01.03.2022 15:27 |

Pommers Feierabend

Dr. Wolfgang Schüssel und die Blutsauger

Einen schönen Dienstagabend.

Wenn es mir zu gut geht und der Welt nicht, wenn ich der Meinung bin, kein Anrecht auf übermäßiges Glück zu haben, während es rund um mich brennt, und ich mich wieder erden will, vielleicht sogar mit leichten Selbstbestrafungstendenzen, dann schaue ich mir Interviews mit Peter L. Eppinger an. Es ist das alternativmedizinische Anti-Anti-Depressivum des Hyper-Erfreuten und wirkt immer. So bin ich auf ein Gespräch zwischen Peter L. Eppinger und Wolfgang Schüssel vom 14. Juni 2020 gestoßen, zu sehen auf der Facebook-Seite der Volkspartei. Wolfgang Schüssel sitzt in einer Art Kinderzimmer, das aussieht, als wäre Stephen King unter die Innenarchitekten gegangen. An den Wänden Zeichnungen aus schwarzer Kreide oder getrocknetem Blut, die Videoqualität ist sehr schlecht, man kann nur raten, überall schwarze Hasen, schwarze Blumen, schwarze Bäume und zwei schwarze Fledermäuse. Es geht um Schüssels 75. Geburtstag, und ich bin mir nicht sicher, ob Fledermäuse da das richtige Maskottchen sind, aber vielleicht passen Blutsauger allgemein ganz gut.

Der Ex-Kanzler, mittlerweile 76 Jahre alt, macht ja momentan wieder von sich reden. Egal, wie intensiv die Ukraine beschossen und angezündet wird, wie viele Meldungen von toten Zivilisten reinkommen, von Familien, die in ihren Autos verbrennen, von Frauen, die ihre Beine verlieren, von sterbenden Kindern, Dr. Wolfgang Schüssel ist mit Stand 17 Uhr immer noch Aufsichtsrat des russischen Mineralölgiganten Lukoil. 100.000 Euro soll er pro Jahr verdienen, und es ist völlig gleichgültig, ob es eine 0 zu viel oder zu wenig ist, diese Bezug ist der beste Beweis, dass Geld doch stinken kann.

In diesem Eppinger-Interview sagt Schüssel Sätze, die ich Ihnen nicht vorenthalten will:

„Ich bin ja so alt wie die Republik, ich bin 1945 geboren, und damals war wirklich alles zerstört. Wien war in Schutt und Asche, ein Viertel der Wiener Stadt lag in Trümmern.“

„Von der Entschleunigung allein kann man natürlich net leben. Also grad ich bin einer, der durchaus gerne viele Projekte im Kopf hat oder auch in der Verwirklichungspipeline.“

„Was mir eher noch Sorgen macht, ist (…) auch das Verhalten der Chinesen, die ja unverzichtbar sind jetzt in der globalen Führung, gegenüber Hongkong, wo sie einfach mit einer Brutalität, mit der niemand gerechnet hat, in dieser eigentlich Direktheit, dass sie einen internationalen Vertrag mit Großbritannien brechen und damit das Überleben und das politische Leben in Hongkong in einem hohen Ausmaß gefährden. Und hier kann Europa und muss Europa insofern Mut machen, dass wir eben drauf drängen, dass internationale Verträge eingehalten werden.“

„Ich hoffe sehr, dass die Verhältnisse und die Beziehungen mit den Nachbarn stark bleiben und gut bleiben, denn das ist etwas ganz Kostbares. Es gibt das schöne Dichterwort: Es kann der Ruhigste nicht in Frieden leben, wenn es dem bösen Nachbarn nicht gefällt.“

Am Ende war es der Frömmste, nicht der Ruhigste. Aber es soll nicht Schüssels größter Fehler gewesen sein.

Ich wünsche einen schönen Feierabend, so Sie einen haben.

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