23.12.2021 09:00 |

Thema des Tages

Wie Spielsucht Menschen ins Unglück stürzen kann

Die Hoffnung, den Jackpot zu knacken, ist schnell wieder weg. Viele geben es nach einigen Versuchen auf, dem Glück nachzulaufen. Doch manche machen weiter Jagd auf den Gewinn. Anonyme Beratung punktet.

Einen 45-jähriger Klagenfurter führte sein erster Weg nach der Entlassung aus der Justizanstalt direkt zur Spielsuchtberatung: „Der Mann war Automatensüchtig und wollte nicht rückfällig werden“, schildert die Klagenfurter Suchtberaterin Sandra Brenner: „Er hatte vor einiger Zeit eine Supermarktkassiererin mit einer fiktiven Waffe bedroht, um an Bargeld zu kommen. Mit der Beute in der Tasche zog es unseren jetzigen Patienten ins Automatenkasino direkt neben besagtem Supermarkt. Er wurde verhaftet. Heute möchte er, dass sich so etwas auf gar keinen Fall wiederholt!“

„Schöne“ Bescherung zu Weihnachten
„In den meisten Fällen bekommen es die Berater mit Schicksalsschlägen zu tun, die nicht nur die Süchtigen selbst betreffen“, weiß Brenner, der aus aktuellem Anlass ein Beispiel aus der Weihnachtszeit einfällt: „Ich erinnere mich an einen verheirateten Mann (35) mit zwei Kindern und einem sicheren Job. Spielautomaten und Sportwetten wurden ihm zum Verhängnis.“ Er habe nämlich sein gesamtes Vermögen verspielt, sogar das Geld für die Weihnachtsgeschenke seiner Kinder: „Der 35-Jährige ging zu seinen Eltern, um Geld für Geschenke, Weihnachtsbaum und Essen für den Heiligen Abend zu erbetteln. Er bekam Geld geborgt, steckte es jedoch erneut in Sportwetten, obwohl zu Hause nicht einmal mehr genug Geld für Klopapier übrig war.“ Auch diesem Opfer der Spielsucht wird aktuell in der ambulanten Einrichtung vom Magistrat Klagenfurt geholfen.

Zitat Icon

Ein Klient hat sein gesamtes Geld für die Weihnachtsgeschenke direkt ins Casino getragen. Wir arbeiten mit ihm!

Suchtberaterin Sandra Brenner

Verzweiflung und Kontrollverlust
Oft kümmert sich die erfahrene Suchtberaterin – ebenso wie zahlreiche Kollegen in ganz Kärnten – um Menschen, die die Sucht tatsächlich kriminell werden ließ. „Scheidung, Eheprobleme, Arbeitsplatzverlust – es gibt viele Gründe, warum Menschen aufgrund von Spielsucht kriminell werden“, gibt Brenner zu bedenken, der ein weiteres Beispiel einfällt: „Ein Arbeitnehmer wurde von von seinem Chef angezeigt, weil er sich immer wieder aus der Firmenkasse Geld ausgeliehen, dieses aber nie zurückgezahlt hatte. Er investierte es immer wieder in verschiedene Glücksspiele. Gewonnen hat er bei den Automaten selten – und wenn, war der Gewinn nur vorübergehend!“

Fakten

  • 100 Klienten werden jährlich alleine in der Spielsuchtambulanz Klagenfurt betreut. Hinzu kommen etwa 60 Angehörige, denen ebenfalls geholfen wird.
  • 80 Prozent sind männlich.
  • 35.000 Euro werden durchschnittlich von glücksspielsüchtigen Kärntnern pro Stunde verspielt! Ein Spiel dauert oft nur eine einzige Sekunde.

Viele Menschen, die den Weg zur Spielberatung finden, beschäftigen sich den ganzen Tag mit komplexen Plänen, die mit Automaten und Co. zu tun haben: „Welche Wette? Welcher Automat? Welches Casino besuche ich heute? Fragen wie diese deuten auf einen kompletten Kontrollverlust hin. Oft können die Betroffenen ihre Miete nicht mehr bezahlen, weil sie Geld – sobald es vorhanden ist – ausschließlich in weitere Spiele investieren. Diesen Menschen helfen wir in individuellen Einzelgesprächen!“

Kampf um eine Gesetzesänderung
In allen genannten Beispielen spielen Männer die Hauptrolle: „Weil unser Klientel hauptsächlich aus männlichen Personen zwischen 30 und 50 besteht. Viele von ihnen sind als Jugendliche erstmals mit Glücksspiel in Kontakt gekommen, haben etwa die Eltern beim Pokern beobachtet und Lust bekommen.“

Das „kleine“ Glücksspiel in Österreich teilen sich Admiral, Amatic, Fair Games und Casinos Austria. Trotzdem sei illegales Glücksspiel immer noch präsent, Sportwetten fallen hierzulande nicht einmal in den Bereich Glücksspiel: „Wir fordern daher eine Gesetzesänderung. Bis diese kommt, machen wir in Klagenfurt das ambulant, was die Experten der Diakonie de La Tour in Treffen stationär machen – wir tun unser Bestes, um Menschen von ihren (Spiel-)Süchten zu befreien!“

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