So, 19. August 2018

Neun Monate danach

16.12.2011 08:37

Tokio: Fukushima unter Kontrolle - Experten zweifeln

Neun Monate nach der Natur- und Atomkatastrophe in Japan hat die Regierung das havarierte Kernkraftwerk Fukushima Daiichi für sicher erklärt. Das Ziel, die in Folge des Erdbebens und des Tsunamis vom 11. März schwer beschädigten Reaktoren bis zum Jahresende in einem "cold shutdown" (Kaltabschaltung) unter Kontrolle zu bringen, sei erreicht, verkündete das Kabinett am Freitag. Umweltschützer kritisieren die Verlautbarung als "Irreführung der Bevölkerung".

Nach Definition der Regierung und des Atombetreibers Tepco liegt eine Kaltabschaltung vor, wenn die Temperatur am Boden der Druckbehälter unter 100 Grad gehalten wird, sodass kein weiteres Kühlwasser mehr verkocht. Experten und Umweltschützer werfen dem Kabinett allerdings einen falschen Gebrauch des technischen Begriffs der Kaltabschaltung vor.

"Grenzt an bewusste Lüge"
"Hier von Kaltabschaltung zu sprechen, grenzt an eine bewusste Lüge", sagte Reinhard Uhrig, Atomexperte der Umweltschutzorganisation Global 2000, am Freitag. Kaltabschaltung bezeichne bei Atomkraftwerken den Zustand des ausgeschalteten, heruntergefahrenen Reaktors. Dessen Brennelemente wurden durch die Zufuhr von Kühlwasser über Monate so lange gekühlt, dass die Nachzerfallswärme von anfangs fünf Prozent der Reaktorleistung abgeführt wurde und die Brennelemente auch ohne weitere Kühlung das Wasser nicht über 100 Grad erhitzen würden. Davon sei man laut Uhrig in Fukushima meilenweit entfernt.

"In Fukushima gibt es keine Brennelemente mehr: Sie sind vollständig geschmolzen, haben sich durch die Reaktordruckbehälter gebrannt und sind als Uran-Plutonium-Klumpen auf den Boden der Umhüllung gefallen, wo sie sich bereits in den Betonmantel hineingebrannt haben - im Fall von Reaktor 1 bis auf 30 Zentimeter an die äußere Stahlhülle heran", so Uhrig. "Die Temperatur im Inneren der Brennstoff-Klumpen beträgt schätzungsweise immer noch über 3.000 Grad - nur durch die massive Zufuhr von Wasser, nämlich 22.000 Liter pro Stunde, können diese hochgefährlichen Stoffe daran gehindert werden, wieder eine Kernschmelze zu erreichen."

"Sicherheits-Mythos von Tepco"
Darüber hinaus habe Tepco laut Global 2000 verkündet, dass die radioaktive Freisetzung durch das AKW "unter Kontrolle" sowie das Risiko für die Bevölkerung "signifikant reduziert" worden seien. "All dies ist Teil des Sicherheits-Mythos der Verantwortlichen von Tepco, die bereits kurz nach Beginn der Reaktorkatastrophen eine 'Roadmap towards Restoration' veröffentlicht haben, in der genau dieser Zeitablauf vorgezeichnet wurde: Kaltabschaltung bis Ende 2011", empörte sich Uhrig.

Doch damit nicht genug: Global 2000 sieht die hohe Wasserstoffkonzentration in den Reaktordruckbehältern als zweites "akutes Problem". "In Rohrleitungen wurden bis zu 60 Prozent Wasserstoff gemessen - ab vier Prozent ist ein Wasserstoff-Sauerstoff-Gemisch hochexplosiv, wie sich bei den Explosionen im März gezeigt hat, die die Reaktorhüllen zerstörten. Der Betreiber experimentiert jetzt mit der Zuleitung von Kühlwasser, die reduziert wird, um die Temperaturen in den Reaktoren wieder zu steigern - dadurch soll die Wasserstofffreisetzung unter Kontrolle gebracht werden", so Uhrig.

"Weitere Verstrahlung passiert laufend"
Zusätzlich würde extrem viel Wasser benötigt, um die Reaktoren zu kühlen. Diese Wassermengen entpuppten sich als 89 Millionen Liter hoch radioaktive Brühe, die sich im Keller der Reaktoren sammelt und von dort ins Grundwasser sickert. Ernüchterndes Fazit von Uhrig: "In Fukushima experimentieren die Betreiber mit der Sicherheit der Menschheit - weitere Verstrahlung passiert laufend, und von einem sicheren Zustand sind die Reaktor-Ruinen weit entfernt."

Auch japanische Medien weisen darauf hin, dass niemand genau wissen könne, wie es in den Reaktoren aussehe. Wegen der Hitze und Strahlung kann niemand hinein. Daher gibt es auch Zweifel an der Darstellung der Regierung. In der japanischen Bevölkerung sind ebenso viele nicht bereit, der Regierung ohne weiteres Glauben zu schenken. Viele misstrauen dem Staat. Hatten Regierung und Tepco sowie ihnen nahestehende Experten in den Medien des Landes nicht auch in den ersten Wochen nach Beginn der Katastrophe immer wieder erklärt, es bestehe keine Gefahr? Die Verkündung der Kaltabschaltung kann ohnehin nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Krise noch lange nicht ausgestanden ist.

Fest steht, dass die Aufräumarbeiten in dem AKW noch Jahrzehnte dauern werden. Hinzu kommt, dass noch immer riesige Gebiete in der Region radioaktiv verseucht sind, manche werden möglicherweise für immer unbewohnbar sein. Zehntausende Menschen sind weiter auf der Flucht vor den Strahlen. Auch wenn die Regierung jetzt erklärt, dass die radioaktive Belastung in den evakuierten Gebieten unter den Richtwert für Evakuierungen gesunken sei, so sind dennoch weiterhin Zigtausende Eltern verunsichert.

Beben und Tsunami am 11. März
In dem Atomkraftwerk war am 11. März durch ein Erdbeben der Stärke 9,0 und einem anschließenden Tsunami das Kühlsystem so schwer beschädigt worden, dass die Brennstäbe in den Reaktoren 1 bis 3 vollständig schmolzen. Um die Reaktorkammern zu kühlen, besprühen die Reparaturtrupps sie nach wie vor mit Wasser. Dazu errichtete Tepco ein Zirkulationssystem, mit dessen Hilfe nach Angaben des Betreibers inzwischen eine stabile Kühlung der Reaktoren gewährleistet ist. Die Entsorgung des verseuchten Wassers stellt aber weiter eines der größten Probleme dar.

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