20.07.2011 17:40 |

Bald in Den Haag

Letzter serbischer Kriegsverbrecher Hadzic gefasst

Nach dem bereits verstorbenen Slobodan Milosevic sowie Radovan Karadzic und Ratko Mladic ist nun der letzte prominente flüchtige Angeklagte des Haager UNO-Tribunals für Kriegsverbrechen im ehemaligen Jugoslawien, Goran Hadzic, gefasst worden. Das bestätigte der serbische Präsident Boris Tadic am Mittwochvormittag. Die Festnahme des 52-Jährigen gilt als entscheidender Schritt Serbiens auf dem Weg der europäischen Integration. Hadzic soll schon in den nächsten Tagen nach Den Haag überstellt werden.

Hadzic sei am Mittwoch um 8.25 Uhr im Gebirge Fruska Gora bei Novi Sad, der Hauptstadt der nördlichen serbischen Provinz Vojvodina, von Angehörigen des serbischen Geheimdienstes BIA festgenommen worden, erklärte Tadic bei einer Pressekonferenz in Belgrad.

Der serbische Sonderstaatsanwalt für Kriegsverbrechen, Vladimir Vukcevic, sagte, die Festnahme sei in einem Wald erfolgt, als sich Hadzic mit einem Helfer treffen wollte, der ihm Geld bringen sollte. Der Gesuchte hätte bei seiner Verhaftung keinen Widerstand geleistet. Der früher für seinen Vollbart bekannte Haager Angeklagte trug nunmehr einen Schnurrbart und einen Drei-Tage-Bart.

Nach Angaben von Vukcevic habe Hadzic unweit des Dorfes Krusedol am Gebirge Fruska Gora unter falscher Identität gelebt. Von der Sonderstaatsanwaltschaft würden derzeit auch die eventuellen Kontakte Hadzics zu den serbisch-orthodoxen Priestern in der Region untersucht. In den vergangenen Jahren war immer wieder spekuliert worden, dass sich Hadzic in einem der serbisch-orthodoxen Klöster des Gebietes versteckte.

Teures Gemälde führte zur Verhaftung
Ein Gemälde des italienischen Expressionisten Amedeo Modigliani hat eine wichtige Rolle bei der Festnahme von Hadzic gespielt. Ein Versuch, das Bild im Wert von mehreren Millionen Euro zu verkaufen, habe die Ermittler auf die Spur des früheren kroatischen Serbenführers gebracht, sagte Vukcevic.

Nach Angaben Vukcevics wurde das Gemälde Ende Dezember zusammen mit fünfzig weiteren wertvollen Bildern im Haus eines Freundes von Hadzic entdeckt. Der versuchte Verkauf des Bildes, das Hadzic nach Überzeugung der Behörden während des Kroatienkriegs (1991 bis 1995) bekam, habe gezeigt, dass dem ehemaligen Serbenführer das Geld ausging.

Als am Montag mehrere Medien falsche Berichte über seine Festnahme veröffentlichten, war das für Hadzic ein Zeichen, dass die Behörden seine Festnahme vorbereiteten. Er habe daraufhin ein Treffen mit einem Kontaktmann verabredet, der ihm Geld für seine Flucht ins Ausland bringen sollte, wie der Sonderstaatsanwalt sagte. Dabei sei er dann festgenommen worden.

Auslieferung in Kürze
Hadzic wurde am Mittwoch um 13 Uhr in das Belgrader Sondergericht für Kriegsverbrechen eingeliefert, wo eine Anhörung stattfand. Danach gab das Gericht bekannt, dass alle Voraussetzungen für eine Überstellung nach Den Haag erfüllt sind. Der Belgrader Anwalt von Hadzic, Toma Fila, erklärte seinerseits, dass er keinen Einspruch gegen die Auslieferung einlegen werde. Fila zufolge dürfte Hadzic bereits in drei Tagen an das UNO-Tribunal überstellt werden. Nach der Gerichtsentscheidung muss die Auslieferung in letzter Instanz von der serbischen Justizministerin Snezana Malovic genehmigt werden.

Der Chefankläger des UNO-Kriegsverbrechertribunals für Ex-Jugoslawien, Serge Brammertz, sagte daraufhin: "18 Jahre nach der Schaffung der Tribunals können wir heute sagen, dass keine einzige angeklagte Person dem Justizprozess des Tribunals erfolgreich entgehen konnte. Das ist ein Präzedenzfall von bleibender Bedeutung, nicht nur für dieses Tribunal, sondern auch für die internationale Strafjustiz allgemein."

"Haben unsere Pflichten erfüllt"
Präsident Tadic erklärte bei der Pressekonferenz: "Serbien hat den schwersten Abschnitt in der Zusammenarbeit mit Den Haag abgeschlossen und wird die Erfüllung seiner internationalen Verpflichtungen fortsetzen." Mit der Verhaftung von Goran Hadzic habe Belgrad seine "gesetzlichen und moralischen Pflichten erfüllt". Die Festnahme der Haager Angeklagten sei eine wesentliche Voraussetzung für den Versöhnungsprozess in der Region, für "normale Beziehungen" unter den Völkern aus dem Raum Ex-Jugoslawiens.

Wie schon im Zusammenhang mit den Festnahmen von Karadzic und Mladic bestritt Tadic Gerüchte, dass die Behörden bereits seit Längerem gewusst hätten, wo sich Hadzic versteckt halte: "Die serbischen Behörden haben nicht gewusst, wo sich Hadzic versteckt." Man habe in den vergangenen drei Jahren sehr intensiv, sehr systematisch gearbeitet, um am Ende die Aufgabe zu erfüllen.

EU erfreut: "Positives Signal"
Die Festnahme Hadzics wurde von der Europäischen Union, mehreren EU-Ländern und Vertretern internationaler Organisationen begrüßt. In einer gemeinsamen Stellungnahme von EU-Ratspräsident Herman Van Rompuy, Kommissionspräsident Jose Manuel Barroso und der Hohen Beauftragten Catherine Ashton hieß es: "Wir begrüßen die Entschlossenheit und das Engagement der serbischen Führung. Nach der Festnahme von Ratko Mladic ist die Verhaftung von Hadzic ein positives Signal für die EU und für die serbischen Nachbarstaaten." Die serbische Bevölkerung sei auf dem Weg, sich der Vergangenheit zu stellen und ein neues Kapitel für eine bessere europäische Zukunft aufzuschlagen.

Tadic erklärte, er erwarte nichts Besonderes von Brüssel - der Erhalt des Status eines EU-Beitrittskandidaten werde auch nach der Festnahme von Hadzic nicht leicht sein. Alles hänge von der Umsetzung der inneren Reformen ab. Es wäre jedoch ein katastrophaler historischer Fehler, würde der EU-Erweiterungsprozess angesichts der Krise in der Europäischen Union eingestellt werden.

Die Festnahmen der beiden letzten Angeklagten des UNO-Tribunals - Mladic und Hadzic - seien nicht unter Druck der Europäischen Union, auch nicht angesichts des EU-Annäherungsprozesses Belgrads, sondern aus moralischer Gründen erfolgt, unterstrich der serbische Präsident. Man könne auf Serbien ohnehin keinen Druck ausüben, meinte Tadic unter Hinweis auf den Kosovo, dessen Unabhängigkeit Belgrad nicht anerkennt.

Zahlreiche schwere Vorwürfe
Goran Hadzic, dem einstigen Premier des selbst proklamierten "Serbischen Autonomen Gebietes Slawonien, Baranja und Weststrem" und späteren Präsidenten der ebenfalls selbst proklamierten "Republik Serbische Krajina", werden schwerste Kriegsverbrechen vorgeworfen, die während des Kroatien-Krieges begangen wurden. Zu den Vorwürfen zählen u.a. Gefangennahmen, Folter sowie Morde an Zivilisten.

So ereignete sich im November 1991 während seiner Amtszeit auf dem Landgut Ovcara bei Vukovar ein Massaker an rund 200 kroatischen Kriegsgefangenen. Auch der Tod von 22 Zivilisten in der ostslawonischen Ortschaft Lovas sowie von mindestens 35 Kriegsgefangenen in Dalj, ebenfalls in Ostslawonien, im Herbst 1991 wird Hadzic angelastet.

Laut der Anklage ist Hadzic zudem für Deportationen und Zwangsumsiedlungen von Tausenden Kroaten und anderer Nichtserben aus Ilok, Vukovar und Erdut in Ostslawonien, ferner für die Zerstörung von Häusern und sonstigem Privateigentum, Kultureinrichtungen, historischen Denkmälern und Heiligtümern der Kroaten und sonstigen Nichtserben in dieser Region verantwortlich.

Nach Hinweis sofort untergetaucht
Der aus der ostkroatischen Stadt Vinkovci stammende Serbe Hadzic war in Den Haag 2004 in acht Punkten der Verbrechen gegen die Menschlichkeit und in sechs Punkten der Verletzung von Kriegsgepflogenheiten angeklagt worden.

Am 16. Juli tauchte er nur 17 Stunden vor seiner geplanten Festnahme in Novi Sad unter. Bis dato ist nicht geklärt, von wem genau er den Hinweis erhalten hatte. Die zu jenem Zeitpunkt noch nicht veröffentlichte Haager Anklage war nur Stunden zuvor dem serbisch-montenegrinischen Außenministerium zugestellt worden.

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