16.05.2022 15:23 |

Pommers Feierabend

Die Volkspartei und der Song Contest

Einen schönen Montagabend.

In meinem Alter kommt leider meine Mutter nicht mehr ins Zimmer gestürzt und pfaucht: „Dreh die Kiste ab, und geh raus, es ist schön“, und so wurde ich am Wochenende aus beruflichen und gesellschaftlichen Gründen zur Konsumation zweier Events gezwungen: des Parteitags der ÖVP und des Song Contests. Auffallend sind die Parallelen zwischen den beiden Veranstaltungen, die doch nichts miteinander zu tun haben sollten: Wer auf der Bühne stand, wurde beklatscht, selbst wenn die Performance unter den sowieso schon tief gestapelten Erwartungen blieb (Teile der Kanzlerrede/das Schwesterngegröle aus Island, eine Art Flüssigstickstoff für die Ohren). Viele Outfits sorgten beim Zuseher für eine Gefühlslage, irgendwo zwischen Angst und Überraschung angesiedelt (Wolfgang Schüssels Trachtenjanker/die gelben Bananenwölfe aus Norwegen). Das Gefühl leichter Melancholie, weil etwas Entscheidendes im Finale fehlte (Peter L. Eppinger - immer ein Gewinn für Berufszyniker wie mich, verblieb allerdings in der Sebastian-Kurz-Konkursmasse/Österreich schied im Vorfeld aus). Auch die Gewinner standen schon lange vorher fest (Karl Nehammer wählte Karl Nehammer/alle die Ukraine). Die grottige Moderation, da wie dort ein Fall für die Europäische Menschenrechtskonvention. Wer auch in Guantanamo Bay Karriere machen könnte, dem sollte man kein Mikrofon in die Hand drücken.

100 Prozent beim Parteitag für Karl Nehammer. Schnell waren die sozialen Medien mit Vergleichen im Rennen: Nordkoreanische Verhältnisse seien das. Dagegen kann man sich nur verwehren! Denn die völlig verarmte Diktatur nimmt vor allem nach dem aktuellen Infektionsausbruch Corona ernster als unser Bundeskanzler, der in Graz von der Bühne in die Menge grölte: „So viele Viren. Aber jetzt kümmert es uns nicht mehr.“ Die Pandemie ist vorbei, schon wieder. Und das übrigens in einer Woche, in der Österreichs neuer Landwirtschaftsminister nicht angelobt werden konnte - wegen Corona. Beim Song Contest gab es einen an sich verstörenden Beitrag: Für Serbien kam eine Frau auf der Bühne, sehr strenger Blick, bestimmt mit Messer im Schuhwerk so wie diese James-Bond-Gegenspielerin, jedenfalls saß sie vor einem Millionenpublikum und wusch sich in einer Lavur die Hände, dabei jammerte sie: „Biti zdrava, biti zdrava.“ Was so viel wie „Gesund sein“ bedeutet, sagt zumindest der Google-Übersetzer. Bitte zwingen Sie mich nicht, mir das Video mit dem Lied noch einmal anzusehen. Aber wer hätte das gedacht? Konstrakta, eine serbische Künstlerin, die in ihrem ersten Lied über Kaugummis trällerte, hatte bei ihrem Auftritt ein besseres Corona-Präventionskonzept als der amtierende Bundeskanzler der Republik Österreich.

Nach Parteitag und Song Contest war ich Sonntagabend sehr erschöpft, wie hypnotisiert lag ich teils auf meinem Sofa, teils schon auf dem Boden, nur zu 50 Prozent bereit für „Im Zentrum“ auf ORF. Als Claudia Reiterer Teilnehmerin Laura Sachslehner mit diesen Worten ankündigte: „Die ÖVP-Generalsekretärin sagt: ,Die Volkspartei führt Österreich gut und sicher durch Krisenzeiten“, war es um mich geschehen. Ich fiel lethargisch von meiner Couch in einen tiefen und zum Glück traumlosen Schlaf.

Ich wünsche einen schönen Feierabend, so Sie einen haben.

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