02.05.2020 16:07 |

Lost in Isolation

„Da heult man dann schon mal ein paar Tage durch“

Vor knapp sieben Jahren ist die ehemalige krone.at-Redakteurin Inga S. von Wien nach Island gezogen, genauer gesagt in die Nähe von Höfn. Mit ihrem Partner hat sie sich dort, im Südosten der Insel, auf dem Hof Dynjandi, ein neues Leben aufgebaut. Ein ruhigeres Leben im Einklang mit der Natur, aber auch ein spannendes inmitten von Gletscherschönheit, kurzen Sommern und harten Wintern. Doch das könnte alles bald vorbei sein. In ihrem Gästehaus begrüßten sie in den vergangenen Jahren zahlreiche Gäste aus aller Welt - doch seit Beginn der Corona-Krise bleiben die Touristen aus. „Der Gedanke, Haus und Hof zu verlieren und vielleicht die Koffer packen und alles zurücklassen zu müssen, der ist schwer zu verdauen“, schreibt Inga mir.

Island gilt als das Musterbeispiel im Umgang mit der Corona-Pandemie. Zehn Menschen - unter ihnen ein Tourist aus Australien - sind bisher an dem neuartigen Coronavirus gestorben, bei einer Einwohnerzahl von 360.000. Es gibt rund 1700 Infektionen mit SARS-CoV-2. Der Grund liegt in der raschen Reaktion der Behörden auf das Virus: „Bereits am 27. Jänner erklärte die isländische Regierung den ,óvissustíg‘, die ,Ungewissheitsstufe‘ - und begann schon kurz darauf das erste Testing der Hochrisikogruppen in der Bevölkerung“, schildert Inga. Da sollte es noch einen Monat lang keinen einzigen Corona-Fall auf der Insel geben.

„Covid-19 tauchte bereits im Jänner in den Medien in Island auf, war jedoch für alle ganz weit weg, und niemand rechnete auch nur annähernd damit, dass sich daraus eine Pandemie entwickeln könnte“, erzählt Inga. „Man fühlte sich sicher, auch wenn sich in den nächsten Tagen und Wochen die Nachrichten häuften.“ Ende Februar gab es den ersten bestätigten Fall. „Dann kam die Welle.“ Am 2. März wurde, nach sechs weiteren Fällen, Italien als Risikoland eingestuft. Jeder, der von dort anreiste, musste 14 Tage lang in Quarantäne.

„Dann gab‘s einen weiteren Fall, der aus Ischgl kam - und plötzlich viele weitere von dort. Also wurde auch Ischgl zum Risikogebiet erklärt“, so die gebürtige Hamburgerin, die Anfang der 2000er-Jahre nach Wien gekommen war. Wenige Tage später dann die erste Ansteckung innerhalb Islands - und ab Mitte März ging es Schlag auf Schlag: „Am 13. März wurde erlassen, dass die Schulen geschlossen werden, und es gab ein Versammlungsverbot von mehr als 100 Personen, eine Zwei-Meter-Abstandsregel, kein Körperkontakt mit Leuten, die nicht im selben Haushalt wohnen, Restaurants nur noch Take-away.“

Es wurden „Risikogruppen-Einkaufszeiten“ eingeführt: Alle Supermärkte reservierten die erste Stunde nach Öffnung für Pensionisten oder Menschen mit Vorerkrankungen. Am 18. März wurde die Welt zum Risikogebiet erklärt, den ersten Todesfall gab es am 23. März. Seit dem 24. März sind Schwimmbäder, Friseure, Museen, Büchereien etc geschlossen - und auch die Grenzen.

„Intensives Testing begann dann mit deCode, das ist ein Genlabor in Island, das privat geführt wird“, so Inga. „Ab diesem Zeitpunkt konnte sich jeder für einen Gratis-Test anmelden - nicht nur Kranke und Risikogruppen.“ Das Unternehmen testet zudem nicht nur, ob man infiziert ist, sondern entschlüsselt auch die DNA des Virus - und so habe man im Laufe der Zeit definitiv sagen können, wer sich bei wem und wo angesteckt hat. Inzwischen seien knapp 50.000 Leute getestet worden - was ungefähr ein Siebtel der Gesamtbevölkerung ist.

„Das reicht, um zu verstehen, dass das eine aussichtslose Sache ist“
Wie für die restlichen betroffenen Länder ist die Pandemie auch für Island ein massiver wirtschaftlicher Schlag. Das Land lebt vom Tourismus - seit Mitte März gibt es de facto keine Flüge mehr. „Touristen, die es doch irgendwie herschaffen, müssen 14 Tage in Quarantäne“, so Inga. Der Inlandsreisenmarkt wird kaum abfangen können, was die ausländischen Touristen eingebracht haben. „In Island leben 360.000 Menschen, im vergangenen Sommer kamen über 2,1 Millionen Touristen - diese Zahl reicht, um zu verstehen, dass das eine aussichtslose Sache ist.“

Die Arbeitslosigkeit steigt auch auf der Insel: Im April lag die Arbeitslosenquote bei 13 Prozent. Zum Vergleich: Selbst während des Bankencrashs im Jahr 2008 lag sie „nur“ bei 9,3 Prozent. „Besonders schwer hat es die Region um die Hauptstadt und den Flughafen getroffen, da liegt die Arbeitslosenquote für April bei 24 Prozent“, beschreibt Inga die Lage. Ein weiterer deutlicher Anstieg ist landesweit für Mai zu erwarten.

Wie in Österreich unterstützt auch die isländische Regierung die Unternehmen, ihre Mitarbeiter zu halten, indem sie die Hälfte des Gehalts zahlt. Einige Unternehmen schaffen es trotzdem nicht: „Islandweit haben bereits 300 Unternehmen Konkurs angemeldet. Dabei handelt es sich vornehmlich um KMUs und insbesondere Familienunternehmen“, schreibt Inga. „Aber auch große Unternehmen aus dem Tourismussektor wie die Blaue Lagune und Icelandair mussten viele Mitarbeiter entlassen - Icelandair rund 2000 Leute, mehrere Hundert bei der Blauen Lagune, mehr als 100 am Flughafen.“

„Wie lange das gut geht, weiß niemand“
Auch für Inga bedeutet die aktuelle Situation: „Weiterhin laufende Kosten, aber seit Mitte März keinerlei Einnahmen. Wir leben von Rücklagen, die aber natürlich schwinden. Wie lange das gut geht, nicht nur für uns, sondern auch viele unserer Freunde, die ebenfalls in der Tourismusbranche sind, weiß niemand.“

Wie sie gegen die Verzweiflung ankämpfen? „Wir versuchen uns zu beschäftigen, um nicht allzu viel nachdenken zu müssen. Sonst wird man ja verrückt“, so Inga. Sie würden schließlich mit Herzblut an allem hängen - am Gästehaus, an den Tieren, den Freunden. „Wir machen kleine Renovierungsarbeiten, versorgen die Tiere.“ Aber es gebe trotzdem „sehr viele schlaflose Nächte“ deswegen. „Bei uns steht alles auf dem Spiel, was wir uns in Island in den letzten sieben Jahren aufgebaut haben. Der Gedanke, Haus und Hof zu verlieren und vielleicht seine Koffer packen und alles zurücklassen zu müssen, der ist schwer zu verdauen. Da heult man dann auch mal ein paar Tage am Stück durch."

Lost in isolation: Der Großteil unserer Redaktion befindet sich derzeit zu Hause und muss sich - wie alle im Land - in einem völlig neuen Alltag zurechtfinden. Die Herausforderung, Job, Familie und Privatleben unter einen Hut zu bringen, hat eine neue Dimension erreicht. Unsere Erfahrungen und Gedanken zu dieser neuen Realität wollen wir unseren Lesern nicht vorenthalten: krone.at lost in isolation. Alle Artikel unserer Serie finden Sie hier!

Heike Reinthaller-Rindler
Heike Reinthaller-Rindler
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