämpfen“, erzählt beispielsweise Naja Lyberth. „Ich war nicht dazu erzogen, Autoritäten zu widersprechen.“ Dazu kam, dass die Spiralen, die damals in Grönland benutzt wurden, viel größer waren als die Kupfer- und Hormonspiralen, die heute verwendet werden. Sie bestanden aus Kunststoff, waren schwierig einzuführen und nicht geeignet für Frauen, die noch nie ein Kind geboren haben. 

„Es war die Hölle. Ich hatte mehrere Jahre lang einen Fremdkörper in mir“, erinnert sich Naja Lyberth, die, als ihr im Alter von 14 Jahren die Kunststoffspirale eingesetzt wurde, noch nicht sexuell aktiv war. „Der dänische Staat hat mir meine Unschuld genommen“, sagt sie zu DR.

Zwölfjährige bekamen unwissend Verhütungsmittel eingesetzt
Der Sender berichtet, dass einige der Mädchen und Frauen nicht einmal wussten, dass ihnen das Verhütungsmittel – beispielsweise während einer gynäkologischen Untersuchung – eingesetzt wurde. Nach Angaben des dänischen Instituts für Menschenrechte waren manche der grönländischen Mädchen erst zwölf Jahre alt, als sie die Spirale bekamen.

143 Grönländerinnen verklagten den dänischen Staat
Nach Bekanntwerden des Spiralen-Skandals aus den 60ern und 70ern meldeten sich auch Frauen zu Wort, denen ohne ihr Einverständnis Spiralen eingesetzt wurden, nachdem Grönland im Jahr 1992 selbst die Verantwortung für das Gesundheitswesen übernommen hatte. Dafür entschuldigte sich der grönländische Regierungschef Jens Frederik Nielsen am Mittwoch bei allen Betroffenen und versprach ihnen eine Entschädigung.

Verletzung der Menschenrechte
Naja Lyberth hat zusammen mit 142 weiteren Grönländerinnen den dänischen Staat wegen der Verletzung ihrer Menschenrechte verklagt. Die Frauen fordern je eine Entschädigung in Höhe von 300.000 dänischen Kronen (etwa 40.000 Euro). Die dänische Regierung möchte sich zu den Forderungen erst äußern, wenn die Ergebnisse der Untersuchungskommission vorliegen.

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