Problembereich Lesen

Wer trägt Schuld am Bildungsdesaster im Ländle?

Vorarlberg
12.03.2026 20:00

Nach Veröffentlichung der desaströsen Ergebnisse der Vorarlberger Volksschüler bei der bundesweiten Kompetenzmessung schieben sich die unterschiedlichen Player die Verantwortung zu. Einig ist man sich nur in einem Punkt: Es muss sich etwas ändern. 

Da gibt es nichts schönzureden: Wie berichtet erreichen laut einem aktuellen Monitoring lediglich 81 Prozent der Vorarlberger Volksschüler den eigentlich vorgegebenen Bildungsstandard im Fach Mathematik. Noch prekärer ist die Lage bei der Grundkompetenz Lesen – hier erfüllen gerade einmal 55 Prozent die definierten Ziele.

Damit liegt das Ländle deutlich unter dem ohnehin schon miserablen Bundesschnitt, nur in der Bundeshauptstadt Wien sind die Kompetenzlücken der Schüler noch ein wenig größer. Es geht ums Eingemachte: Wenn Kinder nicht sinnerfassend lesen und ohne den Einsatz von Künstlicher Intelligenz keinen geraden Satz formulieren können, dann werden sie es als Erwachsene im Leben schwer haben.

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Man muss die Verantwortlichkeiten sauber trennen – die zentralen systemischen Hebel liegen beim Bund.

Barbara Schöbi-Fink

„Chancenreichster Lebensraum für Kinder“
Davon zeugt auch eine aktuelle Studie, die besagt, dass bereits jetzt in Vorarlberg jeder siebte junge Mensch zwischen 15 und 24 Jahren ohne Job oder Ausbildung ist – das ist der zweithöchste Wert aller Bundesländer. Dabei hat sich die Landesregierung bekanntlich auf die Fahnen geschrieben, Vorarlberg zum „chancenreichsten Lebensraum für Kinder und Jugendliche“ machen zu wollen. Oder wie es Landeshauptmann Markus Wallner so gerne formuliert: „Wir lassen kein Kind zurück!“ Ein Satz, der angesichts der ernüchternden Realität wie ein Hohn klingt. Vorarlberg ist auf dem besten Weg, die Chancen von abertausenden Kindern und Jugendlichen zu verbauen – und damit über kurz oder lang seinen Wohlstand zu verlieren.

„Duck-dich-weg-Taktik“ von Schöbi-Fink
Bezeichnend ist, dass die zuständige Bildungslandesrätin Barbara Schöbi-Fink in einer ersten Reaktion erst einmal den Schwarzen Peter in Richtung Bund geschoben hat: „Man muss die Verantwortlichkeiten sauber trennen – die zentralen systemischen Hebel in der Bildung liegen beim Bund.“ Diese „Duck-dich-weg-Taktik“ kommt bei der Vorarlberger Wirtschaftskammer allerdings nicht gut an. Statt gegenseitiger Schuldzuweisungen und einzelner punktueller Maßnahmen brauche es endlich ein gemeinsames, an klaren Strategien ausgerichtetes Vorgehen aller Verantwortlichen.

„Die Schule hat einen klaren Leistungsauftrag. Dass dieser erfüllt wird, darf sich auch die Wirtschaft erwarten. Für die Wirtschaft sind solide Grundkompetenzen eine zentrale Voraussetzung für erfolgreiche Bildungs- und Berufswege, vor allem auch der Lehrausbildung. Wenn Kinder am Ende der Volksschule nicht ausreichend lesen, schreiben und rechnen können, gefährdet das letztendlich auch die Fachkräftebasis und die zukünftige wirtschaftliche Entwicklung“, spricht Gudrun Petz-Bechter, stellvertretende Direktorin in der Wirtschaftskammer, Klartext.

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Wenn Kinder am Ende der Volksschule nicht ausreichend lesen, schreiben und rechnen können, gefährdet das auch die wirtschaftliche Entwicklung

Gudrun Petz-Bechter, Wirtschaftskammer

Ganztagsschulen: Sind sie die Lösung?
Vor allem gelte es, so die Wirtschaftskammer, den Ausbau der Ganztagsschulen voranzutreiben. Und zwar in verschränkter Form. Soll meinen: Unterricht, Lern- und Freizeitphasen wechseln sich über den Tag hinweg ab, Hausaufgaben und Übungsphasen sind bereits in den Schulalltag integriert und werden unter pädagogischer Aufsicht erledigt. Dieses Konzept entspreche besser dem Biorhythmus der Kinder, zudem würden die längeren Lernblöcke moderne Unterrichtsformen wie Projektunterricht, Stationenbetrieb oder schülerzentriertes Lernen ermöglichen. 

Die Ganztagsschule wäre letztlich auch eine Antwort auf die Tatsache, dass in Vorarlberg vergleichsweise viele Kinder – nicht nur, aber auch wegen des hohen Anteils an Migranten – ungünstige sozioökonomische Voraussetzungen für eine erfolgreiche Bildungskarriere haben. Oder anders ausgedrückt: Die Schulen sollen kompensieren, was von den Familien versäumt wurde.

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Was hilft es, wenn Lehrer jeden Tag zwei Stunden über die Bedeutung des Lesens sprechen, während zuhause 24 Stunden lang Fernseher, Handy und PC laufen?

Stephan Obwegeser, ÖAAB-Lehrer

„Schule kann Elternhaus nicht ersetzen“
Bei der Vorarlberger Lehrerschaft hält sich die Freude über diese Perspektive allerdings in Grenzen. Stephan Obwegeser, stellvertretender ÖAAB-Lehrer-Obmann, betont, dass die Verantwortung nicht einseitig auf die Schulen abgewälzt werden darf: „Die Schule kann viel tun – aber sie kann eines nicht ersetzen: das Elternhaus. Was hilft es, wenn Lehrerinnen und Lehrer jeden Tag zwei Stunden über die Bedeutung des Lesens sprechen, während zuhause 24 Stunden lang Fernseher, Handy und PC laufen? Wer seine Freizeit hauptsächlich mit 30‑Sekunden-Videos verbringt, lernt nicht lesen.“

Die Eltern müssten ihre Rolle ernst nehmen und ihre Kinder aktiv zum Lesen bringen: „Dafür werden viele ihren eigenen Medienkonsum hinterfragen müssen. Wer selbst ständig auf das Smartphone schaut, kann kein glaubwürdiges Vorbild für die Kinder sein.“

Alles steht und fällt mit der Lesekompetenz
Obwegeser, der angesichts der erschreckenden Studienergebnisse unverblümt von einem „Bildungsnotstand“ spricht, plädiert dafür, dem Erwerb der Lesekompetenz höchste Priorität einzuräumen – gerade auch vor dem Hintergrund der gegenwärtigen digitalen Revolution: „Durch den rasanten Einsatz von KI wird sich die Schere zwischen starken und schwachen Schülerinnen und Schülern weiter öffnen. Wer gut lesen kann, wird KI sinnvoll nutzen und davon profitieren. Wer kaum lesen kann, wird noch weiter abgehängt. Die Schule kann das nicht allein lösen.“

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