Fr, 22. Juni 2018

"Brauchen wir nicht"

05.10.2012 10:47

Romney nach TV-Duell im Clinch mit "Sesamstraße"

Eigentlich hatte sich Mitt Romney bei seinem ersten Fernsehduell gegen US-Präsident Barack Obama am Mittwochabend überraschend gut geschlagen. Doch mit einer Äußerung zog der Republikaner den geballten Zorn der Fangemeinde der "Sesamstraße" auf sich. Romney erklärte, er würde als Präsident die Subventionierung des US-Sendernetzwerks "PBS" beenden, auf dem die beliebte Kindersendung läuft. Amerika brauche das nicht.

PBS ("Public Broadcasting Service") ist der einzige TV-Sender in den USA, der mit öffentlich-rechtlichem Rundfunk nach europäischem Vorbild vergleichbar ist. Gegründet wurde die Senderkette in den Sechzigern als Zusammenschluss von fast 400 lokalen und regionalen TV-Stationen, die auch die selbstproduzierten Inhalte bereitstellen.

Das Programm wird zum Großteil aus Spenden finanziert und hat sich mit Sendungen wie "News Hour", der Doku-Leiste "Frontline" und eben der Sesamstraße über die Jahre das Prädikat wertvoll erarbeitet. Die Bundesregierung gewährt für bestimmte Programme staatliche Zuschüsse, die in den USA, wo staatlicher Eingriff in die Medienlandschaft als verpönt und gar kommunistisch gilt, seit Jahrzehnten diskutiert werden. Dass PBS die ansonsten von Reality-Shows und seichter Unterhaltung dominierte Privat-TV-Landschaft der USA bereichert, ist aber allgemein unbestritten.

Romney will für PBS "nicht weiter Geld von China borgen"
Romney hält dennoch nichts von PBS. "Es tut mir leid, Jim", sagte der Republikaner zum Moderator des TV-Duells, Jim Lehrer, der als PBS-Urgestein gilt. "Ich würde die Subventionen für PBS stoppen. Versteh' mich nicht falsch, ich mag PBS. Ich mag Big Bird (eine Figur der Sesamstraße, in der deutschsprachigen Version "Bibo", Anm.), ich mag sogar dich; aber ich werde mir nicht weiter Geld von China borgen, um für Dinge zu bezahlen, die wir nicht brauchen."

Während Obama die Ankündigung unkommentiert ließ, löste sie im Internet einen Sturm der Entrüstung aus. Romney werde von einer Gang von Kleinkindern mit Plastik-Baseballschlägern überfallen werden, kündigte der Schauspieler Eche Madubuike im Kurznachrichtendienst Twitter an: "Wehe, wenn du jemals, jemals Big Bird bedrohst!" Der Journalist Eli Clifton schrieb: "Obama hat Bin Laden getötet. Romney will lieber Big Bird einen Hieb versetzen."

Big Bird auf Twitter am Weg zum Arbeitslosenamt
Die Sesamstraßen-Produzenten hielten sich indes auf ihrem offiziellen Twitter-Profil zurück: "Wir sind eine unparteiliche Nonprofit-Organisation und kommentieren den Wahlkampf nicht. Aber wir sind uns einig, dass Big Bird von allen geliebt wird."

Big Bird selbst twitterte am Donnerstag: "Meine Schlafenszeit ist normalerweise um 19.45 Uhr, aber ich war gestern so müde, dass ich schon um sieben ins Bett bin. Hab ich was versäumt?" In der Sesamstraße ist der 2,50 Meter große gelbe Vogel zwar ein artistisches Talent, in Sachen Logik aber etwas begriffsstützig.

Ein "BigBirdRomney" genannter Doppelgänger, der seit Donnerstag twittert, erkundigt sich bei seinen knapp 10.000 Followern derweil fleißig, wo er Arbeitslosengeld bekommen kann und ob nach Präsident Barack Obamas Gesundheitsreform jetzt auch "gebrochene Herzen" behandelt werden können.

PBS-Direktorin "fast vom Sessel gefallen"
PBS-Direktorin Paula Kerger antwortete am Freitag auf Romneys Aussagen mit Kritik: "Angesichts der enormen Probleme, denen sich unser Land gegenübersieht, ist es für mich unbegreiflich, dass PBS in den Fokus gerückt wird." Sie sei während des TV-Duells "fast vom Sessel gefallen". PBS sei "Amerikas größtes Klassenzimmer" und angesichts der Dimension der finanziellen Unterstützung des Senders durch die Regierung im Vergleich zu anderem, könne Romneys Angriff nur politisch motiviert sein, nicht aus Sorge um das Budget.

Die finanzielle Unterstützung, die im Übrigen nicht direkt an PBS, sondern an seine stiftenden TV-Stationen gewährt wird, die jedem Subventionstausender 6.000 Dollar an Spenden gegenüberstellen, mache ungefähr ein Hunderstel eines Prozents des US-Haushalts aus, erklärte PBS in einer Aussendung. Sie zu kappen würde praktisch keine Auswirkungen auf den Schuldenstand Amerikas haben, sehr wohl aber auf die Gesellschaft.

Zwei Drittel der US-Bürger sprächen sich gegen eine Streichung der PBS-Subventionen aus, so PBS. Das "Public Broadcasting Service" wurde 2012 zum neunten Mal in Folge als vertrauenswürdigste öffentliche Institution in den Vereinigten Staaten gerankt.

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