21.05.2020 06:00 |

Das große Interview

Ist das schon der Höhepunkt, Herr Landau?

Pünktlich zu seinem 60. Geburtstag wurde der österreichische Caritas-Präsident auch an die Spitze der Caritas Europa gewählt. Seit 25 Jahren steht der Priester und Monsignore schon an vorderster Front der größten Hilfsorganisation des Landes. Was kommt da noch? Michael Landau im großen Geburtstagsinterview.

Im Hof der Caritas-Zentrale in der Ottakringer Albrechtskreithgasse spielen Jugendliche ohne Zuhause Fußball. Von hier fährt auch jeden Abend der Canisius-Bus weg, der Obdachlose in den Straßen von Wien mit einer warmen Suppe versorgt. Auch in Corona-Zeiten ist er keinen einzigen Tag ausgefallen. Michael Landau erscheint in schwarzem Anzug und weißem Collar-Hemd, er strahlt über das ganze Gesicht, das kann man sogar durch die Covid-Gesichtsmaske sehen.

Für unser Interview nimmt der Caritas-Präsident an einem der kleinen bunten Tische Platz, seine Mitarbeiter, die auf einer Mauer sitzen und von dort das Geschehen beobachten, haben ihn mit roten, gelben und blauen Blumen aus dem Garten gedeckt. „Da drüben wachsen auch Tulpen, Magnolien und Rosen“, lächelt Landau und blinzelt in die Mittagssonne. In die Melodie seiner sanften Stimme, die er manchmal leidenschaftlich erhebt, mischt sich das Plätschern eines Brunnens.

„Krone“: Diesen Samstag werden Sie 21.910 Tage, 3130 Wochen und 719 Monate alt sein. Wie klingt das für Sie?
Michael Landau: Nicht mehr ganz neu! - Lacht. - Ich sehe schon Ihre Liebe zu Zahlen. Das verbindet uns. Ich habe ja Naturwissenschaften studiert, bevor ich Priester geworden bin, und bis heute finde ich diese Herangehensweise eine gute. Zahlen und Statistiken lügen nicht. Aber gerade als Caritas erinnern wir immer an die Menschen hinter den Zahlen.

Wenn Sie sich das Leben als eine Schnur vorstellen, an welchem Punkt stehen Sie jetzt?
Ich bin realistisch, ich werde in diesen Tagen 60. Ich fände es spannend, in der Mitte der Schnur zu stehen, aber wenn ich die Statistik anschaue, dann vermute ich eher nicht, dass ich 120 werde.

Würden Sie es gerne werden?
Unlängst bin ich in Deutschland vor einer Podiumsdiskussion noch im Park spazieren gegangen. Da haben Jugendliche Frisbee gespielt. Ich habe mich gefragt, ob ich gerne noch einmal so alt wäre wie sie. Das Nein, das ich mir selbst als Antwort gegeben habe, war befreiend. Ich bin mit meinem Alter sehr zufrieden.

Und wie ist es für Sie, alt zu werden?
Wenn mich in der Früh beim Aufwachen meine Schulter zwickt, ist das lästig. Aber so geht es vielen Menschen in meinem Alter. Umgekehrt merke ich, dass ich ein ganzes Stück gelassener geworden bin, da ist eine innere Freiheit gewachsen. Leopold Ungar, nach dem dieses Haus benannt ist, hat einmal gesagt, dass man sich vor nichts und niemandem fürchten soll auf der Welt, das halte ich für keine schlechte Lebensperspektive.

Im Moment sind 1.8 Millionen Menschen entweder ohne Job oder in Kurzarbeit, das ist ein absoluter Höchstwert. Ist das jetzt eine Sternstunde der Caritas?
Das ist eine ganz große Herausforderung für Österreich und für Europa. Arbeit zu schaffen, von der Menschen würdig leben können, ist eine zentrale Aufgabe. Hier wird es sehr viel gemeinsame Anstrengung brauchen.

Sind die Spenden zurückgegangen?
Das Spendenecho ist nach wie vor groß. Aber diese Hilfe wird einen langen Atem brauchen. Denn die Not nimmt zu, der Spendenbedarf auch. Corona wird uns noch Monate und Jahre beschäftigen. Es wird neben all den Programmen zur Förderung der Wirtschaft auch so etwas wie eine Solidaritätsmilliarde für die Ärmsten brauchen. Ich würde mir erwarten, dass die gleiche Energie, die gleiche Kreativität und Fantasie auch für das soziale Gefüge eingesetzt wird. Wir müssen alles tun, damit aus der Gesundheitskrise von heute nicht die soziale Krise von morgen wird.

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Gott ist so sehr männlich, wie die Mausi Lugner eine Maus ist. Was macht den Mann aus? Das Y-Chromosom. Ich bin ziemlich sicher, dass das nicht sein Thema ist.

Michael Landau, Caritas-Präsident

Mehr als 60 Prozent Ihres Budgets stammt vom Staat. Kauft die Regierung sich auch ein bisschen von der Verantwortung frei, so unter dem Motto: „Da brauchen wir uns nicht kümmern, das macht eh die Caritas“?
Zunächst: Ein großer Teil unserer Arbeit geschieht im Auftrag der Gesellschaft für die Menschen in unserem Land - wenn ich an die Pflege oder die Arbeit für Menschen mit Behinderung denke. Hier sind wir Partner von Bund und Ländern. Andere Bereiche sind überwiegend auf Spenden angewiesen. Ich denke aber schon, dass der Regierung bewusst ist, dass die Bewältigung der Krisen nur gemeinsam gelingen kann. Die Klimakrise ist ja nicht weg, weil Corona jetzt im Vordergrund steht. Dazu kommt, dass die soziale Krise zunehmend stärker in die Mitte der Gesellschaft rückt, sie beginnt auch die Mittelschicht zu erfassen. Etwa, wo es um die Frage des leistbaren Wohnraums geht. Wir werden in Zukunft beides brauchen: eine Umweltverträglichkeitsprüfung und eine Sozialverträglichkeitsprüfung, eine doppelte Aufmerksamkeit. Papst Franziskus hat gesagt, er möchte das kommende Jahr zu einem Schwerpunktjahr bei der Enzyklika „Laudato si“ machen. „Laudato si“ erinnert daran, dass der Einsatz für das gemeinsame Haus der Schöpfung und der Einsatz für die Armen zusammengehören, dass es sehr oft bei Krisen die Ärmsten sind, die den höchsten Preis zahlen müssen. Und das fand ich damals, vor fünf Jahren, eine extrem vorausschauende Enzyklika.

Sie sind diese Woche auch Präsident der Caritas Europa geworden. Was bedeutet Ihnen diese Funktion?
Gerade die aktuelle Krise zeigt, dass die großen Aufgaben nur gemeinsam bewältigt werden können. Nationalstaaten können vieles, eine Pandemie besiegen können sie nicht. Der Gedanke von Robert Schuman, einer der Gründungsväter, dass es um eine Solidarität der Tat geht, ist ein nach wie vor aktueller Gedanke. Johannes Paul II. hätte diese Woche, am 18. Mai, den 100. Geburtstag gehabt. Er hat bei seinen Österreich-Besuchen daran erinnert, dass es ein Europa braucht, das auf beiden Lungenflügeln atmet. Ich habe den Eindruck, bis heute ist Europa manchmal ein bisschen schwach auf der Brust. Das ist für mich die Ermutigung, das zum Teil unmenschliche Wohlstandsgefälle kleiner zu machen. Das wird eine Aufgabe sein, die es neu anzugehen gilt.

Wenn Sie die Jahre als Caritas-Chef in Österreich Revue passieren lassen, war Ihre Stimme manchmal zu leise oder war sie immer laut genug?
Das ist eine Gewissensfrage. Ich weiß es nicht. Aber ich glaube, man muss sich diese Frage immer wieder stellen. Das Ziel kann nicht sein, laut zu sein. Das Ziel ist, Menschen aufmerksam zu machen auf die Wirklichkeit, auf die Not. Solange auf der Welt Kinder verhungern, haben wir als Gesellschaft versagt. Deshalb versuche ich immer wieder, politisch Verantwortliche in Kontakt mit dieser Wirklichkeit zu bringen. Ich habe gemerkt, das lässt auch politische Verantwortungsträger manchmal nicht unberührt, diese persönliche Begegnung. Ich würde mir wünschen, dass sie das öfter wagen.

Bei der ehemaligen schwarz-blauen Regierung haben Sie Empathiedefizite geortet. Wie beurteilen Sie den Empathielevel bei Türkis-Grün?
Wir sind bisher gut gemeinsam durch die aktuelle Krise gekommen, es ist gelungen, das Gesundheitssystem stabil zu halten. Es werden jetzt zu Recht große Anstrengungen unternommen, damit die Wirtschaft wieder in Schwung kommt. Aber entscheidend wird sein, auch die Menschen in ihrer Verletzlichkeit nicht aus dem Blick zu verlieren. Ein Impfstoff gegen das Virus wird nicht genügen. Wir werden auch Rezepte gegen Armut, Arbeitslosigkeit und Einsamkeit brauchen. Dort wird sich das Empathie- und Wertgefüge zeigen. Allein in Wien hat sich die Zahl der Menschen, die in unsere Sozialberatungsstellen kommen, verdoppelt. Es kommen zunehmend mehr Menschen, die sich nie in ihrem Leben gedacht hätten, dass sie einmal die Hilfe der Caritas in Anspruch nehmen müssen. Da leisten wir unseren Beitrag, aber es ist in Wahrheit eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe. Die Caritas ist dabei der Seismograf. Sie nimmt Erschütterungen wahr. Derzeit gibt es viele Menschen, die nicht wissen, wie sie ihre Miete bezahlen sollen, wie sie sich das Essen für sich und ihre Kinder leisten können.

Ein gewisser Herr Gudenus hat der Caritas damals „Profitgier“ vorgeworfen. Erfüllt es Sie mit Genugtuung, wo er heute steht und wo Sie stehen?
Nein. Es wird mich nie froh machen, wenn es einem Menschen schlecht geht.

Er spielte damit auf das mächtige Unternehmen - 16.000 Mitarbeiter, 50.000 Ehrenamtliche - mit einem riesigen Budget - 2018 waren es allein 70 Millionen Euro an Spenden, das sind aber nur sieben Prozent des Budgets - an. Wie geht man mit so viel Macht um?
Ich bin nicht sicher, ob wir Macht haben. Wir können miteinander etwas bewegen, weil uns viele Menschen vertrauen und auch etwas von sich anvertrauen. Die Caritas ist an 1600 Orten präsent und gehört ein Stück weit zum Grundgefüge unserer Gesellschaft. Gerade die Initiative „Füreinand“ - gemeinsam mit der „Kronen Zeitung“ - ist zu einer Community des Zusammenhalts und der Nächstenliebe in der Krise geworden. Aber Macht? Man soll solche Zuschreibungen nicht allzu ernst nehmen…

Es gibt ja so Sätze wie zum Beispiel: „Ich bin ja nicht die Caritas.“ Was löst das in Ihnen aus, wenn Sie so etwas hören?
Für mich ist da trotz allem, auch in der Negation, spürbar, dass die Caritas was Wichtiges ist. Wir sind ja nicht nur lieb, sondern leisten auch hochprofessionelle Arbeit! Ich würde dem, der das sagt, antworten, er soll sich’s doch einfach einmal trauen. Denn als menschliche Wesen sind wir aufeinander angewiesen, ohne ein „Du“ findet letztlich keiner zum „Ich“.

Sie stammen aus einem behüteten bürgerlichen Haus. Wie schwer war es für Sie, auf die ganz andere Seite des Lebens zu tauchen?
Ich und mein Bruder, wir sind tatsächlich behütet aufgewachsen. Aber auch bei uns zu Hause war es nicht nur einfach. Mein Vater war viele Jahre krank, hatte schon relativ jung einen Herzinfarkt. Es ist an der Mutti gelegen, den Alltag zu bewältigen. Trotzdem haben meine Eltern immer auch Menschen eingeladen, die einsam waren, zu Weihnachten beispielsweise. Sie haben uns gelehrt, nicht wegzuschauen, wenn jemand Hilfe braucht. Sich mit Ungerechtigkeiten niemals abzufinden. Ein Grundsatz war: Niemals die Sonne über dem Zorn untergehen lassen. Also immer wieder miteinander Frieden zu schließen.

Ihr Bruder ist Lehrer. Könnte man sagen, dass Sie das Gutmenschen-Gen mit der Muttermilch aufgesogen haben?
Ich denke mir immer: Lieber Gutmensch als Schlechtmensch. Aber ich erkenne auch den spitzen Ton, der oft darunter liegt. Deshalb würde mir „Mensch“ genügen. Aber ja, das waren alles prägende Erfahrungen.

Sehen Sie sich mehr als „Manager der Armen“ oder doch als Priester?
Als Manager sehe ich mich nicht so sehr … Ich begleite Menschen dabei, ihre Kraft und Stärke in der Veränderung zum Positiven zu entdecken. Das ist wahrscheinlich die schönste Aufgabe, die man in der Kirche haben kann. Das Zusammenleben so zu gestalten, dass es für die Menschen am Rand der Gesellschaft einen Unterschied macht, dass sie ein Stückchen Hoffnung haben, ein Stück Perspektive finden, für sich und ihr Leben. Diese Welt ein Stückchen heller, ein Stückchen schöner, ein Stückchen gerechter, ein Stückchen zukunftstauglicher zurückzulassen, als man sie vorgefunden hat. Für mich hat das auch mit dem Kern des Evangeliums zu tun. Je älter ich werde, umso sicherer bin ich, dass Glaube und Leben zusammengehören. So wie Gott und die Welt.

Wie stellen Sie sich Gott vor?
Ich habe gelernt, immer, wenn es in den Kopf hineinpasst, ist es zu klein. So gesehen gibt es keine Vorstellung von Gott, die ihm gerecht wird. Ich bin aber überzeugt, dass er sich überall in der Welt erahnen und entdecken lässt. In der Schönheit der Blumen, die hier auf dem Tisch zwischen uns stehen, im Lächeln eines Kindes, in der Liebe, die Menschen einander erweisen.

Ist Gott männlich?
Er ist so sehr männlich, wie die Mausi Lugner eine Maus ist. - Lacht. - Was macht den Mann aus? Das Y-Chromosom. Ich bin ziemlich sicher, dass das nicht sein Thema ist.

Vor 25 Jahren wurden Sie zum Priester geweiht. Haben Sie es nie bereut, dass Sie keine Kinder haben, nicht verheiratet sein können?
Nein, ich bin glücklich über den Weg, den ich eingeschlagen habe. Ich habe mich in einem Alter dafür entschieden, wo man schon weiß, worauf man sich einlässt. - Lacht. - Natürlich sehe ich bei meinen Freunden, die Kinder, zum Teil auch schon Enkelkinder, haben, wie schön das ist. Aber auch mein Beruf ist wunderschön, man sollte das eine nicht gegen das andere ausspielen.

Sie sind seit 25 Jahren für die Caritas tätig, seit 2013 als Nachfolger von Franz Küberl auch als Präsident. Was möchten Sie am Ende erreicht haben?
Ich möchte einen Beitrag dazu geleistet haben, dass in unserem Land Zusammenhalt und Zuversicht lebendig sind, dass Menschen aufeinander schauen und füreinander da sind und dass möglichst alle eine faire Chance finden. Das Zweite Vatikanische Konzil sagt an einer Stelle: „Man darf nicht als Liebesgabe anbieten, was schon als Gerechtigkeit geschuldet ist.“

Wie lange wollen Sie noch Caritas-Chef bleiben?
Die Kunst wird sein, zu einem Zeitpunkt aufzuhören, an dem mehr Leute es bedauern als begrüßen… Ich hoffe da auf mein Umfeld. Auf mich selber natürlich auch. Aber vor allem darauf, dass es Menschen gibt, die mir sagen: „Ich glaube, es wäre Zeit.“ Irgendwann wird es tatsächlich Zeit für einen Generationenwechsel, vielleicht auch eines Tages für eine Caritas-Präsidentin.

Ist das Ihr Wunsch?
Ich glaube, dass das gut wäre und dass es nur eine Frage der Zeit ist.

Wenn Sie Ihre Karriere bis jetzt betrachten, ist das schon der Höhepunkt?
Es ist die schönste Aufgabe, die man haben kann.

Könnten Sie sich auch noch einen anderen Platz in der Kirche vorstellen?
Ich wüsste nicht, was anstehen könnte.

Bischof, zum Beispiel?
Freiwillig nicht.

Aber man kann es schlecht ablehnen, wenn man berufen wird, richtig?
Ich glaube, man kann - Lacht. - Mein Bischof weiß, dass ich mit der Arbeit, die ich jetzt mache, glücklich bin.

Zur Person: Zweifacher Caritas-Präsident
Geboren am 23. Mai 1960 als Sohn eines jüdischen Vaters und einer katholischen Mutter in Wien; sein jüngerer Bruder Daniel ist Lehrer. Landau studiert zunächst Biochemie, später Theologie und Kirchenrecht in Rom. Mit 20 lässt er sich taufen, mit 32 wird er in Rom zum Priester geweiht. 1995 wird er Caritas-Direktor der Erzdiözese Wien, 2013 auch Präsident der Caritas Österreich und diese Woche Präsident der Caritas Europa. Landau ist auch Seelsorger im „St. Klemens-Haus“, einem Senioren- und Pflegehaus der Caritas in Wien.

Conny Bischofberger, Kronen Zeitung

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