„Krone“-Interview

Chloë Foy: Aus der ständigen Trauer herausgewühlt

Musik
26.07.2025 09:00

Mit ihrem zweiten Album „Complete Fool“ strampelt sich die britische Samtstimme Chloë Foy aus ihrer lebenslangen Trauer und zeigt sich von einer fröhlicheren und zugänglicheren Seite. Warum die Melancholie bei der Folk-Musikerin trotzdem die Oberhand behält, verrät sie im Talk mit der „Krone“.

kmm

Zart und filigran waren die Töne und Lieder von Chloë Foy, als sie im Herbst 2023 im Rahmen des stets fein kuratierten Blue Bird Festivals im Wiener Porgy & Bess für Begeisterung sorgte. Die Britin aus dem beschaulichen Gloucestershire feilte rund zehn Jahre lang an ihrem Debütalbum „Where Shall We Begin“ (2021), dessen tiefgreifende Traurigkeit sich perfekt mit den kühlen Herbsttemperaturen fusionierte. Der schlimmste von diversen Schicksalsschlägen war zweifellos der Suizid ihres geliebten Vaters, den die Künstlerin mitunter auf dem Debütalbum verewigte. Direkt nach der schwermütigen Abhandlung ihres früheren Lebensabschnitts machte sich Foy an die Arbeit zu den Songs ihres unlängst veröffentlichten Nachfolgers „Complete Fool“. Fertig sind die Tracks schon seit eineinhalb Jahren, durch ihren Status als Independent-Künstlerin war es ihr aber nicht möglich, den Veröffentlichungsprozess schneller in Gang zu bringen.

Kreativ durch das ruhige Leben
Ganz im Gegensatz zum Einstand hat sich Foy auf positivere Töne und eine lebensbejahende Grundstimmung konzentriert. Wiewohl es auch hier wieder alle möglichen Tragödien abzuhandeln gilt. Vorneweg ein Beziehungsende nach mehr als zehnjähriger Gemeinschaft, das sie im Titeltrack oder in „Blinkers“ durchaus humorig, aber auch nachdenklich und reflektierend behandelt. „Ich habe in dieser Beziehung lange nicht realisieren wollen, was wirklich abging und wohin wir uns bewegten“, erzählt sie der „Krone“ im Gespräch, „es war für mich klar, dass daraus Lieder entstehen würden. Es war schon bislang immer so: Je verlorener ich mich im Alltag fühle, umso leichter purzeln mir die Songs aus dem Kopf.“ Foy ist eine nachdenkliche Melancholikerin. Ihren kurzen Wien-Aufenthalt beim Blue Bird Festival nutzte sie für einen Christkindlmarktbesuch, geröstete Mandeln und das Lesen eines Buches bei einem warmen Tee. „Dann schreibe ich nebenbei in mein Journal. Gedanken, Erinnerungen, Erlebtes. Manches davon findet sich später in der Musik wieder.“

Der Zugang zum Songwriting hat sich über die letzten Jahre etwas adaptiert. „Es muss nicht immer aus der Trauer heraus passieren, manchmal reicht auch die Turbulenz des Alltags, die zwischen Angst und Aufregung pendelt. Das zweite Album ist auf jeden Fall ein Aufbruch. Es gibt darauf mehr Humor und ironische Doppelbödigkeit. Ich frage mehr Fragen und versuche Antworten darauf zu finden. Die Musik ist zu einem großen Teil leichtfüßiger und fröhlicher ausgefallen.“ Der Sprung vom inhaltlich abgründigen, schwierigen Debüt zum freier schwebenden Zweitwerk fiel der Künstlerin anfangs gar nicht so leicht. „Das ganze erste Album behandelte meine bisherige Existenz und alle Untiefen – wo geht man von diesem Standpunkt aus hin? Was ist die Startposition, um eine neue Richtung einschlagen zu können? Diese Fragen musste ich mir erst einmal beantworten, um gedanklich weiterzukommen.“

Den Tod akzeptieren lernen
Existenzielles war nicht zuletzt ein wesentlicher Teil von „Complete Fool“ - wenn auch mit einer anderen Ausrichtung und Herangehensweise. „Wir leben als Menschen in so sonderbaren Zeiten, dass ich mich manchmal frage, wo überhaupt der Sinn für alles ist? Ich habe viel Literatur über Menschen und ihre Verhaltensweisen gelesen und kam an den Punkt, an dem erläutert wird, warum wir alle so selten über den Tod reden. Als jemand, der persönlich sehr früh und sehr direkt damit konfrontiert war, war er für mich nie tabu. Wir sind so kurz auf dieser Welt, warum verleugnen und verschweigen wir dieses Thema? Gerade in der westlichen Kultur ist der Tod, gekoppelt mit der Religion, so schwer und deprimierend. In einer Welt des Turbokapitalismus und der ständigen Beschäftigung schieben wir das Thema so weit es geht von uns weg. Wenn du den Tod dein Leben lang wegschiebst, wird er, wenn er näherkommt, nur noch schwerer auf dir lasten. Man muss ihn akzeptieren und auch Emotionen wie Wut, Verzweiflung und Trauer. Sie gehören zu uns dazu.“

Nicht zuletzt das Erwachsenwerden und Reifen hat Foy dazu gebracht, die Dinge lockerer zu sehen und nicht immer in tiefschürfende Trauer zu versinken. „Ich begann zu meditieren oder habe mich wieder stärker mit der Natur verbunden. Ich versuchte all die Dinge, die mich belasten, nicht so nahe an mich ranzulassen oder spielerischer zu betrachten. Das waren alles Mechanismen, mit denen es mir etwas besser ging. Mittlerweile nehme ich auch eine Therapie in Anspruch und mache mir manchmal Sorgen, dass ich keine Songs mehr schreiben kann, weil ich jetzt alles dort verarbeite“, lacht sie, „es hilft mir aber auch deutlich, die Dinge etwas spielerischer und leichter zu sehen. Das wird auch meiner Musik nicht schaden und kann im Endeffekt rundum nur hilfreich sein.“ Das offene Reden über und Umgehen mit Problemen habe schon direkte Auswirkungen auf das Songwriting gehabt. „Das zweite Album hat sich wie ein komplett neues Projekt angefühlt – wohl auch, weil ich eine komplett andere Person geworden bin.“

Liebe zum britischen Norden
Musikalisch sozialisiert wurde Foy übrigens in Manchester. „Eine Stadt, die für mich immer einen speziellen Wert haben wird. Dort ist alles etwas enger und warmherziger als in London. London ist eine typische Großstadt, wo jeder so schnell wie möglich den nächsten Schritt machen will und auf sich fokussiert ist – das ist in Manchester ganz anders.“ Nur mit der dortigen Musikhistorie rund um Oasis, New Order, The Stone Roses oder The Smiths fängt sie wenig an. „Eine sehr männliche Indie-Sound-Welt“, lächelt sie verschmitzt, „das sind alles großartige Musiker, aber in meiner Welt haben diese Acts keine große Relevanz. Manchester war für mich der Ort, wo ich in eine musikalische Community aufgenommen wurde. Ich wurde von anderen Songwritern inspiriert und habe mich und meinen Geschmack dort weiterentwickelt. Mit „Complete Fool“ geht Chloë Foy den nächsten großen Schritt und zeigt, dass Folk Musik von zeitloser Relevanz ist – und dass man sich immer vom Schmerz befreien kann.

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