16.05.2022 10:55 |

Interview

Lüge, Spiel und die schöne Demokratie

Am Mittwoch feiert das aktionstheater ensemble in Kooperation mit dem Landestheater Premiere des neuen Stücks. Regisseur Martin Gruber spricht im Interview über Schwäche, die zu Stärke werden kann.

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Krone: Das aktionstheater ensemble gilt als Seismograph, der feinsinnig das Befinden der Gesellschaft vermisst. Was haben Sie zuletzt wahrgenommen?

Martin Gruber: Mehr denn je war eine massive Verstörung spürbar. Dieser Krieg provoziert auch uns, unsere Demokratie, die steht jetzt auf dem Prüfstein. Nun heißt es, dass „wir unsere Demokratie verteidigen“, aber wie sehr sind wir eigentlich Demokratie? Neben der Verstörung ist auch eine Ratlosigkeit vorhanden. Wir versuchen, das im Stück „Lüg mich an und spiel mit mir“ aufzugreifen.

Krone: Nun ist das aktionstheater dafür bekannt, seine Figuren zwar viel reden zu lassen, dabei aber nicht immer auf eine Lösung zu kommen. Wird das durch die Ratlosigkeit nun noch verstärkt?

Gruber: Die SchauspielerInnen haben auch Bezüge zu anderen Kulturen. Auf einer Metaebene versuche ich, eine Form von Diversität herzustellen, denn diese Verschiedenartigkeit ist ja ein Schatz. Demokratie bedeutet: Jeder hat Platz in seiner Verschiedenartigkeit. In einer Diktatur geht es eher um Gleichmacherei, das sieht man jetzt auch in Russland. Und soweit ist es auch mit unserer Demokratie ja gar nicht her. Aber vielleicht haben wir nun eine Chance, etwas zuzugeben. Zugeben, was wir noch nicht wissen. Innehalten.

Krone: Wenn Demokratie mit Diversität verbunden werden kann, welcher Begriff würde derzeit zu Russland passen?

Gruber: Was in Russland gerade passiert, ist ein Rückgriff ins Klo der Geschichte, auf die Kopfgeburt einer vermeintlich nationalen Identität. Der Gegenentwurf zur Demokratie, eine Simplifizierung und Reduktion auf ein vergangen geglaubtes Klischee. Man versucht, aus einem Minderwertigkeitskomplex heraus eine Form von Stärke zu kreieren. Ein alter Reflex. Der Nationalstaat, die Orthodoxie, die russische Kirche, all das erlebt nun eine Renaissance. In Wirklichkeit geht es natürlich um Schwäche. Dagegen kann das Zugeben einer Schwäche zur Stärke werden, das wäre ein erster Schritt. Und ein Gegenentwurf zum jetzigen russischen Regime. Eine Gefahr dieses Kriegs ist auch die Erhöhung der Militärausgaben allerorts. Das ist sicherlich ein nicht ungefährlicher Reflex auf unserer Seite. Die Verteidigung der Demokratie wird auf militärische Stärke reduziert. Es geht immer wieder um die Frage des Erkennens, wer wir wirklich sind. Oder zumindest um den Versuch. Diese Frage will ich aber am Theater nicht explizit beantworten, das obliegt dem Publikum.

Krone: Als Russland die Ukraine angegriffen hat, war das für viele ein Schock. Man hatte das Gefühl, dass nun ein Traum zu Ende geht. Der Traum eines friedlichen Europas. Weil die Gefahr real wurde, dass Russland auf den Atomknopf drückt, haben alle begonnen, über Aufrüstung nachzudenken. Ist das eine Notwendigkeit?

Gruber: Ich wage das zu bezweifeln. Wenn es die einzige Konsequenz aus diesem Angriff ist, dass wir nun auch so stark aufrüsten, um unsere Demokratie zu verteidigen, dann ist das sicher zu wenig. Natürlich macht dieser Krieg Angst, und vielleicht hat das Nachdenken über Aufrüstung auch für manche seine Richtigkeit. Aber mir scheint, dass in dieser Debatte die Gewichtung nicht ganz stimmt. Es geht leider nur darum, ob man jetzt für oder gegen Waffenlieferungen ist. Auf die Gefahr hin, dass ich als Sofa-Pazifist geoutet werde: Ich weiß es nicht, ich kann es nicht wissen. Manchmal würde es vielleicht helfen, einen Gang zurückzuschalten. Im Stück wird es jedenfalls nicht reichen, zu sagen, wie verbrecherisch Putin ist. Die Frage ist doch, wo unsere eigenen Rudimente an nationalistischen Reflexen bei uns zu finden sind. Es tut uns sicherlich gut, einmal innezuhalten und nachzudenken.

Krone: Das neue Stück heißt „Lüg mich an und spiel mit mir“. Wollen wir wirklich angelogen werden?

Gruber: Im Stück sagt eine Schauspielerin, dass uns „der Russe angelogen“ hat. Ein Schauspieler antwortet darauf: „Dann lügen wir einfach zurück und behaupten, dass wir in einer wunderbaren Demokratie leben - solange, bis wir es wirklich glauben.“

Krone: Das Stück ist die erste Koproduktion mit dem Vorarlberger Landestheater. Wird das das Publikum in irgendeiner Form erkennen?

Gruber: Ich hoffe nicht. Die Theater bemerken langsam, dass Koproduktionen wie diese die Zukunft sind. Dass die institutionalisieren Strukturen überdacht werden, so wie das Intendantin Stephanie Gräve macht. Mir war jedenfalls wichtig, dass die beiden Schauspieler aus dem Ensemble des Landestheaters genauso aktionstheater ensemble-Mitglieder sind - dass es ein echtes Miteinander gibt.

Krone: Bevor der Krieg über die Ukraine hereinbrach, gab es noch eine andere Krise zu überstehen, die Coronakrise. Mit etwas Glück könnte das tatsächlich vorbei sein. Haben wir etwas daraus gelernt?

Gruber: Momentan habe ich nicht das Gefühl. Aber à la longue könnte es doch so sein. Zuletzt haben während der Krise leider wieder alle auf das Nationalstaatliche zurückgegriffen, das gemeinsame Meistern von Problemen hat noch nicht funktioniert. Vielleicht die Conclusio für die Zukunft: Sollte so etwas noch einmal passieren, dann wird man es wohl nur gemeinsam lösen können. Möglich auch, dass jetzt durch den Ukraine-Krieg das Miteinander doch überdacht wird und so manches schneller passiert als ursprünglich angenommen. Viktor Frankl sagte einmal „Es gibt nur die eine Menschheit.“

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