14.04.2021 11:55 |

krone.at-Kolumne

Anschobers Rücktritt wäre vermeidbar gewesen

Der Rücktritt des Gesundheitsministers war vorhersehbar. Dennoch wäre er vermeidbar gewesen. Bei einer Politik des „neuen Stils“, die seinen Akteuren Perfektion abverlangt und seine gefühllosen, NLP-trainierten Parteisoldaten braucht, hat Schwäche keinen Platz. Dabei darf Krankheit niemals ein Tabu sein.

Man kann Rudolf Anschober viel vorwerfen, mangelnde Menschlichkeit zählt jedenfalls nicht dazu. Wer ihn treffen konnte, erlebte einen feinfühligen und freundlichen Menschen, der es auch bei noch so festgefahrenen Positionen verstand, abseits der Parteipolitik nach einem gemeinsamen Nenner zu suchen. Als Minister war er einer, der lieber zuhörte, als über sich redete. Das sind Attribute mit Seltenheitswert. Zumindest in der Politik.

Anschober-Rücktritt im Video: „Ich will mich nicht kaputtmachen“

Ära des „Neuer Stils“ war zunächst heilsam, …
Denn in der Ära des „Neuen Stils“ zählen vor allem Rationalität, Emotionslosigkeit und ein perfektes Image. Das hat zuweilen auch gutgetan, denn nach Jahrzehnten des offen zur Schau gestellten, innerkoalitionären Hick-Hacks unter einer großen Koalition war die Sehnsucht nach einer Politik, die die eigenen Befindlichkeiten zum Wohle der Österreicher hintenanstellt, groß. Der „neue Stil“, der politische Perfektionismus, den Bundeskanzler Sebastian Kurz geprägt hat, war deswegen zunächst heilsam wie erfolgreich.

… fordert jetzt aber seine Tribute
Dieser Druck nach kühler Glattheit verlangt aber auch seine Tribute. Es braucht schon viel Härte, dem internen Druck, dem Druck der Öffentlichkeit, aber wohl auch dem hausgemachten Druck stand zu halten, das Unterdrücken von persönlicher Emotion ist auf Dauer sicher nicht gesund und die Erwartung, als Spitzenpolitiker in jeder Lebenslage funktionieren zu müssen, tut ihr übriges. Es ist nur verständlich, wenn Rudolf Anschober sagt, er sei „überarbeitet und ausgepowert“. Das ist nur menschlich.

Wenn Gesundheitsminister strauchelt - wie geht es dann den Österreichern?
Vielleicht müssen wir alle umdenken. Gerade in dieser Krise sind Emotionen wie Leid, Schmerz oder Überforderung in unserem Alltag angekommen, die Zahl derer, die mit sich kämpfen, ist hoch. Dass ausgerechnet dem Gesundheitsminister keine Verschnaufpause vergönnt war, um sich um seine Gesundheit zu kümmern, ist zynisch. Wenn selbst er an der Coronakrise zerbricht - wie geht es dann der Psyche der Millionen Österreicher?

Was verlangen wir unseren Politikern alles ab?
Rudolf Anschober muss sich nicht für seine Erkrankung schämen. Es zeugt von Stärke, mit der Erzählung der politischen Makellosigkeit zu brechen und über das Tabu der Überlastung zu sprechen. Es sollte uns allen ein Grund sein, kurz innezuhalten und darüber nachzudenken, was wir uns selbst, aber auch den anderen - auch Politikern - alles abverlangen. Damit diese Krise nicht noch einen weiteren Tribut fordert.

Katia Wagner
Katia Wagner
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