Taxi-Geschichten

Carpe Diem: Das Leben ist zu kurz für Ärger

Wir fahren mit und hören zu. „Krone“-Reporter Robert Fröwein setzt sich auf die Taxi- oder Uber-Rückbank und spricht mit den Fahrern über ihre Erlebnisse, ihre Sorgen, ihre Ängste. Menschliche Geschichten direkt aus dem Herzen Wiens.

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Statt Aktenkoffer von gestressten Geschäftsreisenden stehen auf der Rückbank von Emeka dicke Säcke mit Kaschmirpullis und langen Mänteln. Das Weihnachts-Handelsgeschäft war heuer ein kurzes, doch für die Last-Minute-Besorgungen abseits der gemütlichen Online-Bestellungen aus dem beheizten Wohnzimmer wird gerne der Mietwagenfahrer als Transportmittel auserkoren. „Ich hatte ein paar Fahrten, die mich zur SCS führten“, erzählt er freimütig, „alles in allem läuft das Geschäft derzeit gar nicht schlecht.“ Freilich lebt Emeka ein bisschen nach dem „Carpe Diem“-Prinzip, denn so rosig wie vor Corona läuft sein Geschäft dieser Tage nicht. Davon lässt sich die Frohnatur nicht beirren, zum Trübsal blasen ist das Leben eindeutig zu kurz.

Guter Rat ist teuer
Während wir von Hietzing aus in Richtung Leopoldstadt fahren, kämpft er mit Google-Maps auf seinem Samsung-Smartphone. „Was meinst du? Sollen wir über die Gasse da vorne rechts Richtung Autobahn fahren, oder ist der Stau nicht so schlimm, wie mir das die App anzeigt?“ Guter Rat wäre jetzt teuer. Zum Glück eilt es nicht. Von der angespannten Verkehrslage lässt sich mein Fahrer nicht aus der Ruhe bringen. Nahezu fatalistisch fährt er der drohenden Weihnachtsblechkolonne entgegen und verliert dabei niemals sein Lächeln. „Wir haben ja Fixpreis und du hast Zeit. Alles easy“.

Im kleinen Fach vor seinem Schaltknüppel fällt mir ein kleiner Schlüssel mit rosarotem Schild-Anhänger auf. Wohl von einem Kunden Emekas vergessen, der sich ziemlich sicher vor seinem Postfach abärgert und in der Wohnung gestresst nach dem Zweitschlüssel sucht. „Geldtascherl, Schlüssel, Lippenstifte, sogar fixfertig verpackte Geschenke vergessen die Leute bei mir. Du glaubst nicht, was da so alles liegenbleibt.“ Der direkte Kontakt mit dem Fahrer ist dem Uber-Konsumenten in diesem Falle nicht möglich, aus eigener Erfahrung weiß ich aber, dass die Reklamationskette über die App hervorragend funktioniert und man schnellstmöglich Hilfe erhält.

Der Ton macht die Musik
Nicht immer sind Emekas Kunden dankbar. Einmal blieb ein Handy in seinem Auto liegen, auf das um 3 Uhr nachts angerufen wurde. „Normal fahre ich damit am nächsten Tag in die Uber-Zentrale oder ins Fundamt, aber in dem Fall habe ich abgehoben, hätte ja dringend sein können. Ich bot dem Mann eine Übergabe am nächsten Tag an, aber er wurde aggressiv, wollte sein Handy noch mitten in der Nacht haben. Ich musste ihm mit der Polizei drohen, sonst hätte er überhaupt keine Ruhe mehr gegeben.“ Der Nigerianer legt auf all das Wert, was sogenannten Ausländern hierzulande gerne in Abrede gestellt wird: höfliche Umgangsformen, ein respektvoller Tonfall und ein Dialog auf Augenhöhe.

Autos und Diskussionen begleiten Emeka schon länger. Als er vor gut sechs Jahren nach Österreich kam, handelte er mit seinem Bruder von Gerasdorf aus Gebrauchtwägen, die er mit einer Gewinnmarge nach Afrika exportierte. Nach Togo, Senegal oder in seine alte Heimat. Die Pandemie und das zurückgehende Geschäft hat Emeka schlussendlich fix ins Uber gebracht. „Das Verschiffen der Autos ist aufgrund der Corona-Krise viel kostspieliger und schwieriger geworden.“ Welche Automodelle gingen denn am besten? „Peugeots und Renaults“, antwortet er wie aus der Pistole geschossen, „in vielen Ländern, in denen ich exportierte, sprechen die Leute Französisch.“

Die Pension in Sicht
Heute fliegt Emeka einmal pro Jahr heim nach Nigeria, um seine Mutter zu besuchen und „nach dem Rechten zu sehen“, wie er lachend hinzufügt. Der 43-Jährige bleibt dann bis zu sechs Wochen dort und will früher oder später auch wieder fix hinziehen. „Wenn ich einmal in Pension gehe. Bis dorthin ist aber noch ausreichend Zeit und ich werde möglichst viel Geld sparen.“ Geld, dass nur allzu gerne in seinem Wagen liegenbleibt. Aber Emeka nimmt es gewohnt locker. „Schon lustig, wie viele Sachen die Menschen auch nüchtern vergessen.“

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