17.06.2020 06:00 |

Album „Lamb Of God“

Lamb Of God: Brachialer Sturm auf den Genre-Thron

Eine mehrere Kontinente umspannende Tour im Vorprogramm von Slayer, große Festival-Auftritte und nun das starke achte Album „Lamb Of God“ - die gleichnamigen Groove-Metaller mit dem Thrash-Faktor sind bereit für den Genre-Thron. Wird ihnen dessen Eroberung aber auch gelingen?

Seit mehr als 20 Jahren arbeiten sie beharrlich darauf hin - nun wären sie endgültig bereit für die Machtübernahme im US-Heavy-Metal. Lamb Of God rund um den charismatischen Frontmann Randy Blythe gelten für die einen als Pantera-Epigonen, für die anderen als Modern-Metal-Band. Ihnen allen ist gemein, dass man eigentlich schon seit einigen Jahren auf den großen Durchbruch der Band in die Champions League des Metal-Genres wartet. Einen wichtigen Schritt dazu haben sie letztes Jahr als Support in Nordamerika und Europa von Slayer gemacht. Die Thrash-Könige sind abgedankt, Bands wie Megadeth oder Anthrax schwächeln kompositorisch schon sehr lange beträchtlich und Metallica verwaltet eher den eigenen Backkatalog, als dass sie mit neuen Glanztaten glänzen. Doch Musikinsider wissen - gerade im Metal ist eine Wachablöse ob der Loyalität der Fans besonders schwer, wenn nicht sogar unmöglich zu schaffen.

Trumpf: Teamleistung
Da kommt eine Pensionierung wie jene von Slayer genau richtig. Kampfloser Aufstieg sozusagen, aber damit würde man dem Quintett aus Richmond, Virginia unrecht tun. Vielmehr ist es die starke Teamleistung, welche die rabiate Groove-Maschinerie aus dem Gros der Konkurrenz hervorstechen lässt. Auf der einen Seite hat man das Gitarrenduo Mark Morton und Willie Adler, das in trauter Einigkeit dermaßen harsche Riffsalven abfeuert, dass es einem ganz schwindlig werden kann. Willies Bruder Chris Adler verließ erst letztes Jahr die Band nach 26 Jahren, brachte mit seinem einzigartigen Schlagzeugspiel aber eine besondere Note in die Lamb-Of-God-Songs. Graubart John Campbell schwingt den Bass behände und lässt sich von den Sechssaitern nicht unterbuttern, während Blythe als Rasta-Träger und Brüllwüfel nicht nur auf der Bühne für Aufsehen sorgt, sondern auch abseits davon.

Der Frontmann ist mit seiner Meinungssprunghaftigkeit nicht unumstritten. So kündigte er 2012 etwas schnell und vollmundig an, bei den US-Präsidentschaftswahlen zu kandidieren, ließ sich dann aber in keinen Wahlsprengel eintragen. Nach der Bataclan-Konzertkatastrophe in Paris 2015 waren Lamb Of God auf Drängen Blythes hin eine der ersten Bands, die sich komplett gegen Konzerte in Europa aussprachen. Als eineinhalb Jahre später Donald Trump zum US-Präsident gewählt wurde, erwägte Blythe aus Wut und Enttäuschung wiederum den Wegzug aus den Vereinigten Staaten. Doch er musste auch Tragisches überstehen. 2010 stieß er bei einem Gig in Prag einen Fan von der Bühne, der später seinen Verletzungen erlag, was für Blythe einen intensiven Gerichtsprozess und 2012 sogar eine Inhaftierung zur Folge hatte. Später wurde er freigesprochen. Die daraus davongetragenen Wunden verarbeitete er nicht zuletzt auf dem 2015er Studioalbum „VII: Sturm und Drang“, das nach einer ganzen Reihe großartiger Werke (Highlights: „Sacrament“ aus 2006 und „Resolution“ aus 2012) einen ersten Karrierebauchfleck bedeutete.

Die Mischung machts
Nach fünf Jahren ohne neues Album haben sich Lamb Of God aber von dieser schwächeren und auch experimentelleren Phase erholt. „Lamb Of God“ als Titel ist Statement und Verpflichtung zugleich, zeigt das Quintett samt des jungen Drummers Art Cruz (einst bei Prong) aber wieder von ihrer stärkeren Seite. Am Besten funktionieren Lamb Of God immer noch, wenn sie ihren unwiderstehlichen Groove mit flirrenden Gitarrensalven, rhythmischem Drumming und Blythes herbem Organ verbinden. Das gelingt besonders gut beim Opener „Memento Mori“, der im Intro gar einen Sisters Of Mercy-artigen Sprung in die Gothic-80er wagt, dann aber viehisch durch die Botanik holzt. Besonders gut ausgefallen ist auch die Groove-Walze „Resurrection Man“, während sich Blythe auf dem etwas sperrigeren „Bloodshot Eyes“ ansatzweise im Klargesang versucht. Durchaus interessant.

Wie sehr das Drumming von Cruz den Sound verändert hat, hört man vor allem am Closer „On The Hook“, der sich mit seinen Blastbeat-Stakkati fast schon in den Black Metal traut, ohne sich freilich wirklich an dem Genre zu bedienen. Am Schwächsten klingen Lamb Of God skurrilerweise immer dann, wenn man am Wenigsten damit rechnen würde. Die erste Single „Checkmate“ stieß nicht wirklich auf Anklang und ließ anfangs die Befürchtung aufkommen, man würde die Wackelqualität der „Sturm und Drang“-Phase weiterführen, aber auch die Songs mit den Gastbeiträgen nehmen nicht sonderlich an Fahrt auf. Hatebreed-Frontmann Jamey Jasta wirkt in „Poison Dream“ fehlbesetzt und der wieder von einer Corona-Influenza genesene Testament-Sänger Chuck Billy nimmt den Track „Routes“ zu sehr für sich ein und lässt das Bandfundament nicht genug Platz zur Ausfaltung.

An American Band
Wichtig sind bei Lamb Of God freilich auch die Inhalte. Wo sich andere Metalbands im Blut suhlen, Dämonen huldigen oder Nekrophilie betreiben, macht sich Blythe seit jeher Sorgen um die Welt und gesellschaftliche Strömungen. An Trump selbst oder andere Persönlichkeiten adressiert der Frontmann seine Texte dieses Mal nicht, dafür sei die Zeit die falsche, wie er in diversen Interviews zum Besten gab. „Memento Mori“ ist eine Kapitalismuskritik in Zeiten immer stärker aufklaffender Gesellschaftsschichten, „Gears“ dreht sich um den steigenden Medienkonsum, „Reality Bath“ handelt grob von aufkommenden Öko-Krisen und der prekären Umweltsituation. Lamb Of God verknüpfen thematisch aber auch Schulmassaker, die Opiat-Krise und die fehlende soziale Interaktion unter Menschen auf ihrem achten Studiorundling. Eine echte „American Band“ eben - nur ohne rosarote Brille. Der Weg auf den Metal-Thron ist jedenfalls bereitet.

Robert Fröwein
Robert Fröwein
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