21.11.2020 06:00 |

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KW 47 - die wichtigsten Neuerscheinungen der Woche

Musik als Lebenselixier - besonders für das Wochenende, wo man hoffentlich auch Zeit dafür hat. Wir haben für euch wieder die besten Alben und Veröffentlichungen der Woche zusammengesammelt. Quer durch alle Genres ist hier garantiert für jeden was dabei. Viel Spaß dabei!

Die Aeronauten - Neun Extraleben
Manche Geschichten haben kein Happy End, auch wenn sie es verdient hätten und man es gerne erleben würde. Die Schweizer Indie-Pioniere Aeronauten veröffentlichen mit „Neun Extraleben“ dieser Tage ihr elftes Studioalbum, doch Frontmann Oliver Maurmann erlebt den Release nicht mehr. Sein Herz machte im Jänner 2020 nicht mehr mit, doch für seine alten Kollegen und Freunde war das nur ein guter Grund, um alte Gesangsaufnahmen und Demoversionen so zusammenzutragen, dass man dem kultigen Frontmann noch ein letztes Mal eine große Ehre erweisen könnte. So kann man sich in Songs wie „Das anstrengende Leben“, „Hatemails“, „Stauseegrund“ oder „Junger Mann Gedichte schreibend“ noch einmal am technisch limitierten Punkrock mit Ska-Einflüssen erfreuen und wohlig in Erinnerungen schwelgen. Oder vielleicht doch nicht? Ein offizielles Ende wurde bis dato nicht verkündet… 7/10 Kronen

Alarmbaby - Killamädchen
Statements zu setzen ist in einer Zeit wie der aktuellen nie schlecht, so viel sei gleich einmal lobend vorausgeschickt. Die aus der Heimat der deutschen Pop-Akademie Mannheim stammenden Alarmbaby haben mit der Single „Alarmzustand für Deutschland“ schon vor einigen Wochen die AfD angeprangert, auf dem dazugehörigen Debütalbum „Killamädchen“ geht das junge Quartett nun in die Vollen. Frontfrau Mary-Anne ist mit der ausdrucksstarken Stimme und dem unbescheidenen Auftreten natürlich der Blickfang der Band. Eine Mischung aus Rrriot Girl und Courtney Love im mitteleuropäischen Gewand. Der Titeltrack etwa spricht auf Selbstliebe und Selbstbestimmung an, die „Generation Z“ wird nicht so gut dargestellt, wie sie gerne tut und „Kaputtgehn“ ist purer Coming-Of-Age-Nihilismus. All das wird verpackt in Electropop und geradlinigem Rock’n’Roll. Interessantes, meinungsstarkes Debüt, das einiges an Potenzial offenbart. 7/10 Kronen

Dave Alvin - From An Old Guitar: Rare And Unreleased Recordings
1977 war das Jahr, als die großen Rock-Epen plötzlich uninteressant wurden, weil der Punk mit einer anarchischen Urgewalt die Popkultur aufmischte und auch New Wave und Elektronik ihre ersten Samen sprießen ließen. Mitten in dieser Zeit der globalen und musikalischen Umbrüche begann Dave Alvin seine Karriere als Countrymusiker und Singer/Songwriter und streckte jeglichem Trenddenken einen dicken Mittelfinger entgegen. Solo und in diversen Band sorgt er seit mehr als 40 Jahren für gute Musik, die Zusammenstellung „From An Old Guitar: Rare And Unreleased Recordings“, die ebenjenes Material versammelt, ist daher nur folgerichtig. Zu Eigenkompositionen reihen sich Tracks von Idolen wie Bob Dylan, Willie Dixon oder Marty Robbins und beamen den Hörer samt dem locker sitzenden Stetson in den nächsten Saloon. Wie unschuldig, wie nostalgisch. Ohne Bewertung

Anderwelt - 2084
In eine nicht näher definierte „Anderwelt“ würden sich derzeit viele Menschen wünschen. Eine Handvoll Linzer hat dieses Vorhaben schon vor fünf Jahren in die Tat umgesetzt und mit „Schattenlichter“ ein gleichsam interessantes, wie atmosphärisches Debütalbum veröffentlicht, das sich irgendwo zwischen Post Metal, Post Rock und aggressiven Klassikzitaten festsetzte. Das ist bei „2084“ nicht anders, wo das Quintett George Orwells’s dystopischen Grundgedanken von „1984“ einfach 100 Jahre weiterschraubt und damit eine beängstigende Aktualität evoziert. Die Freiheit ist Sklaverei, Social-Media-Likes sind die neue Weltwährung, die Wahrheit ist verhandelbar - ja, wir wissen es eh alle, aber trotzdem tut es gut, sich daran zu erinnern. Vor allem, wenn es musikalisch so detailverliebt, spannend, manchmal aber etwas zu opulent und überlang inszeniert ist. „2084“ zeigt Anderwelt dennoch in allen Bereichen gestärkt und wird Post-Metal-Freunde mehr als bloße Befriedigung bereiten. 7,5/10 Kronen

AnnenMayKantereit - 12
Immer dann, wenn man glaubt, das Jahr kann eigentlich gar nicht mehr schlimmer werden, legt das Schicksal von irgendwo noch ein Schäuferl drauf. Kurz vor dem Jahreswechsel müssen wir uns im zweiten großen Lockdown auch noch mit einem „Überraschungsalbum“ der deutschen Berufsheuler AnnenMayKantereit auseinandersetzen. „12“ ist, gähn, nichts anderes als ein astreines, herbstlich-reduziert aufgenommenes Corona-Album, das die Schrecklichkeiten der Pandemie als inhaltlichen Boden für die gewohnt platten Kalenderspruchtexte des Frontmanns Henning May verwendet. Auch auf „12“ klingen Textfetzen aus Songs wie „Gegenwartsbewältigung“ oder „So laut so leer“, als hätte Gossenprosaistin Julia Engelmann ihren aufgplusterten Worten einfach Akustikgitarre und Piano beigestellt. Ja, die Zeit ist schlecht. Ja, es ist nicht lustig. Aber nein, diese Scheibe macht nichts besser. 1/10 Kronen

Autechre - Plus
Das britische Electronia-Duo Autechre tritt im leidvollen Coronajahr ordentlich aufs Gaspedal, das muss man ihnen lassen. Nicht nur, dass man diesen Frühling mit „Sign“ das erste Album nach sieben Jahren veröffentlichte, erscheint rechtzeitig für dem dürren Gabentisch auch noch ein Überraschungswerk namens „Plus“. Fans der „alten“ Autechre werden sich hier besser zurechtfinden, denn die dissonanten Klangkaskaden sind wieder eindeutig klaustrophobischer und weit weniger zugänglich auf dem Vorgänger, der so manchen Hörer doch zu überraschen vermochte. Für die Soundentfaltung lassen sich Rob Brown und Sean Booth viel Zeit, teilweise sogar bis zu einer Viertelstunde, doch man braucht auch etwas Geduld, um in den Sog der Briten gesogen zu werden. Zerbrochene Beats, obskure Synthie-Klänge und eine bedrohliche Sci-Fi-Atmosphäre geben sich die Hand - fast wie in alten Tagen. Gemeinsam mit „Sign“ ergibt das ein großes Ganzes. 7/10 Kronen

Blunt Razors - Early Aught EP
In der Kürze liegt die Würze, dachten sich Gared O’Donnell und Neil Keener bei ihrem neuen Projekt Blunt Razors, denn der offiziell als EP firmierende Debütrundling „Early Aught“ kratzt noch nicht einmal an der Halbstundenmarke. Eigentlich kennt man die beiden von Planes Mistaken For Stars und Blunt Razors ist ein astreines Corona-Projekt. Als sich die beiden im Frühling unfreiwillig in Illinois in Quarantäne befanden, nutzte man neugewonnene Zeit und Langeweile, um eine Handvoll emotionaler, entschlackter und vor allem sanfter Songs zu verfassen. Die Klangsphären vermischen sich mit dem Hauptprojekt, aber Eigenständigkeit war auch nicht die Prämisse der beiden. Vor allem die Single „Speeding“, aber auch „Amber Waves“ entfachen eine besonders eindringliche Atmosphäre. Mit dem Kate Bush-Cover „Under Ice“ macht man natürlich auch nichts falsch. Hoffentlich kommt da noch mehr. Ohne Bewertung

Phoebe Bridgers - Copycat Killer EP
Man darf ohne Umschweife steif und fest behaupten, dass Phoebe Bridgers nicht nur eine der Aufsteigerinnen der letzten Jahre ist, sondern es auch scheinbar mühelos schafft, in beeindruckender Konstanz für formidables Liedgut zu sorgen. Nachdem sie heuer schon mit dem hervorragenden Album „Punisher“ begeisterte, gibt es jetzt ein emotionales, aber ganz und gar nicht weihnachtliches 4-Track-EP-Präsent zum Jahresende. „Copycat Killer“ zeigt ihre Songs mit wundervollen Streicherarrangements durchzogen und trifft dadurch wirklich mitten ins Herz. Vor allem die Konzentration auf Bridgers sanfte Stimme macht dieses Kleinod zu einem ganz besonderen Vergnügen. Traumhaft! Ohne Bewertung

Cabaret Voltaire - Shadow Of Fear
Das Jahr 2020 hört nicht auf uns zu überraschen - selten aber doch auch mal im positiven Sinne. „Shadow Of Fear“ nennt sich das neue Studioalbum von Cabaret Voltaire und das ist deshalb eine Sensation, weil es das erste seit unfassbaren 26 Jahren ist. Mit Richard H. Kirk bliebt zwar nur mehr ein Gründungsmitglied übrig, doch die bahnbrechenden Industrial- und Electro-Pioniere aus dem Reglerparadies Sheffield hätte man auch in der Form nicht mehr zurückerwartet. Kirk setzt vornehmlich auf instrumentale Klänge, verzichtet bis auf wenige Spoken-Word-Einlagen gänzlich auf Vocals und gibt mit seinem Techno-basierten Sound damit einen wertigen Blick zurück in die 80er, als Dekadenz und Experimentierkunst Hand in Hand gingen. Das Punk-Feeling bleibt dem Dancefloor enthalten, Dub und Trip-Grooves drücken sich die Klinke in die Hand. Nach Róisín Murphy das zweite Sheffield-Highlight innerhalb weniger Wochen. 7,5/10 Kronen

Jennifer Castle - Monarch Season
Es gibt Musik, die kann man nur zu einer gewissen Jahreszeit hören. So funktionieren Alben der Kanadierin Jennifer Castle für gewöhnlich nur im Herbst. Zumindest können sie dort ihre volle Entfaltung entfachen, was, ihr ahnt es, an der sanft-melancholischen Herangehensweise an ihrer Musik liegt. „Monarch Season“ ist ein Fingerpicking-Gitarrenjuwel mit schwelgerischer Kate Bush-Stimme und einem untrüglichen Gespür für die besonders zarten Momente im Leben. Natürlich darf dazwischen auch nicht die Bob Dylan-Gedächtnismundharmonika fehlen, denn Castle wirkt manchmal so wie eine weibliche Version ihres kultigen Landsmanns Pete Droge: ausdrucksstark, kompetent und herzhaft. Nur manchmal etwas zu sehr zurückgelehnt. 7/10 Kronen

Nick Cave - Idiot Prayer: Nick Cave Alone At Alexandra Palace
Die Kinopremiere für Anfang November fiel Corona-bedingt ins Wasser, hoffen wir nun auf den Jänner, doch zumindest das Tondokument der neuen Nick Cave-Veröffentlichung kann man ab sofort in vollem Umfang genießen. „Idiot Prayer: Nick Cave Alone At Alexandra Palace“ sagt eigentlich schon alles und wurde vergangenen Juni aufgenommen, als England erstmals die harten Maßnahmen nach dem ersten Lockdown zurücksetzte. Die filigrane Solo-Performance sollte in erster Linie eine Reaktion auf die Isolation und die Einschränkungen der Zeit davor sein, doch der Mitschnitt war zu gut, um ihn als einmaliges Konzertevent verblassen zu lassen. Insgesamt 22 Songs quer durch sein gesamtes Schaffen werden dargeboten. Von „Sad Waters“ bis „The Mercy Seat“, von „Jubilee Street“ bis „The Ship Song“. Nicht nur Hardcore-Cave-Fans ein Pflichtkauf. Ohne Bewertung

Communic - Hiding From The World
Mit den beiden ersten Alben „Conspiracy In Mind“ (2005) und „Waves Of Visual Decay“ (2006) standen den Dänen von Communic einst die Türen für eine wirklich große Karriere im Prog-Metal sperrangelweit offen, aber aus unterschiedlichsten Gründen hat es mit dem Durchbruch nie so ganz geklappt und die Band konnte nicht in die Sphären von Iced Earth, Sanctuary oder Nevermore vordringen. Das bis heute unveränderte Trio hört aber nicht auf seiner Leidenschaft nachzugehen und probiert es mit „Hiding From The World“ (was für ein Titel in dieser Zeit!) ein weiteres Mal. Gut so, denn der von Thrash-Zitaten (Metallica lassen etwa in „My Temple Of Pride“ grüßen) durchzogene Progressive-Wulst ist gut produziert, fein geschrieben und schön ausgearbeitet. Nur auch leider etwas aus der Zeit gefallen und ohne wirklich zwingende Hits bereichert. Eigentlich schade darum… 7/10 Kronen

The Cribs - Night Network
Ja, auch die gibt es noch. Die Cribs sind ein klassisch-britisches Indie-Rock-Phänomen, das in den 2010er-Jahre einige Alben in die Top-10 ihrer Heimat brachte, dann aber irgendwie auseinanderfiel. Streitereien mit der Plattenfirma und dem Management führten dazu, dass die drei Jarman-Brüder Ryan, Gary und Ross sich in alle Himmelsrichtungen verstreuten und nichts mehr auf ein Weiterkommen hindeutete - und das, obwohl sogar Smiths-Legende Johnny Marr drei Jahre die Axt schwang. Foo Fighter Dave Grohl grub die Burschen als dezidierter Fan aus, holte sie in sein Studio nach Los Angeles und so war mit „Night Network“ eine Art Comeback geschafft. Die Brüder retten damit nicht nur sich selbst, sondern auch den darbenden UK-Indie-Rock mit zeitlosem, konzilianten Songwriting und dem Herz an der richtigen Stelle. Welcome back, es war Zeit! 7,5/10 Kronen

Jamie Cullum - The Pianoman At Christmas
Klotzen, nicht kleckern. Für die zehn Original-Weihnachtssongs auf seinem Album „The Pianoman At Christmas“ hat sich Multiinstrumentalist und Erfolgsmusiker Jamie Cullum gleich 57 Musiker geschnappt und fünf Tage akribisch und ertragreich in den legendären Abbey Road Studios verbracht. Mit viel Sorgfalt, Liebe zum Detail und hörbarer Freude an der Interpretation wirken Songs wie das bereits vorab ausgekoppelte „Turn On The Lights“ oder „The Jolly Fat Man“ durch die üppige Orchestrierung und wuchtige Produktion wesentlich herzhafter als so manches Konkurrenzprodukt, das gerade wieder den Markt schwemmt. „The Pianoman At Christmas“ ist ein definitives Highlight, das auch über Weihnachts- und Cullum-Fans hinaus zu erstrahlen weiß. Ohne Bewertung

Dark Tranquillity - Moment
Karrieren sind unberechenbar, das weiß nun auch Dark Tranquillity-Frontmann Mikael Stanne. Seine Band existiert mittlerweile mehr als 30 Jahre, doch gerade in den letzten Jahren stand das schwedische Melodic-Death-Metal-Schlachtschiff mehrmals an der Kippe - zuletzt durch den Abgang von Mitbegründer Niklas Sundin. Der wird mit ex-Arch Enemy Christopher Amott und Johan Reinholdz gleich doppelt ersetzt und „Moment“, das erste Album nach vier Jahren, ist auch so etwas wie eine durchschlagende Wiedergeburt für die Göteborger. Auf seinem zwölften Rundling vereint die Band alle Stärken der Vergangenheit. Ruhig-balladeske Moment, aggressive Ausreißer, Clean-Vocals, forsches Geshoute und Gitarren-Melodielinien zum Niederknien. Wirklich im Ohr hängen bleibt bei Dark Tranquillity zwar seit Jahren nichts mehr, aber viel professioneller als auf „Moment“ kann man sich in diesem Genre nicht bewegen. Hochwertige, aber etwas zu polierte Kost. 7,5/10 Kronen

Ward Davis - Black Cats And Crows
Davis hat in seiner vergleichsweise kurzen Karriere schon Songwriting-Credits für Legende Willie Nelson, Merle Haggard oder Trace Adkins abgestaubt und zeigt sich auch immer wieder einmal selbst von seiner musikalischen Seite. Auch wenn sich der langhaarige Bartträger gerne als vergessener Outlaw inszeniert, wurden ihm bislang nur wenig Steine in den Weg gelegt. So krankt auch „Black Cats And Crows“ ein bisschen an der Durchschnittlichkeit der Kompositionen. Vor allem dann, wenn der Country-Softrocker in Songs wie dem Titeltrack oder „Threads“ ein bisschen zu stark auf die Tränendrüse drückt, wenn Piano und Streicher zu stark inszeniert werden. Dem gegenüber stellen flotte Country-Blueser der Marke „Get To Work Whiskey“, die aber viel zu selten Schwung verleihen. Eine durchaus verpasste Chance. 6/10 Kronen

The Dirty Knobs - Wreckless Abandon
Tom Pettys langjähriger Gitarrist und Freund Mike Campbell ging schon lange mit der Idee schwanger, ein eigenes Projekt auf die Füße zu stellen. Nicht zuletzt durch Pettys tragisches Ableben vor drei Jahren kam die Sache endgültig ins Rollen und nach mehrmaligen, Corona-bedingten, Verschiebungen erscheint nun endlich „Wreckless Abandon“, der erste Streich der Dirty Knobs. Eine wahre All-Star-Truppe, denn Co-Frontmann ist Jason Sinay (Bass bei Neil Diamond), Bassist Lance Morrison ist mit Don Henley unterwegs und Matt Laug trommelte für Alanis Morissette und Slash. Dass Beatles-Intimus Klaus Voorman das Albumcover zeichnete überrascht gar nicht mehr. Geboten wird klassischer American Rock wie man ihn vom großen Petty kennt, nur längst nicht so zwingend und spannend. Ein zeitloses Rock’n’Roll-Dokument, das eine schöne Leichtigkeit vermittelt, aber auch nicht wirklich aus dem Wulst der Veröffentlichungen hervorsticht. 6,5/10 Kronen

Dirty Projectors - Ring Road EP
Nun schließt sich der Kreis endgültig. Die Dirty Projectors beenden ihr ambitioniertes Vorhaben, fünf EPs in einem einzigen Jahr zu veröffentlichen, erfolgreich mit dem letzten Teil „Ring Road“. Jeder der einzelnen vier Mitglieder durfte sich mit dem Gesang bislang in den Mittelpunkt stellen, auf dem letzten Kapitel bündeln die einzelnen Mitglieder ihre Kräfte und sorgen für vokale Zwischenspiele, reißende Doppelgitarren und eine ganz besonders heimelige Gemeinschaftsatmosphäre. Besonders das lebensbejahende „Searching Spirit“ und das abschließende „My Possession“ wissen zu überzeugen. Um das Projekt auch zu einem richtig guten Ende zu bringen, wird es alle fünf EPs zusammengefasst zu erstehen geben - der Zirkel ist geschlossen, das Jahr 2020 somit aus Dirty Projectors-Seite erfolgreich beendet. Ohne Bewertung

Ellefson - No Cover
Coveralben sind im Prinzip wie Weihnachtsalben, nur eben ganzjährig einsetzbar. Man weiß nicht unbedingt, warum es sie gibt, aber irgendwie haben sich doch ihre Daseinsberechtigung. Megadeth-Bassist David Ellefson scheinen die Arbeiten am kommenden Studioalbum seines Hauptarbeitgebers nicht schnell genug voranzugehen, also hat er sich einfach mal in seinem Freundeskreis umgehört und von Charlie Benante (Anthrax) und Al Jourgensen (Ministry) über Dave McClain (Sacred Reich) und Todd Kerns (Slash & The Conspirators) bis hin zu Jacob Bunton (Mick Mars) und Frank Hannon (Tesla) alles was in den USA Rang und Namen hat engagiert. Durch gleich 19 Songs und fast 80 Minuten von AC/DC über Queen und Motörhead bis hin zu Def Leppard und KISS covert sich der All-Star-Reigen mal besser und mal schlechter. Ein Album, das nicht nur mit viel Spaß aufgenommen wurde, sondern auch viel Spaß macht. Mehr aber auch nicht. Ohne Bewertung

Eternal Champion - Ravening Iron
Im True-Metal-Sektor war das Debütalbum von Eternal Champion vor mittlerweile vier Jahren so etwas wie die Entdeckung des Bernsteinzimmers. Freilich waren die stahlharten, getragenen Epic-Metal-Kompositionen von hervorragender Qualität, dass man aber von Fachpresse und Fans teils sogar zu neuen Manowar geadelt wurde, das überraschte die Musiker selbst wohl am meisten. Kein Wunder, dass man sich für den Nachfolger „Ravening Iron“ gediegen Zeit ließ. Die im letzten Jahr auf der Single „Terminus Est“ angedeuteten Synthie-Klänge bewahrheiten sich nicht, wodurch Liebhaber der Band beruhigt aufatmen können. Die manchmal an Ozzy Osbourne erinnernde Stimme von Jason Tarpey trägt die wuchtigen, rifflastigen Songs, die bei „Worms Of The Earth“ oder „Skullseeker“ wirklich knallen. Eine wundervolles Genre-Werk, das zum Glück die Qualität des Vorgängers halten kann. 7,5/10 Kronen

Fuck The Facts - Pleine Noirceur
Wenn es um radikalen, mit gesellschaftskritischen und politischen Botschaften durchsetzten Hardcore mit Grindcore-Referenzen und zügelloser Wut geht, dann ist man bei den Kanadiern Fuck The Facts gut aufgehoben. Auch wenn die Hochphase und ein kurzer Underground-Hype um das Trio schon mehr als eine Dekade zurückliegt, hat man auch auf „Pleine Noirceur“ nichts von seiner Wut und Kompromisslosigkeit eingebüßt. Fünf Jahre sind seit dem letzten Album „Desire Will Rot“ vergangen, nichts aber von der Wut, die sich manchmal in einem mehr als siebenminütigen Track entlädt. Neben dem viehischen Eruptionen zeigt sich die Band teilweise auch gereift und und lässt etwa in „L‘abandon“ wuchtige Sludge-Mauern hochfahren. So viel geändert hat sich gar nicht, nur dass man die wirklich guten Tracks schon im ersten Drittel verpulvert. Schade darum. 6/10 Kronen

Fuming Mouth - Beyond The Tomb EP
Immer wenn man in Szenekreisen befürchtet, ein Label wie Nuclear Blast würde sich nur auf das kommerziell Verwertbare besinnen und die Liebe zum wirklich Extremen verlieren, dann belehren sie einen doch eines Besseren. Fuming Mouth haben sich mit ihrem 2019er Rundling „The Grand Descent“ zurecht einen Vertrag beim Branchenriesen erspielt, denn die Mischung aus stumpf-bollerndem Stockholm-Death-Metal, unprätentiösen Clean-Vocal-Einlagen und der extradreckigen Schippe Crust klingt in der Form tatsächlich ziemlich einzigartig. Das Quartett aus Massachusetts zeigt sich auf der 3-Track-Einstands-EP „Beyond The Tomb“ unbeeindruckt vom Karrieresprung und forciert diese erwähnten Stärken mit Liebe und Leidenschaft. Besonders gut gelingt das bei „Master Of Extremity“. Ohne Bewertung

Grand Pax - Wavey EP
Treue Leser dieser Kolumne werden sich noch an den Juni zurückerinnern, als die feinsinnige Nordlondoner Singer/Songwriterin Grand Pax ihre EP „PWR“ veröffentlichte. Corona-bedingt war genug Zeit um den, wie passend, Schlafzimmer-Pop mit weiteren drei Tracks zu veredeln, die nun als „Wavey“ das Licht der Welt erblicken. Die Coming-Of-Age-Thematik bleibt angenehmerweise erhalten, auch wenn vor allem der Titeltrack trotz des schweren Themenkomplexes „unabwendbare Veränderung“ einen angenehm positiven Soundtouch zu vermitteln weiß. „ATV“ (nein, keine Angst…) und „Trip“ entführen in eine smoothe, fast schon paralysierende Klangwelt voll schöner Klangreferenzen an diverse Dreampop-Größen. Ein weiteres gelungenes Kleinwerk, das Lust auf viel mehr macht. Ohne Bewertung

Great Mountain Fire - Movements
Wie tröstlich denn nicht gediegener und entspannter Indie-Pop sein kann, wenn er gut und herzhaft gefertigt ist. Great Mountain Fire haben sich auch fünf Jahre Zeit gelassen, um ihr neues Album „Movements“ auf Polycarbonat zu gießen und endlich zu veröffentlichen. Das Schöne an dieser Band ist, dass man den grundsätzlich in den 90ern verhafteten Indie-Pop mit elektronischen Elementen, Afrobeat-Versatzstücken und Soul vermischt, so dass es niemals fad wird. Ungefähr so klingt auch Tame Impala, wenn er sich in den ruhigen Momenten dem Kern seiner Songs widmet. Auf „Movements“ befinden sich zwar keine Ohrwürmer per se, aber Songs wie „Move On“, „Caroline“ oder „Waves“ atmen den Geist unserer Aushängeschilder Bilderbuch - zumindest in der Hinsicht, dass man Mut und Freude am Anderssein zeigt und sich nicht in ein Genrekorsett schnüren lässt. Ein wundervolles Werk, das seine Kraft in der Ruhe entfaltet. 7,5/10 Kronen

Josh Groban - Harmony
Die US-amerikanische Bartion-Stimme Josh Groban hat sich in letzter Zeit mehr auf die Schauspielerei als auf die Musik konzentriert. Zuerst sehr erfolgreich am Broadway, 2018 dann in der (leider nicht verlängerten) Netflix-Serie „The Good Cop“ an der Seite des legendären Tony Danza. Nach dem etwas überraschenden Serienaus hatte der 39-Jährige wenigstens wieder Zeit für seinen Brotberuf und hat das Album „Harmony“ zusammengeschnitzt. Zwei originale Songs und eine ganze Handvoll Coverversionen wie das berührende „Angels“ von Robbie Williams oder ein aussagekräftiges „Both Sides Now“ von Joni Mitchell sind auf dem in zwei Sessions während der Corona-Pandemie eingespielten Album zu hören, das aufgrund der üppigen Orchestrierung durchaus auch weihnachtlich klingt. Ein schönes, besinnliches Werk, das wenig zu wünschen übriglässt. Ohne Bewertung

Matthew Halsall - Salute To The Sun
Stile und Grenzen zu sprengen, das ist Matthew Halsall das größte Anliegen. Der Trompeter aus Manchester ist auch DJ, Komponist, Bandleader, Arrangeur und Labelgründer und bewegt sich mit seinem Sound geschickt zwischen klassischem Jazz, Spiritual Jazz der Marke Alice Coltrane als auch Weltmusik und sanfter Elektronik. Auf seinem ersten Album als Bandleader nach fünf Jahren, „Salute To The Sun“, versammelt ein erlesenes Ensemble aus fantastischen Musikern, um in zwanglosen und meist sehr langen Kompositionen die Schönheit der Improvisation zu feiern. Songs wie „Joyful Spirits Of The Universe“ oder „Tropical Landscapes“ transportieren nicht nur eine Hippie-Atmosphäre, sondern sind von einer markanten Tiefe durchzogen. Ein wundervolles Werk, das seine Fans Jamie Cullum und Gilles Peterson mit Sicherheit wieder in Entzücken versetzt. 7,5/10 Kronen

Hjelvik - Welcome To Hel
Als Sänger von Kvelertak hat Erlend Hjelvik vor einigen Jahren nicht nur den norwegischen Metal mit Punk und einer humoristischen Attitüde angereichert, sondern auch die Aufmerksamkeit von Metallica auf sich zugezogen, die bis heute große Fans sind. Vor einiger Zeit kam dann der Split und wie immer in solchen Fällen gab es dadurch keinen wirklichen Sieger. Zwei Jahre nach dem Auseinandergehen kommt Hjelvik nun mit seinem ersten Soloalbum daher und hat für „Welcome To Hel“ gleich beim Branchenriesen Nuclear Blast unterschrieben - warum auch nicht? Wie schon bei seinem alten Projekt verbindet der Norweger die Kälte des landesüblichen Black Metal mit rotzigem Punk, verheißungsvollem Heavy Metal, Rock’n’Roll-Coolness und seiner Liebe zur Wikinger-Mythologie, ohne altfadrisch oder belehrend daherzukommen. Ein bisschen Enslaved, ein bisschen Falkenback, viel Kvelertak und fertig ist das feine Gebräu. Sehr gelungen! 7,5/10 Kronen

Ilsa - Preyer
Im akkuraten Zweijahres-Rhythmus zeigt uns das Sextett Ilsa aus Washington, D.C., was es heißt, jegliche Form von Leichtigkeit und Lebensfreude ad acta zu legen. „Preyer“ fällt nicht nur aufgrund der derzeitigen Weltlage noch ein bisschen düsterer und depressiver aus als die Alben zuvor, haben die Burschen das Werk schließlich erst im Frühling unter den wenig erbaulichen Eindruck der globalen Gegenwart im Studio eingeholzt. Doom Metal ist das nur aufgrund seiner düsteren Produktion, denn die Punk-Roots und eine gewisser Stoner-Attitüde können die Amerikaner in Songs wie „Widdershins“ oder „Moonflower“ nicht wegleugnen. Wer seine Wut ob dieses verhunzten Jahres mal so richtig rauslassen möchte, der wird hier gut bedient. 7/10 Kronen

Jansky - LP 1
Ein paar wenige Interessierte hatten vor wenigen Wochen bei der Corona-bedingt arg reduzierten „Austrian Indie- und Labelnight“ die Möglichkeit, die sanften Song-Preziosen von Jansky im Wiener Reigen live zu sehen. Und fürwahr - in Zeiten wie diesen ist eine Band wie solche perfekt geeignet, denn da kann man sitzen, schwelgen und trauern, was selbstverständlich grundpositiv gemeint ist. Die elf Songs auf dem Debütalbum hat das Geschwisterpaar Anna und Martin Rupp auf das Nötigste reduziert. Sanfte Gitarre, Piano, leichte Percussion und dazu die gemischtgeschlechtlichen Stimmen, die sich in wohliger Abwechslung magisch durch die Gehörgänge zeichnen. Bedroom-Pop könnte man das nennen, oder einfach melancholisches Singer/Songwritertum bzw., wenn man ganz wagemutig ist, Akustik-Post-Rock. Ein berauschendes und verträumtes Vergnügen, für das man aber nicht in Hast und Eile sein darf. Weder physisch, noch psychisch. 7,5/10 Kronen

Killer Be Killed - Reluctant Hero
Das All-Star-Projekt Killer Be Killed aus den USA wollte man eigentlich schon als Eintagsfliege einordnen, liegt das Debüt doch satte sechs Jahre zurück. Aber in diesem verrückten 2020 ist absolut alles möglich - eben auch ein neues Lebenszeichen in Form von „Reluctant Hero“, das von Greg Puciato (The Dillinger Escape Plan), Troy Sanders (Mastodon), Max Cavalera (Sepultura) und Ben Koller (Converge) eingespielt wurde und sich keinesfalls hinter oft überzeichneten Vorschusslorbeeren verstecken muss. Grenzen und Stileinengungen sind den Supermusikern fremd, meist groovt und poltert es, aber auch gemächliche Momente wie im Titeltrack oder „From A Crowded Wound“ finden ihren Platz. Das Feuer von kompromisslosen Jungspunden findet man nicht, wohl aber das Bemühen, möglichst breit aus dem üblichen Kontext der jeweiligen Stammbands auszubrechen - und das machen bei weitem nicht alle All-Star-Projekte. Durchaus gelungen. 7/10 Kronen

King Gizzard & The Lizard Wizard - K.G.
Es gab schon Zeiten, da hat das abgedrehte Kollektiv aus Australien ganze fünf Alben in einem Jahr veröffentlicht, doch ausgerechnet in dieser Seuchensaison hat man von King Gizzard & The Lizard Wizard bis dato noch nichts gehört. Kurz vor dem Kalenderwechsel gibt es mit „K.G.“ aber doch noch einen neuen Studiorundling der, wie sollte man es auch anders erwarten, natürlich wieder anders klingt, als alles davor. Das Konzept in diesem Fall war mikrotonale Musik, wodurch die einzelnen Songs einen türkischen bzw. fernöstlichen Touch kriegen, der spannend, aber Langstrecke aber auch enervierend klingt. Nur im Closer „The Hungry Wolf Of Fate“ lässt man kurz den Stoner-Fuzz-Rock der Vergangenheit klarer hervorblitzen, ansonsten muss man sich „K.G.“ auch als Freund von Abwechslung erarbeiten. King Gizzard & The Lizard Wizard funktionieren definitiv besser, wenn sie sich weniger Zeit lassen. 5/10 Kronen

King Hannah - Tell Me Your Mind And I’ll Tell You Mine EP
Wenn es um den Hype des Monats oder den neuesten „heißen Scheiß“ in der Popkultur geht, dann kommt man diese Woche nicht an King Hannah vorbei. Songwriterin Hannah Merrick und ihr Kompagnon Craig Whittle aus dem industriell-kühlen Liverpool sorgen auf der EP „Tell Me Your Mind And I’ll Tell You Mine“ für den wärmsten, tröstlichsten und mitunter mystischsten dreamy Indie-Rock der Gegenwart. Wie selbstverständlich vermischt das Duo warme Elektronik mit den harschen Stahlsaiten der E-Gitarre und evoziert damit ein sonderbares, aber schönes Gefühl, sich irgendwo zwischen der Wüste an der amerikanischen Westküste und bei einem Spaziergang nahe der Themse zu befinden. Die persönlichen und dann doch wieder verschlüsselten Geschichten, die Merrick in „Meal Deal“ oder „The Sea Has Stretch Marks“ erzählt, erinnern nicht zu Unrecht an Adams Granduciels große War On Drugs. Cinematischer Post Rock mit Dream Pop und Working-Class-Folk. Eine Perle! Ohne Bewertung

Landshapes - Contact
Die wie ein Damoklesschwert über einen pendelnde Unsicherheit ob Gegenwart und Zukunft ist leider Gottes auch ein Bremser von Kreativität und Optimismus. Mit diesen Problemen haben auch die Londoner Indie-Rocker Landshapes zu kämpfen, die sich auf ihrem dritten Album „Contact“ mehr denn je mit den so aktuellen Themen Isolation, Entfremdung und die Bedürfnisse nach Nähe und Gemeinsamkeit befassen. Das tut da Quartett aber nicht mit verzweifelter Aussichtslosigkeit, sondern versucht trotz der herrschenden Tristesse immer einen Hoffnungsschimmer zu vermitteln. Gar nicht so einfach, wenn man sich als musikalische Umsetzung beim ersten Album seit fünf Jahren auch noch stark im Psychedelic Rock suhlt, der jetzt nicht zwingend als sonnige Wald-und-Wiesen-Musik bekannt ist. Statt Zynismus gibt es in Tracks wie „Just A Plug“ oder „The Ring“ ehrliche Sogen. Das richtige Album zur richtigen Zeit - man sollte aber stabil genug sein, um sich nicht zu sehr in den Mahlstrom der nachdenklichen Klänge ziehen zu lassen. 8/10 Kronen

Larkin Poe - Kindred Spirits
Dass die beiden Schwestern Rebecca und Megan Lovell zu den coolsten Musikerinnen unter dieser Sonne gehören, das ist kein Geheimnis. Gut einen Monat vor dem Weihnachtsfest veröffentlicht das Power-Duo mit „Kindred Spirits“ nun sein erstes Coveralbum und begeht dabei nicht den häufigen Fehler, sich zu sehr ans Original zu lehnen, sondern präsentiert die Songs mit Akustikgitarre und Stimmkraft schlichtweg „stripped down“. Die „Tracklist ihres jungen Lebens“ sei die Auswahl und trifft durch seine Vielseitigkeit voll ins Schwarze. Neben etwas offensichtlicheren Nummern wie Neil Youngs „Rockin‘ In The Free World“ oder „Nights In White Satin“ von den Moody Blues gibt es auch Überraschungen. Etwa die trockenen Slide-Gitarren auf Phil Collins‘ „In The Air Tonight“ oder „Fly Away“ von Lenny Kravitz. Mit „Take What You Want“ von Post Malone ist sogar ein ganz zeitgeistiger Song am Album zu finden. Ein kurzweiliges und handwerklich einwandfreies Vergnügen. Ohne Bewertung

Long Tall Jefferson - Cloud Folk
Wie erfindet man sich als Künstler nach zwei durchaus erfolgreichen Alben und mehr als 300 Live-Konzerten quer durch Europa neu, ohne dabei seine mühsam aufgebaute Authentizität aufzugeben. Diesen Gedanken hatte Simon Borer in den letzten Jahren des Öfteren und hat auf seinem Drittwerk „Cloud Folk“ die Lösung gefunden - eben dem Albumtitel entsprechend einfach ein neues Sub-Genre zu erfinden. Ob man das braucht oder nicht sei dahingestellt, denn es kommt auf das dargebotene Material an und das ist über alle Zweifel erhaben. Den traditionellen Folk-Gedanken vermischt Borer mit sanften Beats, leicht akzentuiertem Autotune oder kaum auffallenden Synthie-Versatzstücken und drückt dem Hörer die erweiterte Stilistik damit nie offensiv aufs Auge. Selbst einen „Christmas Song“ übersteht man ohne Fremdscham. Und das ist so nicht zu erwarten. 7,5/10 Kronen

Liturgy - Origin Of The Alimonies
Hunter Hunt-Hendrix gehört zweifellos zu den originellsten aber auch sonderbarsten Figuren im modernen Popzirkus. Der intellektuelle Fan von Qabala und systematischen Transzendenzen bricht mit seinem Lebensprojekt Liturgy seit Jahren alle Grenzen des Black Metal auf und stößt Genre-Puristen mit seiner Experimentierfreudigkeit regelmäßig vor den Kopf. Was den einen Leid ist der anderen Freud - vor allem Kritiker hochqualitativer Kulturmagazine jauchzen geifernd über jedes neue Lebenszeichen des Amerikaners. „Origin Of The Alimonies“, das mittlerweile fünfte Album Liturgys, vermischt Orchestrales, Filmmusik, Black Metal, Elektronik und die Romantik aus dem 19. Jahrhundert zu einer üppigen Klangsuppe, die aus schierer Aggression und betörender Schönheit keinen Unterschied macht. Eine akustische Tour de Force zwischen Flöten, Gitarren und Literaturzitaten, die sich inhaltlich um die Gender-Akzeptanz einer Transfrau drehen. 2020 wird es weder abgefahrener, noch zeitgeistiger. Kult oder Kitsch - entscheidet selbst. 7/10 Kronen

Clara Luzia - 4+1 EP
Treue Fans der mehrfach Amadeus-nominierten Künstlerin Clara Luzia wissen es von zahlreichen Livekonzerten - sie hat eine untrügliche Liebe für die 80er-Jahre. Dennoch ist es immer wieder aufs Neue beeindruckend, wie sie den 80er-Disco-Hit „It’s A Sin“ der Pet Shop Boys in die klanglichen Indie-90er transferiert, ohne dabei Wiedererkennungswert und Spannungsbogen zu verlieren. Während des Lockdowns hat sich Luzia die Zeit genommen, sich weitere Songpreziosen aus ihrer persönlichen Lieblingsliste zu eigen zu machen. Etwa HVOBs „2nd Word“ mit sphärischen Trompetenklängen oder das völlig reduzierte „Victory“ der großen PJ Harvey. Da die Wartezeit bis zum nächsten Album wohl doch noch länger ist, gibt es mit „This World“ auch einen brandneuen Song aus der eigenen Feder zu feiern. Runde Sache. Ohne Bewertung

Ina Müller - 55
Für die beliebte deutsche Entertainerin Ina Müller ist das Alter nur eine Zahl. Wortwörtlich, denn ihre jeweilige Lebensphase verwendet sie gerne für ihre Albentitel. Kein Wunder, dass also nach „40“ und „48“ nun eben „55“ folgt. Ist einfach und zeigt eine gewisse Kontinuität, die in unsicheren Zeiten wie diesen gar nicht einmal so ungesund ist. Die Lebenspartnerin von Hit-Lieferant Johannes Oerding hat sich für dieses Werk vier Jahre Zeit gelassen und überlässt darauf nichts dem Zufall. Deutschpop der kommerziellen Prägung vermischt sich mit epischen Schlageranklängen („Fast hält länger als fest“) und gelegentlichen Schlenkern in Up-Tempo-Gefilde, aber wer Müllers musikalischen Karriereweg verfolgt hat, wird hier bestimmt glücklich werden. Im Gegensatz zu ihren offensiven TV-Auftritten ist Ina musikalisch bekanntermaßen melancholischer und ruhiger unterwegs, was ihr gut zu Gesicht steht. Schöne, runde Sache. 7/10 Kronen

Mumford & Sons - Delta Tour EP
Irgendwann einmal kam der Zeitpunkt, als aus den britischen Superfolkern Mumford & Sons eine langweilige, gesättigte Band für den breiten Mainstream wurde. War es die Kompositionsmüdigkeit nach den frühen Erfolgen? Waren es die auszehrenden, langjährigen Touren quer über den Globus? War es die Großmannssucht, die auch Coldplay befangen, zwischendurch aber auch wieder ausgelassen hat? Man weiß es nicht, jedenfalls geht der letzte Mumford-Output „Delta“ von 2018 nicht in die Ruhmeshalle kreativer Höchstleistungen ein. Weil es gerade fad und leiste ist schicken die Folkies nur eine „Delta Tour EP“ nach und verbraten dort Songs wie „Blood“, „Awake My Soul“ oder „Wild Heart“ aus unterschiedlichsten Plätzen zwischen London und Los Angeles. Kann man auch gut und gerne beiseitelassen. Ohne Bewertung

My Dying Bride - Macabre Cabaret EP
Nicht genug, dass die beliebten und berühmten Düsterheimer My Dying Bride heuer bereits mit einem durchaus starken Album von sich reden gemacht hat, befand man sich im Krisenjahr offenbar ein einem derart kreativen Schwimmbecken, dass man sich auch gleich noch eine 3-Track-EP zum Jahresfinish erkraulte. „Macabre Cabaret“ heißt das kurze, aber feine Stück, das nicht nur langjährige Fans und Alleskäufer erfreuen kann. Die kompositorische Nähe zu „The Ghost Of Orion“ ist natürlich kein Zufall sondern das schiere Ergebnis eines kongruenten Workflows. Die Fragen über das Sein nach dem Tod, dem Sinn des Lebens und den Passionen, die man erlebt oder sich nur ausdenkt ziehen sich wie ein thematischer Schleier über die elegischen Doom-Songs, deren Gothic-Nähe gewollt und gelungen erscheint. Orgel, Synthies und gnadenlos wuchtige Gitarren inklusive. Das ist Rotwein-Metal par excellence. Ohne Bewertung

Refused - The Malignant Fire EP
Manche Konzepte bzw. Bands funktionieren nur für eine gewisse Zeitspanne. Das muss man leider auch den Schweden von Refused attestieren, die mit „The Shape Of Punk To Come“ 1998 eines der besten Hardcore-Alben der Geschichte veröffentlichten und jetzt, in ihren 40ern, trotz Wut auf Politik und Establishment längst das innere Feuer verloren haben. Schon das letztes Jahr veröffentlichte Album „War Music“ war ein lahmer Aufguss ehemaliger Großtaten, mit der EP „The Malignang Fire“, die man in einer normalen Welt als Appetizer für eine Tour auf den Markt bringen wollte, ändert sich leider wenig. Drei neue Songs, die leider schräg dahinplätschern und ein - zugegeben - interessantes, völlig neu interpretiertes Cover der Techno-Landsmänner Swedish House Mafia klingen in der Theorie besser als in der Praxis. Ob die Band die Kurve noch mal kriegt? Ohne Bewertung

Mike Singer - Paranoid!?
Gerade einmal 20 Jahre jung und ein Workaholic vor dem Herren. Hitparadenstürmer Mike Singer veröffentlicht mit „Paranoid!?“ das vierte Album in ebensovielen Jahren und beweist eindrucksvoll, das man sich Erfolg und Prestige manchmal eben hart erarbeiten muss. Mehr denn je zuvor behandelt der Jungspund die Tücken des Erwachsenwerdens, das ihm durch seinen Promistatus im deutschsprachigen Raum nicht unbedingt erleichtert wird. In Songs wie „Nie mehr“, „Panik“ oder „Paranoid“ lässt er tief in seine Gedankenwelt blicken und teilt seine Probleme mit den vielen Teen-Fans auf modern poppige Art und Weise, die, den Trends entsprechend, stark mit Hip-Hop und R&B kokettiert. „Musik, mit der er nicht gefallen möchte“, solle das laut Labelzettel sein. Schöne Umschreibung für beliebigen Mainstreampop. 5/10 Kronen

Cassandra Steen - Der Weihnachtsgedanke
Von Casting-Show-Kandidatin und Adel Tawils Intima Cassandra Steen hat man zumindest an der Albumfront lange nichts mehr gehört. Rechtzeitig vor dem heuer mehr als besinnlichen Freudenfest kehrt die deutsche R&B-Stimme mit ihrem ersten Weihnachtsalbum tatkräftig zurück. Zuversicht, Hoffnung und Trost will die 40-Jährige mit dem Album vermitteln, das nicht nur allseits bekannte Klassiker wie „Stille Nacht“, „Leise rieselt der Schnee“ oder „This Christmas“ aufweist, sondern auch ein paar exklusive Eigenkompositionen in sich trägt. Etwa in „Oh Familie“, wo sie sich mit dem liebenswerten familiären Chaos zu den Feiertagen auseinandersetzt. Nette Sache für Weihnachts- und Steen-Fans. Der Rest greift sowieso nicht zu. Ohne Bewertung

Stevan - Ontogeny EP
Mit Mixtapes verbindet so mancher eine nostalgische Erinnerung an CD-Brenn-Zeiten für die Angebetete, doch auch im gegenwärtigen Streamingzeitalter findet so mancher noch Gefallen daran. Etwa der australische Multiinstrumentalist Stevan, der auf dem 7-Track-Mixtape „Ontogeny“ nicht nur seine bereits bekannte, sehr smoothe R&B-Single „SIA“ verbrät, sondern mit düsteren Synthesizerklängen und seiner warmen Stimme auch bislang unbekannten Songs wie „More Than Them“ oder „Picture“ eine kräftige Farbe verleiht. Wer sich nicht vor elektronischen Klängen fürchtet und in den kühlen Herbsttagen gerne Trost in Form von international klingenden, loungigen Rhythmen sucht, der ist bei Stevan goldrichtig. Ohne Bewertung

Tau5 - Kreise
Was kommt eigentlich dabei heraus, wenn fünf absolute Top-Musiker aus dem experimentellen Bereich zusammenarbeiten? Schlagzeuger Moritz Baumgärtner, Saxofonist Philipp Gropper, Elektroniker Philipp Zoubek, Bassist Petter Eldh und Produzent Ludwig Wandinger haben sich mit Hauptsitz Berlin zu Tau5 geformt, um der verkrusteten Jazzszene einen neuen Anstrich zu verleihen. Auf ihrem Debüt „Kreise“ vermengen sie unterschiedlichste Szenen wie Jazz, Improvisation, Elektronik und partiell sogar Hip-Hop, um neue Klangwelten zu erobern und mit den Fans zu teilen. Drei Jahre lang hat diese „Supergroup“ hart an den Songs gearbeitet und werden in der richtigen Szene jedenfalls für Aufsehen sorgen. Ein Festschmaus für Feinschmecker des Komplexen. 7/10 Kronen

Tombadour - Kentertainment
Soll noch einer sagen, Sport und Musik würden sich nicht vertragen. Okay, vielleicht aus Sicht der Bundesregierung, wenn es um Corona-Maßnahmen geht, aber sicher nicht bei Markus Jakisic, der nicht nur Basketball-Nationalteamspieler war, sondern auch als Jazz-Pianist reüssiert. Gemeinsam mit dem deutschen Reggae Tombo hat der mannigfaltige Musiker Tombadour ins Leben gerufen und ruft auf dem Album „Kentertainment“ die Freude zur Vielfalt auf. Nicht nur auf dem auf FM4 rotierenden „Wien“ (mit der fantastischen Yasmo am Mikrofon) zeigt sich das Duo erstaunlich breit, denn neben Reggae, Hip-Hop und Jazz ist auch Platz für Soul, Pop und R&B. Das klingt sonderbar und etwas verfahren? Nur in der Theorie, denn die Ohrwurmtauglichkeit von Songs wie „Astronaut“ oder „Rue de la Gack“ ist nicht von der Hand zu weisen. Ein schönes Kleinod aus der Heimat. 7,5/10 Kronen

Tombs - Under Sullen Skies
Tombs-Mastermind Mike Hill hat vor zwei Jahren gleich einmal seine ganze Mannschaft getauscht, um seiner Band einen neuen Anstrich zu geben. Im Corona-geplagten Brooklyn, New York, lässt sich auch 2020 noch gut holzen, doch das mittlerweile fünfte Album „Under Sullen Skies“ zeigt die Band tatsächlich stark verändert und erweitert. Natürlich schieben die Black-Metal-Referenzen den Sound deutlich an, doch zwischen rasanten Polterern wie etwa „Barren“ gibt sich Hill auch mehr Raum, um Atmosphäre zu verschaffen, was in den guten Momenten gar an die norwegischen Edel-Schwarzmetaller von Satyricon denken lässt. Hill lässt sich auch nicht von der so trendigen Weihrauch-Atmosphäre vereinnahmen, sondern besinnt sich auf die Kälte der 90er-Jahre. Das alles macht „Under Sullen Skies“ zu einer wertigen Black-Metal-Perle, die sehr viel Freude bereitet. 7,5/10 Kronen

The War On Drugs - Live Drugs
Manche Bands passen einfach immer. Dazu zählen zweifellos Adam Granduciels The War On Drugs, deren entspannte Auffassung von Psychedelic Rock nicht nur Fans von Radiohead oder Bruce Springsteen wärmstens die Kehle runterläuft, sondern all jene, die Musik als Lebensgefühl und nicht als bloße Hintergrundbeschallung verstehen. Auf ein neues Studioalbum müssen wir leider noch warten, aber die hier zusammengesetzte Stunde aus Live-Versionen über die letzten sechs Jahre zeigen eindrucksvoll, wie einzigartig und klanglich perfekt diese Band klingt. Jeder, der das livehaftige Vergnügen mit den War On Drugs schon einmal hatte, wird sich immer mit einem warm-nostalgischen Gefühl daran zurückerinnern. Gerade jetzt ist dieses Gefühl wichtiger denn je. Danke, Adam. Ohne Bewertung

Konstantin Wecker - Jeder Augenblick ist ewig
Das ging schnell. Als der Münchner Konstantin Wecker am 4. September diesen Jahres im Wiener Theater am Park unter der Schirmherrschaft von Michael Niavarani gleich zweieinhalb Stunden Material aus seiner Karriere kredenzte, war noch die naive Hoffnung da, dass das Virus im Herbst doch nicht so gewaltig zurückkommen würde. Nur knapp drei Monate nach dem Event gibt es das einzigartige Event nun in Form des üppigen Doppelalbums „Jeder Augenblick ist ewig“ zu bejubeln. Lieder, Lesungen, Geschichten und Anekdoten vermischen sich wie gewohnt zu einem großen Brei des Entertainments und schrecken vor politischen und gesellschaftskritischen Botschaften nicht zurück. In der gesamten Zeit geht Wecker quer über mehr als fünf Dekaden seiner langen Karriere zurück und erinnert wehmütig daran, wie schön doch Liveshows noch vor kurzem waren. Ohne Bewertung

When Rivers Meet - We Fly Free
Man kann es sich aussuchen, ob es wagemutig oder schlichtweg dumm ist, in Zeiten wie diesen mit einer brandneuen Blues-Rock-Band um die Ecke zu kommen. Das Paar Grace und Aaron Bond hat sich darüber eher wenig Gedanken und einfach gemacht. Scheißegal ob man gerade live spielen kann oder nicht. Scheißegal, ob der Trend gegen Gitarrenmusik geht oder nicht. Das ist der Rock’n’Roll-Spirit und wenn sogar Rolling Stones-Produzent Chris Kimsey seine Liebe bekundet hat, dann ist der Weg schon mal nicht der falsche. When Rivers Meet kredenzen auf „We Fly Free“ knackigen Classic Rock im besten 70s-Gewand, ohne besonders aufzufallen. Das ist aber nicht negativ gemeint, denn die Songs begeistern mit einer unschuldigen, ungestümen Wildheit, was sich vor allem in „Battleground“ oder „Walking On The Wire“ niederschlägt. Nicht innovativ, aber sehr kurzweilig. 6,5/10 Kronen

Wolf & Moon - Follow The Signs
Indie-Folk mit einem gewissen Roadtrip-Feeling tut gerade in Zeiten der erzwungenen Untätigkeit mehr als gut, auch wenn diese Kopfreisen in ferne Länder und Gebiete mitunter traurige Wehmut evozieren können. Wolf & Moon gelingt es auf dem Zweitwerk „Follow The Signs“ mit spielerischer Leichtigkeit tiefe Sehnsüchte nach dem Ausbruch zu wecken, ohne dabei in die gefährliche Kitschfalle zu tappen. Zwischen sanften Handclaps und reduzierter Percussion lässt sich vor allem die feine Stimme von Sängerin Stefany June gut zum Tagträumen heranziehen. Manchmal fehlt es dem melancholischen Get Together aber ein bisschen an der notwendigen Dringlichkeit und auf Langstrecke plätschern die Nummern doch des Öfteren vor sich hin. Wer es aber einmal etwas ruhiger und besinnlicher mag, ist bei „Follow The Signs“ gut aufgehoben. 6/10 Kronen

Robert Fröwein
Robert Fröwein
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Donnerstag, 03. Dezember 2020
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