08.07.2021 08:00 |

„Krone“-Kolumne

Ein Sommer ohne Sex ist kein Sommer

Soziologin und Sexualpädagogin Barbara Rothmüller diesmal darüber, warum Menschen für Sex bezahlen und wie es Sexarbeitern in der Pandemie geht.

„Ein Sommer ohne Sex ist kein Sommer!“, skandierten Prostituierte letztes Jahr bei einer Demonstration in Hamburg. Sie forderten, dass das Verbot von Sexarbeit in der Pandemie aufgehoben wird. Nachdem bereits seit längerem in Österreich körpernahe Dienstleistungen wieder erlaubt sind, ist auch Sexarbeit wieder legal möglich. Wie viele Menschen (Männer) sexuelle Dienstleistungen kaufen, weiß man allerdings nicht.

Studien aus Deutschland und den USA lassen vermuten, dass rund jeder zehnte Mann schon einmal die Dienste einer Sexarbeiterin oder eines Sexarbeiters in Anspruch genommen hat. Geredet wird darüber, wenn überhaupt, jedoch nur hinter vorgehaltener Hand. Für jene, die Sexarbeit moralisch oder arbeitsrechtlich problematisch finden, ist oft völlig unverständlich, warum jemand auf die Idee kommen könnte, für so etwas Intimes wie Sexualität zu bezahlen. Hat Sex nicht vor allem mit Liebe und Vertrauen zu tun? Für manche Menschen unbedingt. Für manche aber gerade nicht.

Die Gründe, für Sex zu bezahlen, sind vielfältig. Forschungen zu Sexarbeit zeigen, dass jüngere Männer sexuelle Dienstleistungen eher als Teil eines aufregenden Freizeitprogramms sehen, etwa von Junggesellenabenden. Sexarbeit ist manchmal auch Teil des Rahmenprogramms von Geschäftstreffen. Oder verhilft männlichen Kunden von Massage-Salons zum ultimativen „Happy Ending“ der Entspannung. Beim Kauf sexueller Dienstleistungen kann es um Macht, Kontrolle und spezielle sexuelle Vorlieben genauso gehen wie um Liebe und Intimität.

Gerade bei älteren Männern dürfte der emotionale Aspekt von Prostitution eine wichtige Rolle spielen und, gar nicht so selten, echte Zuneigung oder sogar Liebe im Spiel sein. Und manchmal sind Männer so wenig erfolgreich bei der Partnersuche, dass sie nur Sex mit einer anderen Person haben können, wenn sie dafür bezahlen. Schließlich werden auch von dementen Personen oder Menschen mit einer Behinderung sexuelle Dienstleistungen in Anspruch genommen. Diese sogenannte „Sexualassistenz“ wird in Österreich seit 2017 ebenfalls als Sexarbeit gewertet.

Frauen, die sexuelle Dienstleistungen freiwillig anbieten, haben es bereits vor der Pandemie nicht leicht gehabt. Viele waren während der Pandemie in ihrer Existenz bedroht, und zwar nicht nur durch Ansteckungsrisiken, Stigmatisierung und die (immer drohende) sexuelle Gewalt. Sondern auch ökonomisch waren Sexarbeiterinnen teilweise so unter Druck, dass Hilfseinrichtungen während der Pandemie für sie Schlafplätze und Essen organisieren mussten. Nun sind sie erleichtert, dass sie überhaupt wieder arbeiten dürfen.

Das Bezirksamt Hamburg-Mitte setzt diesen Sommer auf Humor und hat ein Plakat am Eingang der Reeperbahn, dem Rotlichtviertel in Hamburg, aufgehängt, das durch die sozialen Medien flattert. Es wirbt für die Maskenpflicht beim Sex mit einer Sexarbeiterin, die rücklings auf dem Gesicht eines Kunden sitzt: „Bitte Mund und Nase bedecken. Wir setzen auf Hygieneregeln.“ Im Umgang mit Ansteckungsrisiken und risikoreichen Sexualpraktiken waren Sexarbeiter immer schon besonders geübt. Stigmatisierung und Gewalt setzen ihnen jedoch weiterhin zu.

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Barbara Rothmüller
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