26.06.2022 06:00 |

Das große Interview

Wie geht es Ihren Schweinen, Herr Hörtenhuemer?

Entsetzliche Bilder aus Schweinefabriken bringen eine ganze Branche in Verruf. Manfred Hörtenhuemer (47) ist Schweinebauer in dritter Generation. Ein Gespräch über Tierwohl, Vollspaltenböden und eine Industrie, von der Konsumenten keine Ahnung haben.

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Adrett und gepflegt steht er da, der „Moar z‘Hof“ mit seinen weitläufigen Stallungen und einer Dreifaltigkeitskapelle. Im Garten blühen Rosen, aus Obst und Nüssen wird Schnaps gebrannt, Bienenvölker liefern Honig. Alles bio, würde man glauben. In 100 Boxen leben hier mehr als 1000 Schweine auf Vollspaltenböden.

Im Interview schildert Manfred Hörtenhuemer, der auch Ortsbauernobmann von Steinerkirchen bei Wels ist, den Druck, unter den konventionelle Schweinehaltungsbetriebe geraten sind.

„Krone“: Was ist durch Ihren Kopf gegangen, als Sie die Bilder von toten und schwer verletzten Schweinen aus einem niederösterreichischen Mastbetrieb gesehen haben?
Manfred Hörtenhuemer: Ich war fassungslos. Das sind fürchterliche Zustände. Ein Super-GAU. Und plötzlich stehen alle Schweinemäster unter Generalverdacht. Als Bauer kann ich mir absolut nicht vorstellen, wie es so weit kommen kann. Wenn sich eines unserer Schweine verletzt, separieren wir es sofort. Wir haben eine eigene kleine Station, auf der sich kranke Tiere wieder erholen können.

Dieser Betrieb hatte sogar das AMA-Gütesiegel. Wie ist so etwas möglich?
Auch das verstehe ich nicht. Wir haben dieses Gütesiegel auch und werden regelmäßig kontrolliert, auch vom Tiergesundheitsdienst. Seit 2022 gelten für das AMA-Gütesiegel strengere Richtlinien, die Schweine müssen jetzt 10 Prozent mehr Platz haben, mindestens 0,77 Quadratmeter. Bis 2030 sollen es dann 25 Prozent mehr werden.

Das heißt, ein Tier hat nicht einmal einen Quadratmeter Raum zum Leben?
Das ist richtig. Die Tiere sollen alle gemeinsam entspannt liegen können, und das ist der Fall.

Entspannt liegen auf Vollspaltenböden?
Sehen Sie doch selbst. - Manfred Hörtenhuemer führt uns zu den Ferkeln, die tatsächlich friedlich am Boden liegen und schlafen. Als sie uns hören, wachen sie auf und laufen unruhig herum.

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Unsere Tiere leiden nicht. Aber man muss auch ehrlich sagen, das hier ist kein Streichelzoo. Das ist eine Fleischproduktion.

Manfred Hörtenhuemer

Diese Tiere sehen nie den Himmel und auch keine Wiese. Was würden Sie sagen, wie es Ihren Schweinen geht?
Wir versorgen sie gut, sie haben ständig frisches Wasser und fressen das Getreide, das wir selber anbauen. Gerste, Weizen, Mais. Ackerbohnen und Raps. Wir arbeiten Tag für Tag mit unseren Schweinen und wissen, was sie brauchen. Unsere Tiere leiden nicht. Aber man muss auch ehrlich sagen, das hier ist kein Streichelzoo. Das ist eine Fleischproduktion.

Schweine brauchen das Suhlen, das Wühlen. Das können sie auf diesen Böden ohne Streu nicht.
Meine Eltern hatten erst Strohställe, aber dafür gibt es heute keine Arbeitskräfte mehr. Dann Teilspaltenböden. Wenn es da zu Verschmutzung kommt, dann liegen die Tiere im eigenen Kot und Urin, und der Gestank ist unerträglich. In den letzten 20 Jahren haben wir sukzessive umgestellt. Vollspaltenböden sind ein bewährtes System.

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Die Kritik in den Medien lässt uns nicht unberührt. Aber uns würde ein Umbau Millionen kosten. Wer kann sich das leisten?

Manfred Hörtenhuemer

Ein System, das nicht haltbar ist. Wären Sie bereit, Ihre Vollspaltenböden aufzugeben und auf ein anderes System umzustellen?
Das kommt darauf an. Wir haben uns bereits intensiv mit dieser Frage beschäftigt. Die Kritik in den Medien lässt uns ja nicht unberührt. Aber uns würde ein Umbau Millionen kosten. Wir müssten komplett neue Ställe bauen. Wer kann sich das leisten? So groß kann die finanzielle Unterstützung gar nicht sein. Meine Befürchtung ist halt, dass wir dann nicht mehr davon leben könnten. Und dass es zu einem massiven Bauernsterben kommen wird.

Seinen Hof gibt es schon seit 1911

Manfred und Nicole Hörtenhuemer führen einen Schweinemastbetrieb nach den AMA-Richtlinien in Steinerkirchen bei Wels, Oberösterreich. Der Hof befindet sich seit 1911 in Familienbesitz. Auf 75 Hektar Acker bauen sie das Getreide an, das sie ihren 1050 Schweinen verfüttern. Die Tiere leben auf Vollspaltenböden in belüfteten Abteilen mit Fenstern auf den gesetzlich vorgeschriebenen 0,77 Quadratmetern pro Schwein. Das Paar hat drei Kinder. Daniel, der jüngste Sohn, will den Betrieb einmal übernehmen.

Wie gut können Sie jetzt von Ihrer Schweinemast leben?
Wir bekommen die Tiere von unserem Züchter, da sind sie 10 bis 12 Wochen alt. Geboren in Österreich. Dann werden sie gemästet, bis sie in den Schlachthof kommen. Ein Schwein bringt 230 bis 240 Euro. Als Ferkel kostet es mich 90 Euro, dazu kommen ca. 100 Euro Futterkosten, Tendenz steigend. Da kann man sich ausrechnen, was bleibt.

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Der Konsument sieht nur das süße Schwein aus der Werbung, mit dem die Konzerne eine heile Welt vermitteln. Aber diese Welt gibt es nicht.

Manfred Hörtenhuemer

Sind Sie gern Schweinemäster?
Ja, ich mache das mit großer Leidenschaft und großem körperlichem Einsatz. Es ist ein verantwortungsvoller Beruf. Und es verändert sich gerade sehr viel in Richtung Nachhaltigkeit. Bei diesem Prozess müssen von den Konsumenten bis zur Politik alle an einem Strang ziehen, dann schaffen wir es vielleicht. Die Kennzeichnungspflicht ist ein erster Schritt. Dann kann der Konsument entscheiden. Will er in Österreich produziertes Fleisch oder ist es ihm egal?

Wo sehen Sie das größte Problem?
Die Schweinefleischproduktion entfernt sich immer mehr vom Konsumenten. Der sieht nur das süße Schwein aus der Werbung, mit dem die Konzerne eine heile Welt vermitteln. Aber diese Welt gibt es nicht. Das ist ein reiner Marketing-Gag.

Essen Sie selber noch Schweinefleisch?
Sehr gerne sogar, wir sind stolz auf unser Fleisch. Ab und zu lassen wir ein Tier für uns schlachten und verwerten dann alles, von den Grammeln bis hin zur Stelze. Dazu gibt’s Semmelknödel und Krautsalat. Und ja, es schmeckt allen.

Wenn Sie sich etwas wünschen könnten, was wäre es?
Wir arbeiten mit vollem Einsatz für unsere Tiere und sollen davon auch leben können. Dafür möchten wir uns nicht dauernd verteidigen müssen.

Conny Bischofberger
Conny Bischofberger
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