21.06.2020 06:01 |

Das große Interview

Ist Corona Ihre größte Sorge, Herr Erzbischof?

Der Salzburger Erzbischof Franz Lackner (63) gibt künftig den Ton in der Katholischen Kirche an: Mit Conny Bischofberger spricht seine Exzellenz über Krisen, Kanzler Kurz und kardinalsrote Auftritte im Vatikan.

Mit einer Rüge für den FPÖ-Chef („Der Koran ist gefährlicher als Corona!“) ist die gemeinsame Pressekonferenz mit Kardinal Christoph Schönborn am Freitagmittag zu Ende gegangen. Eine Stunde später sitzt der Salzburger Erzbischof Franz Lackner in einem unscheinbaren Büro der Kath Press, an der Wand hängt ein Bildnis von Papst Franziskus, auf dem Tisch stehen duftende, weiße Lilien.

„Man steht da wie eine Brücke“, beschreibt Lackner seine neue Funktion - er folgt Schönborn als Vorsitzender der Österreichischen Bischofskonferenz nach, „versucht so gut wie möglich zu verbinden. Aus der Mitte in zwei Richtungen, auf Gott hin und auf die Menschen hin.“ Beim Interview spielen seine Hände immer wieder mit dem silbernen Bischofskreuz, aus dem Teehaus im Deutschordenshof klingen Stimmen und das Klappern von Porzellan.

„Krone“: Herr Erzbischof, als oberster Bischof geben Sie künftig die Melodie der Kirche an. Wie klingt diese Musik?
Franz Lackner: Da muss ich ein bisschen widersprechen. Ich bin keineswegs der Dirigent. Man könnte vielleicht sagen, ich höre genau hin, nehme Melodien auf, die gesungen und gespielt werden, sammle alles und versuche, es in Einklang zu bringen. Am ehesten klingt das wie die Oper „Saint Francois d’Assise“ von Olivier Messiaen. Die wurde in Salzburg uraufgeführt, vier Stunden lang.

Fühlt sich Ihre neue Aufgabe schwer oder leicht an?
Weder noch. Sie bedeutet Führen und Leiten. Man steht da, wo die Spannung am größten ist, da darf man nicht Partei sein. Das ist entlastend. Denn Parteilichkeit ist anstrengender als Unparteilichkeit.

Ist die Bischofskonferenz ein bisschen wie die UNO? Alles wichtige Mitglieder, aber durchsetzen können sie wenig?
Wir wollen uns gar nicht durchsetzen. Wir sind eher eine Versammlung, das klingt jetzt vielleicht ein bisschen romantisch, der Einsamen.

Der Einsamen?
Der Einsamen im Sinn von Scotus, der sagt: „Persona est ultima solitudo“ - „Die Person ist die ultimative Einsamkeit“. Jeder Bischof ist einzigartig, gemeinsam beraten wir darüber, wie wir dem Reich Gottes in unseren Diözesen zum Durchbruch verhelfen können.

2019 sind besonders viele Gläubige aus der Kirche ausgetreten, Sie nannten es selbst ein „annus horribilis“ - ein schreckliches Jahr. Kann man diesen Trend noch stoppen?
Wir müssen uns um jeden Ausgetretenen bemühen. Das erfordert eine hohe Glaubwürdigkeit, von jedem Einzelnen und von der Institution Kirche. Die Zahl der Austritte geht momentan nach oben, aber sie wird auch wieder zurückgehen.

Allein die Causa Schwarz in Kärnten hat 5000 Austritte verursacht. Sie waren dort Visitator.
Deshalb darf ich über die Sache nichts sagen, der Visitator erhebt nur den Sachverhalt, das Urteil wird Rom sprechen. Aber ich bedaure die Austritte sehr.

Glauben Sie, dass die Katholische Kirche in 50 Jahren noch die Hauptreligion in Österreich sein wird?
Was in 50 Jahren sein wird, darüber traue ich mich nicht zu spekulieren. Aber ich denke, dass das Christentum in Europa immer eine zentrale Rolle spielen wird.

Die Zahl der Muslime steigt, die Zahl der Katholiken sinkt … Macht Ihnen das Sorgen?
Ich fürchte mich nicht vor den Muslimen. Sorge habe ich, wenn der Glaube verloren geht. Wenn das Christentum, das doch eine so menschenfreundliche Religion ist, geschwächt wird, dann ist das schade.

Apropos Sorge: Ist Ihre größte Sorge im Moment Corona?
Corona hat uns alle, auch die Kirche, beschäftigt und verändert. Man hat das Bemühen seitens der Regierung, seitens der Medizin, gespürt, mit dieser Pandemie fertigzuwerden. Es gab einen großen Zusammenhalt in unserem Land. Die alten Menschen wurden geschützt. Das war beruhigend und schön.

Hat die Pandemie den Glauben verstärkt?
Corona war ein Ernstfall des Glaubens. Es hat ihn sicherlich bei manchen verstärkt und bei anderen vielleicht auch geschwächt, der Glaube bewegt sich nie monokausal in eine Richtung. Er bewegt sich auf sehr dünnem Eis.

Welche Sorge steht an zweiter und dritter Stelle?
85 Millionen Menschen sind weltweit auf der Flucht, noch nie waren es so viele. Wir dürfen nicht sagen, dass uns das nicht betrifft.

Deutschland wird minderjährige Flüchtlinge aufnehmen, sollte Österreich auch Flüchtlinge aufnehmen?
Ich glaube schon, ja.

Was werden Sie tun, um die Regierung zu überzeugen?
Es immer wieder sagen. Reden. Drohen tu ich nicht. Glaubensinstitutionen sollten lediglich mahnen, mit gutem Beispiel vorangehen, Angebote machen.

Werden Sie es dem Bundeskanzler auch persönlich sagen?
Ja, irgendwann werde ich mich bei Sebastian Kurz vorstellen und sagen: „Herr Bundeskanzler, das ist eine große Sorge, die uns bewegt. Ich habe auch Verständnis für die Ängste der Menschen, aber diese Menschen auf der Flucht brauchen dringend unsere Hilfe.“ Man muss auch Verständnis zeigen für seine Position. Ihm aber gleichzeitig deutlich machen, dass sich die Gerechtigkeit immer ihre Bahn bricht. Irgendwann wird er gefragt werden: „Warum haben Sie nichts getan?“ Genauso wie ich irgendwann gefragt werden würde: „Warum haben Sie nichts gesagt?“ Deshalb möchte ich immer eine Stimme für die Armen sein.

Sind die Bischöfe manchmal zu zurückhaltend? Sie haben Norbert Hofer eine Rüge ausgesprochen, ohne seinen Namen zu nennen. Warum?
Weil wir keine Oberlehrer sind. Und uns auch in keine Parteilichkeit zwingen lassen. Wir benennen das Problem. Ein riesengroßes Problem ist übrigens die Klimakrise. Deshalb unterstützt die Kirche das Klimaschutzvolksbegehren. Uns schreckt alle, was am Amazonas passiert. Ich war selber 2013 dort und hab die abgeholzten Wälder gesehen. Wir müssen dort etwas tun und wir müssen bei uns etwas tun, jeder Einzelne. Einfach damit anfangen.

Sie waren Elektriker und sind dann als UNO-Soldat nach Zypern gegangen. Wie wird so jemand Bischof?
Ich war arbeitslos, mit der Firma lief es nicht so gut, Elektriker war nicht meins. Dann bin ich nach Zypern gegangen, weil man dort viel Geld verdienen konnte. Das war der Grund. Und dort hatte ich Zeit. Viel Zeit zum Nachdenken. Und auf dieser Beobachtungsstation, in der Pufferzone zwischen türkischen und griechischen Kanonen, habe ich nachts die Bibel gelesen. Ich würde das jedem empfehlen, die Heilige Schrift, das Wort Gottes zu lesen. Und bin hängengeblieben an der Stelle: „Kommt her zu mir, alle die ihr mühselig und beladen seid.“ Mir war, als ob Gott vorübergegangen ist. So etwas habe ich nie mehr in meinem Leben in dieser Intensität erlebt.

Was ist dann passiert?
Ich bin zu einem Priester gegangen und habe ihn gefragt: „Was muss ich tun?“ Seine Antwort war: „Gib Gott in deinem Leben eine Chance.“ Und so war es. Und jetzt sitze ich als Bischof da, das ist ungeheuerlich.

Als Vorsitzender der Bischofskonferenz. Sie werden vereinzelt schon als Nachfolger von Kardinal Schönborn gehandelt. Wäre das eine Ehre für Sie?
Ah ja? - Lacht - Das höre ich zum ersten Mal. Aber das wird nicht sein.

Wie können Sie das jetzt schon wissen?
Ich bin bald 64, ich bin so viel gewandert in meinem Leben. Ich wäre gern in Rom geblieben: Dann wurde ich Provinzial, danach Weihbischof in Graz, geradezu über Nacht Erzbischof von Salzburg und jetzt wieder wandern? Nein, bitte, lieber Gott, ich bin genug gewandert.

Stimmt es, dass der Erzbischof von Salzburg als einziger - neben dem Kardinal - in Rom Kardinalsrot tragen darf?
Als einziger aus Österreich, ja. Der Erzbischof von Salzburg zählt als primas germaniae und legatus natus zu den wichtigsten Würdenträgern außerhalb des Vatikans. Ursprünglich wollte ich darauf verzichten. Das wäre auch im Sinne von Papst Franziskus gewesen. Aber das gehört zu Salzburg. Heute habe ich mich daran gewöhnt.

Zur Person
Geboren als Anton Lackner am 14. Juli 1956 in Feldbach, Steiermark. Er beginnt eine Elektrikerlehre, geht im Alter von 22 Jahren als UNO-Soldat nach Zypern, holt dann die Matura nach und tritt in den Franziskanerorden ein, wo er den Namen Franz annimmt. Priesterweihe 1991, Studium der Theologie und Philosophie. 2002 wird Lackner Weihbischof der Diözese Graz-Seckau, 2013 Erzbischof von Salzburg. Vergangenen Dienstag folgte er Kardinal Christoph Schönborn als Vorsitzender der Österreichischen Bischofskonferenz nach.

Conny Bischofberger, Kronen Zeitung

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