18.05.2020 06:00 |

„how i‘m feeling now“

Charli XCX: Ein neuer Zugang zur Pop-Produktion

Von 0 auf 100 in sechs Wochen - ungefähr so entstand das neue Album der britischen Pop-Prinzessin Charli XCX. „how i‘m feeling now“ ist von A bis Z eine Corona-Isolationsgeburt und gerade deshalb ungemein interessant und revolutionär. Mission gelungen.

Begonnen hat ursprünglich alles mit dem Vorsatz, 2020 gemütlich zwei Alben aufzunehmen und diese dann 2021 zu veröffentlichen. Das hat Charli XCX auf Twitter im November 2019 kundgetan, nur zwei Monate nach der Veröffentlichung ihres hart ersehnten dritten Werkes „Charli“. Mit der Corona-Pandemie haben sich aber sämtliche Vorsätze umgedreht und die Planungen wurden komplett über den Haufen geworfen. Schon wenige Tage nachdem Europa quasi kollektiv in den Lockdown geschickt wurde, begann sie mit einer Selbstisolations-Livestreamserie, bei der u.a. Diplo, Clairo oder Rita Ora zu sehen waren. Anstatt sich allzu sehr mit Wohnzimmerkonzerten und Nostalgierückschauen zu begnügen, hatte Charli schnell Größeres im Visier. Anfang April kündigte sie schließlich ihr viertes Album „how i’m feeling now“ an. Ein Album, das ausschließlich mit den ihr zur Verfügung stehenden Mitteln in der Isolation aufgenommen werden könnte. Aber nicht nur musikalisch, auch grafisch und visuell für die dazugehörigen Videos.

Gemeinschaftsprodukt
Das Spezielle an dem Ganzen - Fans haben sich via Instagram und Co. permanent mit der Künstlerin am Album mitbeteiligen können und das ganze Werk entstand mehr oder weniger unter Aufsicht der Öffentlichkeit. So wurden Songfragmente, Ideen oder einfach nur lose Gedanken ausgetauscht, zusammengefügt und wieder verworfen. Ein Album, wie ein Puzzle, das in dieser Art und Weise quasi unerforscht war. Außerdem - gleich ein ganzes Album, anstand nur einzelne Durchhalte- und Gemeinschaftssongs zu produzieren, ist ein durchaus mutiges Unterfangen, das einiges an Experimentierfreudigkeit von der Künstlerin abverlangte. So konnten ihre engsten, exklusiven Fans direkten Einblick in die Entstehung der Single „forever“ nehmen, wurden durch die Kommentarfunktion sogar Teil des Songwritings und sorgten damit interaktiv für die Fertigstellung.

Diese Art von Crowdsourcing - also der Auslagerung bestimmter Arbeiten an freiwillige Mitstreiter im Netz - ist nicht ganz neu. Kanye West hat das vor vier Jahren schon einmal für „Life Of Pablo“ probiert, durch die erzwungene Dringlichkeit aufgrund der Isolation bekam Charli XCXs Variante des gemeinschaftlichen Arbeitens aber einen emotionaleren, verbindenten Anstrich, der schon allein dadurch viel besser angenommen wurde. Musikalisch bedeutet das vor allem, dass Charli experimentelle, aber stets melodische und hörbare elektronische Musik mit persönlichen und eben genau den gegenwärtigen Zeitgeist treffenden Texten vermengt. Angenehm natürlich ist dabei die Produktion ausgefallen, die trotz moderner Technik weniger opulent und aufgeblasen wirkt wie auf einem herkömmlichen Album. Die modernen Mechanismen des Pop-Songwritings findet man dennoch zuhauf: dort und da Aufpeppung mit Autotune, abruptes Ausfaden von Songs oder - wie etwa deutlich im Closer „Visions“ zu hören - ein krachiger 90s-Disco-Beat, der sich wieder großer Beliebtheit erfreut.

Punk im Pop
Die bestens vernetzte Künstlerin hat trotz Quarantäne sehr eng mit A.G. Cook und BJ Burton zusammengearbeitet, auch Electropop-Produzent Danny L Harle und der estnische Chaos-Rapper Tommy Cash können sich Credits für das Bedroom-Projekt abgreifen. In den Texten setzt sich Charli mit den Gefühlen, Empfindungen und Erlebnissen in der für alle neuen Situation auseinander, die fast den ganzen Globus für knapp zwei Monate zum Stillstand brachte. „i finally understand“ etwa ist ihrem Freund gewidmet, der sich aktiv am Entstehungsprozess des Albums beteiligte und in Songs wie „7 years“ oder „party 4 u“ hört man die Sehnsucht nach menschlicher Nähe, dem schwer vermissten kulturellen Hedonismus zu jeder Zeit heraus. Es ist ein stetes Hin- und Herspielen von verschiedenen Ideen, die EDM, Elektronik, Pop und Rap kreuzen. „how i’m feeling now“ ist sozusagen die DIY-Punkplatte des neuen Jahrzehnts. Und damit vielleicht wirklich der Startschuss für eine ganz neue Ära des Albumproduzierens. Viva la Zeitgeist.

Robert Fröwein
Robert Fröwein
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