25.04.2021 06:00 |

Ärmere betroffen

Studien: Ist Corona ein „ungerechtes“ Virus?

„Covid-19 kennt keine Grenzen, keine staatlichen, keine gesellschaftlichen“, haben Virologen und Spitalsärzte am Beginn der Pandemie betont und resümiert: „Corona ist für uns alle gleichermaßen gefährlich.“ Studien des deutschen Robert-Koch-Instituts belegen nun: Die meisten der mit dem Virus Infizierten stammen aus „ärmeren Schichten“. Ein Covid-Spezialist und eine Soziologin erklären in der „Krone“ die Ursachen für diese Tatsache - die als ein „Tabuthema“ gilt.

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Mittlerweile scheinen die zu Beginn der Pandemie getätigten Aussagen hinterfragenswert - wie nun zwei aktuelle Studien des Robert-Koch-Instituts belegen. Kernaussage: Das Risiko, sich mit dem „Ungerechtigkeitsvirus“ - wie manche Medien es jetzt nennen - anzustecken, ist für Menschen aus armen Verhältnissen um über 50 Prozent höher als für jene aus privilegierteren Kreisen.

Und noch weitere Details aus den breit angelegten Untersuchungen sorgen für Aufregung: So waren etwa im Frühjahr 2020 vorwiegend „Bessergestellte“ infiziert, nach Skiurlauben oder Fernreisen. Aber bald schon wurden bei ihnen weniger Erkrankungen - und gleichzeitig zunehmend mehr bei sozial Benachteiligten festgestellt.

In Österreich gibt es dazu kaum Statistiken. Im Dashboard der Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit (AGES) sind lediglich die Zahlen der Infizierten, Genesenen und Verstorbenen - aufgeschlüsselt nach Geschlecht, Alter und Heimatort - angeführt.

Verschwiegene Gesellschaftsprobleme
„Leider sieht es unser System nicht vor“, so Richard Greil, Vorstand der Abteilung für Innere Medizin am Uniklinikum Salzburg, „sozioökonomische Daten zu Bildung, Einkommen, Wohnverhältnissen und Beruf zu erheben. Obwohl das sehr wichtig wäre.“ Weil die Umstände, unter denen Menschen leben, „hinsichtlich ihrer gesundheitlichen Risiken, ihrer Behandlung und Lebenserwartung von extremer Bedeutung sind“, so Greil.

Die aktuellen Covid-Studien des Robert-Koch-Instituts, erklärt der Infektiologe, halte er für „sehr glaubwürdig“. Und ohnehin würden sie sich mit längst in den USA durchgeführten Analysen zu diesem „Tabuthema“ - wie er es nennt -decken.

Immense Unterschiede bei Arbeitsbedingungen
Fazit: „Selbstverständlich sind Menschen, die unter komplizierten Bedingungen arbeiten müssen und auf engem Raum mit vielen anderen zusammenleben, dem Virus mehr ausgeliefert als jene, welche die Möglichkeit zum Homeoffice haben oder über großzügige Wohnmöglichkeiten verfügen.“

„Die Hauptbetroffenen der Pandemie sind tatsächlich die ärmeren Bevölkerungsschichten“, bestätigt die Soziologin und an der Universität Lehrende Barbara Rothmüller: „Denn sie haben wenig Optionen, Fremdkontakten - und damit Ansteckungsgefahren - zu entgehen.“ Taxi- und Busfahrer; Handwerker, in der Pflege oder in Schlachthöfen Beschäftigte und Erntehelfer können, „wenn sie ihre Jobs nicht verlieren wollen“, in der Regel nur schwer Distanzregeln einhalten. „Und wenn sie das beruflich nicht tun - fallen folglich auch nicht selten privat Schranken“, so Greil. Fest stehe außerdem, wissen der Arzt und Rothmüller, „dass eine gesunde Lebensweise meist eine Frage finanzieller Ressourcen ist“.

Ungesunde Ernährung bedingt Erkrankungen
Eine ausgewogene Ernährung und regelmäßige medizinische Checks fänden eher in „gut informierten Kreisen“ statt: „Wer hauptsächlich billige Nahrungsmittel - Tiefkühlpizzen, Fast Food und Schnitzel aus Großpackungen - zu sich nimmt, hat freilich eine hohe ,Chance‘, übergewichtig zu werden und Diabetes oder Bluthochdruck zu bekommen.“ Vorerkrankungen, die im Falle einer Corona-Infektion häufig zu dramatischen Verläufen führen.

„Menschen, die durch die Pandemie arbeitslos geworden sind und Probleme haben, ihre Mieten zu bezahlen, müssen jetzt vom Staat durch höhere Zahlungen aufgefangen werden“, plädiert eine Caritas-Sprecherin. Eine Aufforderung, die Corona-Spezialist Greil unterstützt: „Weil Personen in existenziellen Notlagen oder ohne ausreichende Information manchmal das Virus für ihre Schwierigkeiten verantwortlich machen und eine Infektion damit unterschätzen.“

Forderung nach Aufklärung der Randgruppen
Die dringende Aufgabe der Politik sei daher, bei diesen „Randgruppen“ für Aufklärung zu sorgen, „ihnen etwa die enorme Wichtigkeit einer Impfung zu verdeutlichen“. Was derzeit leider nicht geschehe, bei der Kampagne für Corona-Vakzinierungen, „für die mit Politikern und Künstlern geworben wird“. Der Vorschlag des Arztes: „Testimonials sollten auch Mindestverdiener oder Jobsuchende sein.“

Ein junger Mann, ein gebürtiger Türke mit österreichischer Staatsbürgerschaft, erzählte kürzlich bei einer Fahrt in seinem Taxi der „Krone“, dass er in den vergangenen Wochen mehrere Begräbnisse besucht habe. „Einige Kollegen von mir sind an Corona gestorben“, berichtete er, und er meinte: „Sie wurden sicherlich von Kunden angesteckt.“ Viele Fahrgäste - so seine eigene Erfahrung - würden sich nämlich weigern, Masken zu tragen. „Aber was soll ich dagegen unternehmen?“, fragt der 28-Jährige.

Ich muss meine Ängste einfach verdrängen
Die Aufträge seien seit Ausbruch der Pandemie ziemlich knapp geworden, „und jeder verlorene bedeutet für mich einen Lohnverlust. Den ich mir nicht leisten kann. Denn ich habe meine Frau und unser kleines Kind zu versorgen.“ Die Angst, sich mit dem grauenhaften Virus anzustecken, „muss ich daher verdrängen“.

Martina Prewein
Martina Prewein
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