"Wie Hitler enden"

Ex-Minister glaubt, dass Gadafi sich umbringen wird

Ausland
24.02.2011 12:15
Der abtrünnige libysche Justizminister Mohamed Abdul al-Jeleil erwartet einen baldigen Selbstmord von Staatschef Muammar al-Gadafi. "Gadafis Tage sind gezählt. Er wird es wie Hitler machen und sich das Leben nehmen", sagte Jeleil in einem Interview mit der schwedischen Zeitung "Expressen". Mittlerweile befindet sich der Osten des Landes nahezu vollständig unter Kontrolle der Aufständischen. Auf deren Seite hat sich am Donnerstag auch das Terrornetzwerk Al-Kaida gestellt. Der Gadafi-Clan kämpft indes mit krassen Beschönigungen an der Propagandafront.

Der abtrünnige Ex-Minister Jeleil sorgte bereits am Mittwoch für Aufregung, als er enthüllte, dass Gadafi selbst den Befehl für das Bombenattentat von Lockerbie gegeben haben soll (siehe Infobox). "Expressen" hatte das am Mittwoch in Form von Auszügen des Gesprächs auf seiner Website veröffentlicht.

In dem nun vollständig veröffentlichten Gespräch mit dem "Expressen"-Reporter in der libyschen Stadt Al Bayda bestätigte Jeleil des Weiteren das seit Tagen kursierende Gerücht, Gadafi setze ausländische Söldner zur Bekämpfung des Volksaufstandes in seinem Land ein. "Ich weiß davon, dass das Regime schon lange vorher diese Söldner angeheuert hat. Bei mehreren Kabinettssitzungen wurde beschlossen, diesen Leuten aus dem Tschad und Niger die libysche Staatsbürgerschaft zuzuerkennen."

Er selbst habe dagegen protestiert und verlangt, stattdessen den Kindern von Libyerinnen mit ausländischen Ehemännern die Staatsbürgerschaft zu geben, sagte Jeleil.

Al-Kaida will erneut Aufstand Islam-Stempel aufdrücken
Wie schon beim Aufstand in Ägypten hat sich jetzt auch in Bezug Libyen das Terrornetzwerk Al-Kaida zu Wort gemeldet, um eine islamische Verbrüderung mit den Aufständischen darzustellen. Der nordafrikanische Arm der Extremistenorganisation verurteilte am Donnerstag in einer Mitteilung Gadafi für dessen gewaltsame Niederschlagung der Proteste. "Wir verteidigen euch gegen diese Despoten, die eure Rechte beschnitten und euren Besitz geplündert haben", erklärten die Extremisten laut der US-Gruppe SITE, die Al-Kaida und islamistische Internetseiten beobachtet. "Euer Kampf ist der Kampf eines jeden Muslim", so die "Al-Kaida im Maghreb". Es sei an der Zeit, dass den "Betrüger, Sünder, hartherzige Bastard" Gadafi dasselbe Ende ereile wie die gestürzten Staatschefs von Tunesien und Ägypten, Zine el-Abidine Ben Ali und Hosni Mubarak.

In der von SITE verfassten englischen Übersetzung der Erklärung gab es indes keinen Hinweis auf die Behauptung des libyschen Vize-Außenministers Chaled Kaim, der am Mittwoch gesagt hatte, Al-Kaida habe in der nordöstlichen Stadt Derna ein Emirat unter Führung eines ehemaligen Gefangenen des Lagers Guantanamo errichtet. Die Islamisten verfügten bereits über einen Radiosender und würden das Tragen der Burka befehlen. Sie hätten Menschen erschossen, die nicht hätten kooperieren wollen.

Bewohner von Derna hatten Reportern vor Ort allerdings gesagt, dass diese Ausführungen falsch seien. So wie schon Gadafi jahrelang den Europäern die angebliche Bedrohung seines Landes durch den Islamismus als Rechtfertigung für sein Regime vorlegte, habe auch der Vize-Außenminister nur "Europa Angst machen wollen". Die Demonstranten in Libyen sind internationalen Beobachtern zufolge - anders als Al-Kaida - überwiegend nicht religiös motiviert, sondern lehnen sich gegen Unterdrückung und Armut auf.

Gadafis Kinder kämpfen an der Propagandafront
Gadafi schickt indes seine Söhne an die Propagandafront und lässt sie dort krasse Beschönigungen über den Volksaufstand verbreiten. Gadafis Sohn Al-Saadi erklärte am Donnerstag in einem Telefoninterview mit der "Financial Times", 85 Prozent des Landes seien "sehr ruhig und sehr sicher". Sein Bruder Saif al-Islam arbeite derzeit an einer Verfassung für Libyen. Bisher hat das nordafrikanische Land keine Verfassung. Sein Vater werde künftig dabei als Berater einer neuen Regierung fungieren, sagte Al-Saadi, der sich bisher international vor allem als mittelmäßiger Fußballer inklusive Doping-Skandal hervorgetan hatte. "Mein Vater wird bleiben als großer Vater, der Ratschläge gibt."

Saif al-Islam selbst widersprach in der Nacht auf Donnerstag Berichten über Angriffe der libyschen Luftwaffe auf Zivilisten. Seit Beginn der Unruhen seien "einige wenige Menschen" gestorben. "Aber Leute, von Hunderten oder Tausenden zu sprechen und von Luftangriffen, das ist ein Witz selbst vom militärischen Standpunkt aus", sagte Saif al-Islam. "Denn wie kann man mit Flugzeugen Demonstranten angreifen, selbst wenn man töten will?" Westliche Diplomaten zeigten sich entsetzt über die verbalen Entgleisungen von Saif al-Islam in den vergangenen Tagen. Der Gadafi-Sohn war von ihnen bisher eher als moderate Kraft innerhalb des Regimes angesehen worden. Inzwischen haben jedoch auch sie den Eindruck gewonnen, dass er ähnlich gewissenlos ist wie sein Vater.

Die Gadafi-Tochter Aisha dementierte in der Nacht auf Donnerstag im staatlichen Fernsehen Berichte, wonach sie versucht habe, sich mit einem Privatflugzeug nach Malta abzusetzen. Dort soll sie angeblich keine Landeerlaubnis erhalten haben. Die Rechtsanwältin, die während der Aufzeichnung des libyschen Fernsehens vor dem gleichen Gebäude in Tripolis stand, vor dem schon ihr Vater eine wütende Rede gehalten hatte, sagte: "Ich sage allen Libyern und Libyerinnen, die mich geliebt haben und die ich geliebt habe und die mich gut kennen, dass ich standhaft bleibe."

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