Überläufer "gesteht"

"Ich habe den Krieg mit einer Lüge ausgelöst"

Ausland
16.02.2011 09:36
Ein in Deutschland lebender irakischer Überläufer namens Rafid Ahmed Alwan al-Janabi, der jahrelang als Informant für den Bundesnachrichtendienst und die CIA gearbeitet hat, sorgt mit einem "Geständnis" für Aufregung. Er habe seinen Kontakten bewusst vorgeschwindelt, Saddam Hussein besitze Massenvernichtungswaffen, damit der von ihm so verhasste Diktator gestürzt wird. Nicht nur bestätigt al-Janabi damit auf einen Schlag viele Gerüchte - er selbst zeigt sich stolz, "dem Irak Frieden gebracht zu haben".

"Vielleicht hatte ich recht, vielleicht nicht", sagt Rafid Ahmed Alwan al-Janabi im Interview mit der der britischen Zeitung "The Guardian". "Ich hatte die Chance, etwas zu fabrizieren, um das Regime zu stürzen", so der Iraki, der den Geheimdiensten unter dem Codenamen "Curveball" (Wurftechnik im Baseball, Anm.) laut eigenen Angaben Informationen über vermeintliche Biowaffen und geheime Produktionsanlagen geliefert hatte.

"Ich musste etwas für mein Land tun, also habe ich das gemacht und ich bin zufrieden, denn jetzt gibt es im Irak keinen Diktator mehr", so Janabi, der dem "Guardian" in gebrochenem Deutsch antwortete. Der deutsche BND habe seinen Ausführungen auch weiterhin geglaubt, als sein ehemaliger Chef seine Angaben dementierte, sagte der ehemalige Chemietechniker, dem drei Jahre vor dem Krieg in Deutschland Asyl gewährt worden war.

Powell sprach vom "Chemieingenieur"
Untermauern kann al-Janabi seine Angaben durch den damaligen US-Außenminister Colin Powell. Dieser trat im Februar 2003 vor den UNO-Sicherheitsrat und hielt dort sein Plädoyer für einen Einmarsch in den Irak und legte "Beweise" für Saddams Massenvernichtungswaffen-Fabriken vor - die Angaben eines "Chemieingenieurs, der eine der Anlagen beaufsichtigte". Al-Janabi saß damals bereits in seiner Wohnung in Deutschland und beobachtete das Ganze im Fernsehen.

Al-Janabi, dessen Söhne stolz auf ihn sind, dass er "der Grund ist, warum der Irak zur Demokratie gelangt", konzediert aber, dass er nicht unbedingt der einzige Auslöser für den Einmarsch war. "Powell stützte sich aber nur auf drei Argumente: Uran, Al-Kaida - und mich."

Der nach wie vor in Deutschland lebende "Curveball" geistert schon seit vier Jahren durch die Kriegsreporter-Newsrooms. Als Powells Quelle für die nie gefunden Massenvernichtungswaffen war er 2007 erstmals mit vollem Namen genannt worden. Doch nur ein Reporterteam des US-Senders CNN schaffte es, den Ingenieur im deutschen Karlsruhe aufzustöbern. Al-Janabi wies damals alle Vorwürfe von sich. Er werde vom BND als Sündenbock missbraucht.

"Dr. Paul" nahm die Lügengeschichten bereitwillig auf
Acht Jahre nach Powells Rede brach al-Janabi jetzt sein Schweigen. Ihm sei im Jahr 2000 in Deutschland Asyl gewährt worden. Wenige Wochen, nachdem er seine erste Wohnung bezogen hatte, klopfte ein "Dr. Paul" an seine Tür. Der offensichtlich für einen Geheimdienst arbeitende Mann stellte Fragen über al-Janabis Arbeit als Chemieingenieur im Irak. "Von da an entschied er sich, seine Fantasie spielen zu lassen", heißt es im "Guardian"-Artikel. Al-Janabi erzählte dem BND über Saddams Todes-Lkws, vollbeladen mit Biokampfstoffen. "Sie fragten mich nach Filterpumpen - jeder Ingenieur, der Chemie studiert hat, hätte ihnen darüber Auskunft geben können."

Er denunzierte sogar den Sohn seines ehemaligen Chefs beim irakischen Amt für die Rüstungsindustrie. Schon allein damit hätte man ihn damals als Lügner überführen können, meint al-Janabi jetzt im Nachhinein. Laut "Guardian" sprachen Geheimdienstler aus Deutschland, den USA und Großbritannien mit al-Janabis ehemaligen Chef, der die Vorwürfe entschieden zurückwies. Doch man entschied sich, weiterhin "Curveball" zu glauben. Nach fast zwei Jahren Funkstille sei er dann 2002 erneut intensiv befragt worden. Für seine Kooperation durften seine Frau und seine Kinder via Spanien nach Deutschland nachreisen. Die letzte Kontaktaufnahme gab es wenige Tage vor Powells Rede. "Ich wusste, dass sie eine Beweislage konstruieren", so al-Janabi.

"Es gab keinen anderen Weg"
Im Irakkrieg wurden mehr als 100.000 Zivilisten getötet. "Ich bin traurig über jeden, der sein Leben verliert. Aber schlagen Sie mir eine andere Lösung vor. Können Sie mir eine andere Lösung sagen? Nein. Denn glauben Sie mir, es gab keinen anderen Weg, um Frieden in den Irak zu bringen. Da war keine andere Möglichkeit!", so al-Janabi gegenüber dem "Guardian". Die Täuschung komme ihm außerdem teuer zu stehen, denn er werde massiv vom BND unter Druck gesetzt.

"Sie haben mich aus der Wohnung geworfen, sie haben mir sogar mein Handy weggenommen." Aber selbst, wenn er die Zeit zurückdrehen könnte: "Ich würde es wieder tun."

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