17.04.2020 21:00 |

Lost in Isolation

Ist Sudern in der Krise eigentlich erlaubt?

Das Volk der Österreicher ist an und für sich ein eher sudriges - und je näher man der Hauptstadt kommt, desto ausgeprägter scheint der Hang dazu. Im Winter Schnee? Mühsam. Keiner? Was ist das für ein Winter? Im April noch zu kalt? Pfoah, wann wird’s endlich richtig Frühling? Knackt er bereits zu Beginn die 20-Grad-Marke? Na servas, jetzt ist‘s aber schon warm. Angesichts der Corona-Krise haben viele wirklichen Grund, sich zu sorgen, andere eher zu jammern. Aber ist Sudern derzeit erlaubt?

Die Arbeitslosigkeit explodiert einerseits, während andere nicht wissen, wie sie die ganze Arbeit stemmen sollen. Für manche ist das Zu-Hause-bleiben-Müssen existenzbedrohend, weil sie ihre Geschäfte für Wochen schließen mussten und teilweise noch immer müssen, für andere lediglich eine größere Herausforderung. Manche fühlen sich einsam, so lange alleine daheim zu sein, andere wiederum sehnen sich nach ein paar Tagen nur für sich. Uns alle eint, dass jeder für sich einen Weg in diese neue Realität finden musste. Und auch wenn sie vielleicht nur ein paar Wochen andauert, so ist es trotzdem eine nie da gewesene Situation, die Flexibilität und Zusammenhalt erfordert hat und weiter erfordert.

Die verschiedensten persönlichen Auswirkungen, die diese neue Realität auf die unterschiedlichsten Menschen hat, aufzuzeigen - auch wenn wir von krone.at bisher nicht unmittelbar von Krankheit, Tod oder Existenzangst betroffen waren -, das war und ist der Sinn dieser Serie. Zu zeigen, dass auch wir von diesem Neuen herausgefordert wurden, jeder auf seine spezielle Weise und naturgemäß anders als etwa jene, die derzeit nur zu zehn Prozent arbeiten - denn wie Sie sich vielleicht vorstellen können, haben wir derzeit mehr denn je zu tun. Und wir sind dankbar dafür.

Da ist der Kollege, der seit mehr als drei Wochen den Spätdienst schupft - und während er vorher von Kollegen umgeben war, ist er jetzt oft der Einzige im gesamten Newsroom. Da ist die Kollegin, die ihren Abenteuerurlaub abbrechen musste, bevor er richtig begonnen hatte, und die, die mitten in ihrer Weltreise gestoppt wurde. Da ist der Kollege, der sich seit fast einem Jahr auf die Ausflüge mit seiner Tochter gefreut hat, die er für seine derzeit stattfindende Väterkarenz geplant hatte, und der sich nun mit kurzen Spaziergängen begnügen muss. Und da bin ich, die mit zwei relativ kleinen Kindern seit nunmehr fünf Wochen daheim ist, ihre Dienste in die Nachtzeit verlegt hat, weil der Mann untertags für seine Firma da sein muss, und wie die meisten derzeit versucht, das Beste aus der neuen Situation zu machen.

Dass die genannten Corona-Auswirkungen keine echten Probleme sind, sondern jene von Gegenden, in den Frieden und Wohlstand herrschen, versteht sich von selbst. Dass ich weder 25-Stunden-Schichten im Krankenhaus schiebe noch einen Betrieb habe, der derzeit ums Überleben kämpft, bedeutet aber nicht, dass ich mich in einem bezahlten Urlaub befinde und mir tagsüber die Frühlingssonne auf den in den Liegestuhl gewuchteten Körper scheinen lassen kann. Und es bedeutet auch nicht, dass der neue Alltag federleicht von der Hand geht. Denn auch wenn ich es derzeit angenehmer habe als so manche andere, ist es trotzdem fordernd, bis drei oder vier Uhr früh zu arbeiten und am nächsten Vormittag wieder „fit“ fürs Home-Schooling zu sein, das sich mitunter über Stunden ziehen kann.

Darf ich das mir ungefragt auferlegte Home-Schooling nicht anstrengend finden, auch wenn ich das Schulkind nicht zum Schreibtisch zerren muss, damit es sich an die Aufgaben macht? Dass es noch keine Physikformeln lernen oder das Plusquamperfekt beherrschen muss, ist natürlich ein großer Vorteil, aber die 30 Seiten pro Woche, die es zu rechnen und zu schreiben gilt, machen sich auch nicht von alleine. Und vor allem: Sie machen sich leider auch nicht vom Kind alleine.

Auch das sind alles keine Probleme - aber es sind Ungewohntheiten, denen viele, auch ich, mit der zu vielen Gelegenheiten wirksamen Waffe zur Seelenentlastung begegnen: dem Sudern. Denn Sudern kann helfen, Sudern hilft mir. Was haben mich Jammereien und vor allem die Gegenjammereien der anderen in der Baby-WhatsApp-Gruppe wieder hochgezogen, wenn ich das Gefühl hatte, ich kann nicht mehr, ich schaffe das nicht und es geht nie vorbei. Doch „Überraschung“: Ich konnte noch, ich habe es geschafft und es ging vorbei.

Doch ist Sudern in der Krise erlaubt? Wenn ich so die Kommentare in unserem Forum durchgehe, habe ich den Eindruck, dass es nicht gestattet ist. Zweimal Home-Office mit einmal Home-Schooling und einmal eine Vierjährige nicht außen vor lassen wollen als anstrengend empfinden? Besser keine Kinder bekommen, man weiß doch schon vorher, dass Kinder anstrengend sind. Kinder zu haben, die es vermissen, sich nach Schule und Kindergarten (normalerweise) mit Freunden auf dem Spielplatz zu treffen oder einen Nachmittag bei der Oma zu verbringen? Verwöhnte, verweichlichte und schlecht erzogene Fratzen, die nichts mit sich anfangen können.

Es ungewohnt finden, mit seinen Kindern wochenlang an ein und demselben Ort zu verbringen (und davon durchschnittlich 18 Stunden pro Tag im selben Raum, die restlichen sechs sind sie - vielleicht - schlafend in ihren eigenen Betten anzutreffen)? Selber schuld, wenn man sich Nachwuchs anschafft und ihn ständig in Schule und Kindergarten abschiebt, da ist man dann gleich nervlich überfordert, wenn er mal da ist! Und überhaupt ist die heutige Generation sowieso zu nix mehr zu gebrauchen.

Der Chef der Forenmanager teilt meine Einschätzung: „Seit Corona haben wir das Gefühl, dass es vermehrt Hardliner gibt - egal in welche Richtung. Diplomatische Meinungen werden schnell zerfetzt.“ Ich wage es trotzdem, der Suderei treu zu bleiben.

Lost in isolation: Der Großteil unserer Redaktion befindet sich derzeit zu Hause und muss sich - wie alle im Land - in einem völlig neuen Alltag zurechtfinden. Die Herausforderung, Job, Familie und Privatleben unter einen Hut zu bringen, hat eine neue Dimension erreicht. Unsere Erfahrungen und Gedanken zu dieser neuen Realität wollen wir unseren Lesern nicht vorenthalten: krone.at lost in isolation. Alle Artikel unserer Serie finden Sie hier!

Heike Reinthaller-Rindler
Heike Reinthaller-Rindler
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