16.10.2020 09:25 |

Interview & Album

Woodkid: Erforschung der eigenen Grenzenlosigkeit

Sieben Jahre nach seinem global gefeierten Debütalbum „The Golden Age“ kehrt der künstlerische Tausendsassa Woodkid mit „S16“ wieder ins Rampenlicht zurück - aus dem er eigentlich nie draußen war. Im ausführlichen Interview sprachen wir mit Yoann Lemoire über das Privileg der künstlerischen Freiheit, Ängste, Unsicherheiten und die fragile Zukunft des Planeten Erde.

Um sich in der künstlerischen Welt von Yoann Lemoine zurechtzufinden, muss man stets zu 100 Prozent aufmerksam sein. Der Franzose ist nämlich ein artifizielles Chamäleon, wie es sie in dieser Form nicht oft zu sehen gibt. In allen Sparten lebt er sich aus, der Kreativität und seinen Gedankenwelten sind keinen Grenzen gesetzt und mit viel Talent, Beharrlichkeit und der nötigen Portion Glück hat er es zu einem weltenumspannenden, allseits respektierten Künstler geschafft, für den schnöde Zuschreibungen viel zu kurz reichen würden. Als er 2010 die Videos zu „Teenage Dream“ von Katy Perry und „Back To December“ von Taylor Swift drehte, gelang ihm der Eintritt in die internationale Szene. Ein Jahr später folgte das Musikvideo zu „Born To Die“ von Lana Del Rey und seine eigene Erfolgssingle „Iron“ wurde zum Markstein des erfolgreichen Computerspiels „Assassin’s Creed: Revelations“. Als „Iron“ dann auch noch zur Hintergrundmusik der damaligen Dior-Modekollektion in Paris und für das Theaterstück „Das Duell“ in Berlin erwählt wurde war allen klar - hier räumt jemand wirklich jede Ecke im Kulturbereich neu auf.

Eklektischer Klangkünstler
Was passierte sonst noch so? Er kollaborierte mit dem berühmten Tänzer und Choreografen Sidi Larbi Charkaoui und Nicolas Ghesquiére, dem künstlerischen Leiter bei Louis Vuitton. Seine Tracks liefen in Filmen von Xavier Dolan und Steven Spielberg, für „Desertio“ steuerte er den kompletten Soundtrack bei, zudem trägt er seit geraumer Zeit musikalisch beim New Yorker Ballett bei. Und musikalisch? Mit nur einem einzigen Album, „The Golden Age“, spielte er sich vor sieben Jahren als Woodkid in die Herzen der Fans quer über den Globus. Nicht nur in seiner französischen Heimat verfiel man den eklektisch-elektronischen Klängen des Soundtüftlers, auch Österreich, Großbritannien, Deutschland und - in etwas distanzierterer Form - die USA lagen ihm zu Füßen. Das autobiografische Konzeptwerk war eine klangliche, als auch inhaltliche Auswölbung seiner Gefühlswelt und damit einhergehend etwas völlig Neues, das den so übersättigten Musikmarkt tatsächlich mit einer frischen Brise erwecken konnte.

Dass Woodkid geschlagene sieben Jahre Zeit für einen Nachfolger brauchte, lag gewiss nicht an Faulheit, sondern an den unzähligen Aufträgen und Projekten und nicht zuletzt an seinem endlosen Perfektionismus. „Mir war wichtig, mich nicht stressen zu lassen und die Uhr nicht als meinen Feind zu sehen“, erklärt er der „Krone“ im Interview, „Zeit ist ein großartiges Werkzeug, aber man muss sie schätzen. Wirklich geschafft hast du es dann, wenn du etwas kreierst, das nicht nur nach Wochen oder Monaten, sondern auch noch nach Jahren eine gewisse Relevanz hat. Für mein erstes Album hatte ich ca. 20 Jahre Zeit, wie hätte ich also so schnell wieder etwas Großes machen können? Natürlich ist es mein Ziel, den Erfolg des Debüts zu bestätigen und an der Spitze zu bleiben. Dieser Gedanke verfolgte mich von Anfang an und dem wurde alles untergeordnet.“ Wer auf dermaßen vielen Hochzeiten nicht nur tanzt, sondern auch reüssiert, dem wird von Platten- oder Produktionsfirmen auch nicht so schnell das Messer angesetzt. Zweifellos eine luxuriöse Situation für den Kreativkopf.

Mehr Platz für Mysterien
„Ich kann mich künstlerisch völlig frei bewegen, wofür ich unheimlich dankbar bin. Fast alle Aufträge kamen in den letzten Jahren zu mir, ohne das etwas erzwungen war. Ich musste mich nie nach kommerziellen Gesichtspunkten ausrichten oder meine persönlichen Visionen verbiegen. Darum geht es in der Kunst doch, aber natürlich weiß ich, wie viel ich Glück ich habe, das auch so praktizieren zu dürfen.“ Die gesunde und reflektierte Einstellung zu sich selbst und seiner Kunst kann auch als entscheidende Triebfeder für sein neues Album „S16“ gesehen werden. Dort erforscht Woodkid einmal mehr unbeschrittene Pfade, versucht originäre Klangwelten zu evozieren und erkundet sich dabei in erster Linie selbst. „Ich würde nicht sagen, dass das Album viel weniger persönlich wäre, aber es ist definitiv mysteriöser“, erzählt er am Telefon aus dem nördlichen Paris, „ich muss mich nicht mehr so sehr erklären, denn die Leute können sich die Fragmente der Inhalte selbst zusammenbauen. Setzt eure eigenen Ängste, Hoffnungen und Unsicherheiten in die Musik und ihr kommt vielleicht zu einer Antwort.“

Mit all diesen Dämonen hatte Woodkid trotz seiner großen Erfolge zu kämpfen. „Ich habe eigentlich von gar nichts eine Ahnung. Ich probiere mich aus und meist geht das gut. Ich bin unsicher, aber auch voller Hoffnung und das verpacke ich auf den Songs in Metaphern.“ So wie etwa in der im Frühling erschienenen Comeback-Single „Goliath“, in der er unterschiedliche Machtverhältnisse auf mythologische Art und Weise in Szene setzt. „Den Kampf David gegen Goliath kannst du in so viele Felder transferieren. In die Klima- und Umweltdiskussion, im politischen Diskurs oder im Sinne der Informationstechnologie, die uns zu überrollen scheint. Wir sind scheinbar umgeben von monströsen, unbesiegbaren Riesen, aber das stimmt nicht. Wirft man den ersten Stein, dann kann man kulturell viel verändern. Man muss die Dinge aus den richtigen Beweggründen machen.“ „S16“ steht für Schwefel und seine Ordnungszahl im chemischen Periodensystem, dient aber nur als Überbegriff. Es geht um das sich ändernde Gleichgewicht zwischen Mensch und Maschine, um kollektive und individuelle Verantwortung, um das Realisieren der wahren Bezugsgrößen in dieser Gesellschaft.

Bunter Cocktail
„Das Album zu machen, war eine riesengroße künstlerische Herausforderung. Mir ist bewusst, dass es von außen viele Erwartungen gibt und sich mir selbst einige Widrigkeiten in den Weg stellten. ,S16‘ ist auch für mich ein bisschen verrückt ausgefallen und ich weiß nicht, ob es sehr gut oder weniger gut angenommen wird. Was ich aber weiß ist, dass ich beim Kreieren eine unheimliche Freiheit verspürte und das war mir schon immer am Wichtigsten.“ So vermischen sich auf „S16“ verstörende Mädchenchöre mit erhabenen Streicher-Passagen, orchestrale Dickflüssigkeiten mit reduzierten Atmosphären, paralysierende Monotonie mit konzeptioneller Vielschichtigkeit. Der Künstler selbst hat sich für das Album eine neue Gesangstechnik angewöhnt und lässt die Stimme mit Fortdauer des Albums und des Konzepts immer dramatischer und intensiver erklingen. Ein echter Woodkid eben - nicht wirklich greif- und nur codiert verstehbar. „Das Album ist ein Cocktail aus Zugänglichkeit, verqueren Klängen, Herausforderungen und Rhythmen. Songs zu schreiben ist wie kochen, man mixt die Zutaten eben zusammen. Ich weiß nicht, ob ich gut kochen kann, aber ich liebe es.“

Wien-Termin geplant
Sein wegen Corona mehrfach verschobenes Wien-Gastspiel ist vorerst auf 11. Mai im Gasometer datiert. Drücken wir uns allen die Daumen.

Robert Fröwein
Robert Fröwein
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