Rettung geglückt, endlich ein neuer „Jedermann“: Robert Carsen zeigt mit dem fulminanten Philipp Hochmair als hochcharismatischem Prasser und Deleila Piasko, einer mehr als bloß dekorativen Buhlschaft, ein unprovinzielles Läuterungsspiel, das an die letzten Dinge geht.
Augenfälliger könnte der Unterschied nicht sein. Vor einem Jahr kamen die Klimakleber, erst die inszenierten und dann die echten, die mangels qualitativer Unterscheidbarkeit für einen Teil der Aufführung gehalten wurden. Die inszenierten sprayten Erwartbares auf die Kulissenwand, mit der man das Domportal zugebaut hatte. Dem Publikum reichten diese beflissenen Klein-klein Aktualisierungen: Angesichts drohender Verkaufseinbrüche warfen die Festspiele das Malheur aus dem Programm und verpflichteten den kanadischen Weltregisseur Robert Carsen.
Jetzt gehört der Beginn einem Solo der großen Orgel und der unbehelligten Majestät des nächtlichen Doms (das vorangegangene Regieteam hätte heuer vermutlich die Leiner-Baustelle vor das Gotteshaus gepflanzt). Das Wenige an Versatzstücken, das im Verlauf des Abends hereingebracht wird, verschwindet Stück um Stück. Als es für den Prasser an die letzten Dinge geht, wird ihm auch noch der Rasenteppich unter den Füßen weggezogen. Ein solches Bild der Einsamkeit wie das des fast entblößten Ausgestoßenen hat man lang nicht mehr gesehen. In diesem zweiten Teil, dem der Läuterung, besteht kein Zweifel mehr, dass die Rolle auf Philipp Hochmair gewartet hat.
Bis dahin dauert es freilich: Carsen kommt von der Oper und ist gewohnt, Massen zu bewegen. Das verführt ihn zu einer überlang aufgedonnerten Tischgesellschaft, als habe eine Musicaltruppe das Kommando übernommen. Gewiss dient auch das der Erkenntnis, die Hofmannsthals Text zeitlos macht: dass wir uns mit der Gier nach Geld und Lust selbst zur Hölle schicken. Aber hier wäre noch Hand anzulegen.
Dann könnte man sich noch stärker auf die von Luis F. Carvalho kostümierten Gestalten konzentrieren. Auf die große Andrea Jonasson als Mutter; die faszinierende Dörte Lyssewski als Werke und armer Nachbar; die komischen, präzisen Vettern (Lukas Vogelsang, Dieter Lommatzsch); den furiosen Mammon Kristof Van Bovens, der dem Jedermann als hämischer Doppelgänger Bescheid gibt; den auch rhetorisch brillanten Christof Luser als Teufel und guter Gesell. Und den außergewöhnlichen Tod des jungen Dominik Dos-Reis, einen sanften und strafenden Engel der Erlösung. Nur mit Deleila Piaskos an sich hoch präsenter Buhlschaft kann die Regie nichts anfangen: Ihr Beitrag beschränkt sich weitgehend auf den Turniertanz.
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