19.08.2020 11:46 |

Lost in Isolation

Nach den Schafen kamen die Kängurus

Ich bin die Redakteurin mit der verpfuschten Weltreise, vielleicht erinnern Sie sich noch an mich. Mitte März fand mein Traum mit Corona ein jehes Ende, als ich gerade in Australien campen war. Statt heimzufliegen, habe ich mich für Arbeit auf einer Schaffarm entschieden und durchaus gelitten, auch wenn ich die Erfahrung nicht missen möchte. Meine nächste Station war dann ein Sanctuary für Wildtiere - und ich bin immer noch Down Under.

Insgesamt sieben Wochen habe ich es auf der Schaffarm in Südaustralien, nahe der „Metropole“ Kingston South East, ausgehalten. Der australische Winter ist gleichzeitig mit dem österreichischen Frühling eingezogen, die Arbeit war hart, aber ehrlich. Ich habe gelernt, Zäune zu bauen, Anhänger zu entkoppeln und Kälber zu kastrieren. Also quasi alles, was man als Stadtmädchen so braucht. Obwohl ich geplant hatte, zur Lämmerzeit längst weitergezogen zu sein, sah ich mich immer noch ohne Möglichkeit zur Weiterreise, als es dann soweit war.

Ich dachte, die „lambing season“ wäre eine schöne Zeit, mit den vielen neugeborenen Lämmchen. Natürlich war das nur einer von vielen Irrtümern, denen ich 2020 aufgesessen bin - die Realität ist blutig und dramatisch. Letztendlich waren es dann aber tatsächlich die Männer mit ihren veralteten Ansichten über die Rollen von Frau und Mann in dieser Gesellschaft (in Kombination mit schier unmenschlichem Bierkonsum), die mich dazu bewegt haben, die Farm zu verlassen. 

Wohin also weiter? Zurück nach Wien? Die Aussichten waren nicht viel besser, als sieben Wochen zuvor. Ende Mai ist zu allem Überfluss auch noch mein Visum abgelaufen, aber ich konnte ein neues (nicht ganz billiges) beantragen. Ich entschied mich also ein zweites Mal dazu, alles auf eine Karte zu setzen, und heuerte in einer Auffangstation für Wildtiere an. Und siehe da: Die romantisch-verklärte Vorstellung davon, wie es ist, ein Känguru-Baby mit der Flasche zu füttern, traf zu 100 Prozent zu. 

Als „Tierecke“-Redakteurin war es natürlich die reinste Freude für mich, winzigen Beuteltieren Fläschen zu geben, sie zu windeln und sich um all die geretteten Vögel, Wombats, Possums, Bettongs (von deren Existenz ich bis dahin nicht einmal wusste) und Nager zu kümmern. Bis auf einen gelegentlichen Boxhieb durch eines der erwachsenen Kängurus hatte ich auch keinerlei Grund zur Beschwerde. Aber nach weiteren fünf Wochen und den Lockerungen innerhalb Australiens hat mich dann doch das Reisefieber (wieder) gepackt und ich bin seitdem knappe 4000 Kilometer Richtung Norden (und Wärme) gefahren.

Ich könnte Ihnen noch von vielen Pleiten und Pannen am Weg erzählen, und die Pandemie hat auch Australien weiterhin fest im Griff. Nichts ist, wie es war, und natürlich ist meine Weltreise nach wie vor unmöglich, so wie ich sie im Sinne hatte. Wie wir alle mache ich aus der Situation das Beste - und gesund und glücklich zu sein, ist schon Grund genug für ein intensives Gefühl der Dankbarkeit. Ich werde wohl doch planmäßig mit Weihnachten nach Wien zurückkehren, um Erfahrungen reicher, die ich so nie machen wollte, für die ich aber dennoch dankbar bin. Traktor und Schermaschine statt Strand und Flip Flops - ich finde, das hat auch was. Bleiben Sie gesund!

Denise Zöhrer
Denise Zöhrer
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