24.01.2021 05:00 |

Pflegemodell

Herr Jensen aus Kopenhagen muss nicht in ein Heim

Denn in Dänemark bekommt er lebenslang gute Betreuung zu Hause, die vom Staat finanziert wird und trotzdem nicht teurer ist als bei uns. Dafür aber menschlicher.

Dürfen wir Ihnen Oscar Jensen vorstellen? Er ist 68 Jahre alt und lebt in Kopenhagen. An seiner Geschichte erklären wir heute das dänische Modell der Altenbetreuung: Als ihm klar wurde, dass er im Alltag allein nicht mehr zurecht kommt, kontaktiert er einen Sozialstützpunkt der Stadt. Gemeinsam einigt man sich auf ein Sturztraining und einen Yogakurs. Dadurch verliert er die Angst vor Verletzungen und baut Muskulatur auf. Ein Augenfehler lässt sich nicht mehr beheben. So kommt täglich für 2,5 Stunden eine Heimhilfe. Ein Taxi bringt ihn täglich zum Einkaufen. Er hat dann 90 Minuten Zeit, alles zu erledigen. Alle diese Dienste sind kostenlos. Oscar kann zwischen Essen auf Rädern, einem gemeinsamen Mittagstisch in einem Restaurant oder in einem Pflegeheim wählen. Dafür fällt ein geringer Selbstbehalt an.

Begleitung bis zuletzt
Er und seine Beraterin glauben, dass er mit diesen Hilfen weiterhin gut zurecht kommt. Bei Bedarf kann er auf Unterstützung beim Waschen oder Baden, Anziehen etc. zurückgreifen. Eine Gemeindeschwester ruft zu vereinbarten Zeiten an, um zu erfahren, ob bei ihm alles ok ist. Verschlechtert sich sein Zustand sehr, bekommt er einen Bildschirm, damit er jederzeit mit medizinischem und Pflegepersonal Kontakt aufnehmen kann. Außerdem besuchen ihn dann Pflege- und später Hospizdienste sooft und solange es nötig ist. In Dänemark machen die Kosten für Gesundheit und Pflege 10,4% des BIP (Bruttoinlandprodukt) aus, ebenso wie in Österreich. Bei uns kommen noch 1,7% für Pflegeausgaben dazu.

Expertin Ingrid Korosec: „Ach, wie schön ist Dänemark“
In den 1980er Jahren drohte in Dänemark die Betreuung älterer Menschen in sich zusammenzubrechen - zu teuer, zu wenig Personal, zu aufwändig. Alle waren unzufrieden. Acht von 10 Menschen, die nicht mehr allein zurechtkamen, lebten in Heimen. Die Gemeinden wussten nicht mehr, wie sie das bezahlen sollten. Statt an einem maroden System herumzubasteln, organisierten die Dänen alles völlig neu: Die Heime sollten verschwinden, die Menschen selbstständig leben. „Alt“ bedeutet im Königreich nicht automatisch „unfähig“, sondern „noch viel selbst können und manchmal Hilfe benötigen“. Die Dänen stellten fest: Rechtzeitig eine Heimhilfe, eine Putzfrau oder eine Therapie bereitzustellen, kommt viel billiger als ein teures Pflegebett. Hilfe zur Selbsthilfe statt Unterstützung in der Unselbstständigkeit lautet die Devise. Die Rechnung geht auf, es sind inzwischen nur 8% der Über-65-Jährigen stark betreuungsbedürftig, in Österreich 22%. Putzdienste, Einkaufs-Taxis, Begleitung zum Arzt oder ins Museum, Tageszentren, Freizeitprogramm, Physiotherapie, Krafttraining, medizinische Pflege und vieles mehr - dänische Senioren haben die Wahl! Das will ich auch für uns in Österreich!

Zitat Icon

Hilfe zur Selbsthilfe statt Unterstützung in der Unselbstständigkeit lautet die Devise.

LAbg. Ingrid Korosec, Präsidentin des Österreichischen Seniorenbundes.

Dänen erhalten übrigens kein Pflegegeld. Das Angebot wird direkt durch Steuereinnahmen finanziert. Jeder bekommt die benötigte Hilfe. Trotzdem gibt Dänemark mit 4.000 € pro Kopf für Gesundheit und Pflege (kaufkraftbereinigt) genau so viel aus wie Österreich. Natürlich meckert auch diese Bevölkerung an ihrem System herum. Trotzdem ist es für unsere Reform ein gutes best practice Beispiel. Bis dahin heißt es leider weiter: Ach, wie schön ist Dänemark!

Kontakt: Ingrid Korosec, Österreichischer Seniorenbund, Lichtenfelsgasse 7, 1010 Wien.

Karin Podolak, Kronen Zeitung

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