15.12.2021 10:17 |

Thema des Tages

Gemeinsam helfen: Was Kärnten gegen Suizide tut

Während die Suizidrate im ersten Lockdown deutlich zurückgegangen ist - keine einzige Frau hatte zwischen Februar und April 2020 in Kärnten Selbstmord begangen -, befinden wir uns aktuell auf dem Wert von 2018 und 2019. Durchschnittlich zehn Menschen nehmen sich in unserem Bundesland pro Monat das Leben... So können wir gemeinsam dagegen ankämpfen!

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„Im ersten Lockdown haben die Ausgangsbeschränkungen funktioniert, der familiäre Zusammenhalt war stark. Ich habe damit gerechnet, dass 2021 schlimm wird - Arbeitslosigkeit, finanzielle Probleme und Einsamkeit betreffen viele“, sagt Herwig Oberlerchner, Primar der Psychiatrie im Klinikum Klagenfurt. „Statistische Daten sind gut und wichtig, aber dahinter verbirgt sich immer ein persönliches Schicksal, das man ändern kann!“ Er rät deshalb, Suizidgefährdeten das Bewusstsein zu vermitteln, dass man sich Sorgen um sie macht, dass sie eine Rolle im Leben spielen.

Psychiatrische Versorgung ist ausbaufähig
Während versucht wird, das Thema Suizidprävention durch Öffentlichkeitsarbeit an Schulen, Universitäten sowie Krankenhäusern vom Rande der Gesellschaft in den Mittelpunkt zu stellen, ist die psychiatrische Versorgung in den Kärntner Ballungszentren mehr als ausbaufähig. Oberlerchner: „In Villach ist 2022 die Einrichtung einer sozialpsychiatrischen Ambulanz geplant, in Klagenfurt soll im dritten Quartal eine folgen. Aber in Wahrheit benötigen wir viel mehr Einrichtungen dieser Art!“

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Wir lassen Brücken mit Fangnetzen absichern und Schilder anbringen, die scheinbar Entschlossene zur Umkehr bewegen sollen. Auch Bahnstrecken nehmen wir uns vor. Aber es geht um Kommunikation, die all dem vorhergeht.

Herwig Oberlerchner, Primar der Psychiatrie im Klinikum Klagenfurt

Kärnten ist trauriger Spitzenreiter
Neben der Steiermark ist Kärnten trauriger Spitzenreiter bei den Suizidzahlen in Österreich. Bis zum Jahresende sei mit 110 Selbstmordopfern hierzulande zu rechnen, die Dunkelziffer sei sogar zehnmal so hoch, schätzt der Experte: „Alleinstehende Männer mit Depressionen, die regelmäßig Alkohol konsumieren und im ländlichen Bereich leben, sind die am meisten gefährdete Gruppe, gefolgt von älteren, sozial benachteiligten und Menschen mit körperlichen Gebrechen.“ Sternzeichen und Mondphasen wirken sich nicht auf die Selbstmordstatistik aus. Allerdings passieren am Wochenbeginn, also montags und dienstags, die meisten Selbstmorde. Auch soziale Medien seien mit Vorsicht zu genießen, so Oberlerchner: „Cybermobbing kann bis zum Suizid führen.“

Mediale Berichterstattung kann Leben retten
Selbstmorde seien kein Tabuthema. „Mediale Berichte darüber könnten präventiv wirken, eine Art Aufarbeitung darstellen, die Alternativen aufzeigt und zu einer Abnahme von Suiziden beiträgt!“, gibt Oberlerchner zu bedenken. Er ist eines der schwierigsten Themen in der journalistischen Betrachtung und Bewertung - ebenso wichtig wie heikel, ebenso brisant wie gefährlich: der Suizid.

110 Kärntner

dürften sich bis zum Ende des Jahres das Leben genommen haben. Ein trauriger Spitzenwert. In Kärnten und in der Steiermark wählen die meisten Menschen in Österreich den Freitod.

Wie wir berichten
Wenn wir in der „Krone“ damit konfrontiert sind, entbrennt eine Diskussion. Ob, und wenn ja, was und wie viel und vor allem wie wir berichten. Ist es von öffentlichem Interesse? Also müssen wir über den Fall berichten? Und schreiben wir dazu, wo gefährdete Personen Hilfe finden könnten? Oder recherchieren wir nur, holen Expertenmeinungen ein und veröffentlichen es dann nicht? Nicht, um zu verschweigen oder zu vertuschen, sondern wegen des „Werther-Syndroms“, jenem Effekt, dass Suizide weitere Suizide auslösen können.

Es ist eine verantwortungsvolle Frage, der wir uns hier stellen müssen. Jeder Satz kann falsch sein - oder auch richtig. Denn Schweigen ist ja auch keine Lösung. Vor allem, wenn es um gesellschaftliche Umstände geht, die Auslöser sein können und diskutiert werden sollten; nein, müssten, um Dinge zu ändern und vielleicht so Leben zu retten; vor allem, wenn es um junge Leben geht.

Jeder Suizid ist einer zu viel
Gerade jetzt ist es wichtig, zu reflektieren. In Familien ebenso wie in der Politik - und in den Redaktionen. Denn jedes Leben, das zu früh zu Ende geht, ist eines zu viel - jede Verzweiflungstat, die verhindert werden kann, ist ein Sieg.

Hannes Mösslacher
Hannes Mösslacher
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