15.04.2020 21:00 |

Lost in Isolation

Und plötzlich waren die Spielkameraden weg!

Im Leben kommt es oft ganz anders, als man denkt. Diese Weisheit trifft den Nagel derzeit voll auf den Kopf. Da freut man sich auf die intensive gemeinsame Zeit mit der einjährigen Tochter und schmiedet eifrig Pläne für die Väterkarenz. Babytreffen hier, regelmäßige Spielplatz- und Tiergartenbesuche da, endlich wieder mehr Zeit mit Omi und Opi verbringen, deren Vorfreude natürlich auch schon mehr als spürbar ist. Doch dann überstürzen sich die Ereignisse, eine neuartige Lungenseuche greift von China aus auf andere Staaten über und wird zu einer globalen Bedrohung.

Nun kämpfen wir gegen eine Pandemie, die uns alle dazu verdammt, soziale Kontakte zu vermeiden bzw. auf ein Minimum zu reduzieren und zu Hause zu bleiben, um der Forschung bei der Suche nach einem wirksamen Impfstoff mehr Zeit zu geben und gleichzeitig die Gesundheitssysteme der Staaten nicht zu überfordern.

Geheimzeichen aus dem Keller
Aus der Väterkarenz ist nach einer knappen Woche nun eine Väterkarenz-Mutter-im-Home-Office-Situation geworden. Dort, wo bisher der Indoor-Spielplatz unserer Tochter inklusive Hängesessel und Klettergerüst zum Toben eingeladen hat, findet sich nun Mamas Büro. Meine Frau begibt sich täglich still und heimlich hinunter, und über ausgemachte Zeichen bzw. WhatsApp signalisiert sie, wenn sie mit Essen und Trinken versorgt werden möchte. Nur so können Tränen vermieden werden, denn die Freude über das Wiedersehen würde ziemlich rasch in Enttäuschung umschlagen, wenn die Mama wieder verschwindet.

Das Spielen im Keller beschränkt sich nun auf den späteren Nachmittag oder Abend nach Dienstschluss. Aber Gott sei Dank sind wir in der glücklichen Lage, über einen Garten zu verfügen, der die Ausweichmöglichkeiten erweitert. Um die ausfallenden Spielplatzbesuche halbwegs zu kompensieren, holen Mama und Papa die wichtigsten Spielgeräte wie Rutsche und Sandkiste nun einfach in den Garten.

Doch ganz gleich wie viel Spielzeug sich auf dem Rasen türmt und wie sehr topmotivierte Eltern bereit sind, mit ihrem Mädchen zu spielen: Den Spaß mit Kindern im gleichen Alter können sie nicht ersetzen. Natürlich macht man sich daher auch Gedanken darüber, was es für den Nachwuchs bedeutet, beinahe keine sozialen Kontakte (abgesehen von Zaungesprächen in der Kleingartenanlage und den flüchtigen Begegnungen bei Spaziergängen) bzw. Spielzeit mit anderen Kindern zu haben. Wie wirkt sich das auf die Sozialisation des Kindes aus? Wie wird sich nun der Kindergartenbesuch ab September gestalten?

Keine Zeit zu grübeln
Tagsüber bleibt aber nicht viel Zeit, über diese Fragen zu grübeln. Schließlich muss Mann (in diesem Fall keine diskriminierende Formulierung, sondern Tatsache) schauen, dass das Essen rechtzeitig auf den Tisch kommt. Ein wöchentlicher Speiseplan, den Mama und Papa gemeinsam erstellen, bildet den Ausgangspunkt für den wöchentlichen Großeinkauf, im Zuge dessen auch die Großeltern versorgt werden. Zumindest auf diesem Wege begegnet man sich und kann sich vergewissern, dass es ihnen gut geht.

Nach einem kurzen Gespräch aus sicherer Distanz geht es auch schon wieder nach Hause, wo einen die Familie sehnsüchtigst erwartet. Mamas Arbeitstag ist mittlerweile zu Ende und das ganze Haus kann wieder genützt werden. Am Ende des Tages ist man ziemlich geschlaucht. Langweilig wird es nämlich nie. Dennoch vermisst man natürlich die Abwechslung von früher. Man merkt manchmal auch, dass dem Kind die Decke auf den Kopf fällt. Manchmal gibt man sich einfach geschlagen und schaltet eben den Fernseher ein oder spielt auf dem Handy Kinderlieder vor, um zumindest ein paar Minuten Ruhe zu haben.

Aus dem Vorhaben, diese Technologien möglichst lange vor der Tochter geheim zu halten, ist leider nichts geworden. Man verfolgt ja auch die regelmäßigen Pressekonferenzen der Regierung und die internationalen Nachrichtensendungen, die die meiste Zeit nur ein Thema kennen: Covid-19. Bundeskanzler Sebastian Kurz und US-Präsident Donald Trump kennt die Kleine schon sehr gut und sie scheint sich über die beiden auch zu amüsieren. Nur gut, dass unser Kind das meiste, was gezeigt und gesprochen wird, nicht versteht und keine Fragen stellt. Auf vieles wüssten wir nämlich derzeit auch keine Antwort.

Keine Lust auf Verschwörungstheorien
Über die jüngsten Einschränkungen, Hilfspakete der Regierung und nunmehr auch die Lockerungen tauscht man sich mit den Nachbarn regelmäßig aus. Die Stammtische wurden von den Gartenzäunen ersetzt. Im Zuge der Debatten tauchen immer öfter auch verschwörungstheoretische Elemente auf. Wenn man nach einem langen Tag noch Nerven dafür hat, diskutiert man mit. Doch meistens möchte man sich nur noch hinlegen und Kraft für den nächsten Tag tanken, der früher beginnt, als man oft denkt. Allerdings ist es wirklich erstaunlich, mit wie wenig Schlaf der Mensch auskommen kann.

Bereits früher hatte ich schon großen Respekt vor alleinerziehenden Müttern und Vätern. Doch nach meiner Väterkarenz-Erfahrung muss ich umso mehr den Hut ziehen. Das sind wahre Helden, denn sie verfügen über keinen Joker, der in der allergrößten Not aus dem Keller angerannt kommt und das Kind wieder beruhigt.

Lost in isolation: Der Großteil unserer Redaktion befindet sich derzeit zu Hause und muss sich - wie alle im Land - in einem völlig neuen Alltag zurechtfinden. Die Herausforderung, Job, Familie und Privatleben unter einen Hut zu bringen, hat eine neue Dimension erreicht. Unsere Erfahrungen und Gedanken zu dieser neuen Realität wollen wir unseren Lesern nicht vorenthalten: krone.at lost in isolation. Alle Artikel unserer Serie finden Sie hier!

Gabor Agardi
Gabor Agardi
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