15.10.2021 11:00 |

Animal Hoarding

Wenn Menschen krankhaft Tiere sammeln ...

Massenhaltung auf engstem Raum aus falsch verstandener Tierliebe: Eine Wienerin lebte mit 38 schwer kranken Katzen in einem Messie-Haushalt. Die „Krone“ fragte zu Hintergründen nach - auch, was Menschen dazu bewegt.

Schlagzeilen wie „Kannibalismus, Tod, Trächtigkeit - 180 Ratten in Wiener Wohnung gefunden“, „Mit der Zucht das Futter verdient: 200 Tiere in Mini-Wohnung“, „Helfer retteten 323 Sittiche aus verdrecktem Haushalt“ sind immer öfter zu lesen, denn das sogenannte Animal Hoarding - das krankhafte Sammeln von Tieren - ist ein zunehmendes Problem. Anfang der Woche wurden in der Bundeshauptstadt wieder schwer kranke Katzen aus schlechter Haltung in der Landstraße geborgen. Der Boden war voller Exkremente der Tiere.

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Das traurige Resultat der falsch verstandenen und gelebten Tierliebe sind oftmals schwer kranke Tiere, die in schlimmsten Fällen nie wieder genesen.

Thomas Benda, Betriebsleiter TierQuarTier Wien

Die Vermehrung der unkastrierten Vierbeiner nahm über längere Zeit seinen Lauf: Kurz vor dem Eintreffen der Amtstierärzte diente die Duschkabine für eines der armen Tiere als Geburtsstätte. In stundenlanger Arbeit konnten die Retter 38 Katzen aller Altersstufen aus der Wohnung bergen und ins TierQuarTier Wien bringen. Besonders tragisch: Seit Mittwoch ist klar, dass bei einigen Samtpfoten die hochansteckende und lebensgefährliche Katzenseuche Parvovirose ausgebrochen ist. Der Trakt im TierQuarTier Wien steht unter Quarantäne, zahlreiche Katzen kämpfen auf der Intensivstation der Veterinärmedizinischen Universität ums Überleben.

Fakten

  • 41 Tiere in Messie-Haltung: Das ist der wissenschaftlich ermittelte Durchschnittswert jener Tiere, die in Österreich unter widrigsten Umständen ihr Leben fristen müssen.

Meist weiblich, über 40 Jahre alt, alleinstehend
Ein Unglück von vielen. Denn in Wien (und leider österreichweit) kommt es immer öfter zu Meldungen von sogenannten Animal-Hoarding-Fällen. Erst Ende August sind bei einem Tierdrama im Bezirk Gmünd (NÖ) 150 Chihuahuas aus bemitleidenswerter Haltung gerettet worden. Eine Studie zeigt, dass in Österreich betroffene Personen im Durchschnitt 41 Tiere halten, die Mehrzahl der krankhaften Tiersammler weiblich, über 40 Jahre alt und alleinstehend ist.

Sie leben abgeschottet, weshalb es oft schwer ist, Fälle von Animal Hoarding frühzeitig zu erkennen. Es ist daher besonders wichtig, dass Verwandte und Bekannte der betroffenen Person das Problem als solches erkennen, melden und nicht als Hobby abtun. Anzeichen von krankhaftem Tierhorten sind:

  • Ein Alarmzeichen ist die überdurchschnittliche Anzahl von Tieren (als Schnitt gilt: drei Hunde, bis zu vier Katzen, fünf Nager).
  • Zu viele Tiere für das vorhandene Platzangebot, bzw. am Gelände (Minimalanforderungen laut Tierschutzgesetz).
  • Unkastrierte Tiere, geringe finanzielle Mittel für die Versorgung, keine Einsicht, dass der Tierbestand reduziert werden muss.

Schauen Sie bitte nicht weg! Denn Menschen, die Tiere sammeln, sind psychisch krank. Ohne entsprechende Behandlung werden sie immer wieder zu „Hoardern“.

Alleinstehende Altenpflegerin hortete 150 Chihuahuas in Messie-Haus
„Es war unmöglich, sie zu zählen“, schilderte die Obfrau des Kremser Tierheims die Zustände im Haus einer Tiersammlerin im Bezirk Gmünd (NÖ) Ende August. 29 Hunde waren offiziell gemeldet. Eine Kontrolle der zuständigen Amtstierärztin bei der alleinstehenden Altenpflegerin brachte die Tierkatastrophe zu Tage. Letzten Endes sind es 150 Vierbeiner gewesen, die unter widrigsten Umständen mit der Frau hausten.

Nach der Abnahme sind die Hunde auf mehrere niederösterreichische Tierheime aufgeteilt worden. Die Kosten in solchen Fällen sind enorm und bleiben an den Auffangstationen hängen. Auch die „Krone“-Tierecke beteiligte sich maßgeblich an der Rettungsaktion der beschlagnahmten Tiere. Mehr als 30 der armen Geschöpfe sind seither in der Obhut des Vereins Freunde der Tierecke und erholen sich von ihrem Martyrium.

Birgit Stetina, Klinische Psychologin: „Das Problem liegt oft in der Kindheit“
Als mögliche Ursachen für das zugrunde liegende Bedürfnis, sich immer mehr Tiere anzuschaffen, gelten unter anderem problematische frühkindliche Erfahrungen (z. B. Bindungsprobleme), welche das Selbstkonzept beeinträchtigen können. Viele Betroffene machen in der Beziehung zu ihren Tieren - im Gegensatz zu zwischenmenschlichen Beziehungen - erstmals die Erfahrung, bedingungslos geliebt zu werden. Dieser Aspekt ermöglicht häufig eine Steigerung des Selbstwerts, wodurch das Bedürfnis entsteht, immer mehr dieser positiven Beziehungserfahrungen zu erleben.

Die Anschaffung von neuen Tieren befriedigt dieses Bedürfnis zwar kurzfristig, führt aber langfristig meist zu einer Erschöpfung der Möglichkeiten, sich adäquat um die Tiere zu kümmern. Können die Bedürfnisse der Tiere dann nicht mehr erfüllt werden, ist die Vernachlässigung der Tiere und der eigenen Person das Resultat. Da das Wohl des Menschen und der Tiere in diesen Fällen stark beeinträchtigt ist, ist rasches Handeln notwendig. Wesentlich ist in diesem Zusammenhang die multiprofessionelle Zusammenarbeit von Veterinärmedizin, (klinischer) Psychologie sowie Legislative und Exekutive, um den betroffenen Personen individuelle, umfassende und vor allem konkrete Unterstützung zu ermöglichen.

Diana Zwickl
Diana Zwickl
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