27.03.2020 21:00 |

Lost in Isolation

Hochsensibel in Quarantäne: Ruhe in der Krise

Ich gebe es zu: Normalerweise laufe ich mit einem mürrischen, im besten Falle sorgendurchtränkten oder grantig anmutenden Ausdruck im Gesicht durch die Welt. In einer Schrittgeschwindigkeit, die andere Menschen als permanenten Dauerlauf empfinden. Beides Eigenarten, die selbst bei langjährigen Freunden und der diesbezüglich ebenfalls gebeutelten Familie für Konfliktpotenzial sorgen. Jetzt laufe ich daheim - im Kreis.

Ein Leben im Stakkato - normalerweise
Doch mein Herzschlag kennt meist nur eine Betriebstemperatur. Ich lebe im Stakkato, ich „muss immer“, „ich brauche immer“, ich „hätte jetzt schon längst können“ - kurz: Es muss, gemäß Unspruch des Jahres 2019, bei mir zack, zack, zack gehen. Und das, oder vielleicht gerade deshalb, weil ich hochsensibel bin.

Die Eile, die ich im Alltag normalerweise an den Tag lege, geht - sprichwörtlich - so weit, dass mir die lieben Kollegen im „Krone“-Gebäude bereits großräumig Platz im Gang verschaffen, kaum dass ich ihrer Anwesenheit überhaupt gewahr bin. „Ui, die Kollegin hat‘s wieder eilig“, heißt es dann, bevor man in oscarreifer Manier zur Seite springt und sich auch schon mal theatralisch und lachend - doch meist weniger ästhetisch - an die Wand krallt wie Spiderman.

Sportskanone auf die Couch verbannt
In den letzten Tagen allerdings trabe ich nur noch in der Wohnung herum, einmal wöchentlich mit einem IKEA-Sackerl bewaffnet auch zum Supermarkt ums Eck. Meine Schrittanzahl ist verheerend, an einem Tag im Home-Office ohne Abendlauf oder Sporteinheit auf der heimischen Gymnastikmatte (was nur sehr selten vorkommt) bringe ich es auf kaum 700. Eine ausreichende Schmach, um den Schrittzähler einstweilen auf der Couch verstauben zu lassen.

Doch warum immer dieser Stress?
Nicht etwa, weil ich ein Misantroph a lá Moliéres Menschenfeind oder asozialer Zeitgenosse wäre, der sein Dasein zum eigenen - wie auch dem anderer - Wohle auf einer verlassenen, einsamen Insel fristen würde, oder Autogenes Training und Meditation für mich zu „esoterisch" wären, um es auszuprobieren. Glauben Sie, das habe ich. Ich werde nur tagtäglich, wie viele andere sensible Menschen, von den unfassbar vielen Geräuschen und Gerüchen dieser Welt, die sich meinem Einfluss gänzlich entziehen - und die ich zumeist aufgrund meiner sensiblen Natur nur als störend oder zumindest unangenehm empfinden kann -, derart eingenommen, dass ich - wenig erfolgreich - versuche, dem Gewusel zumindest in meiner Freizeit zu entkommen - und mich so nur noch mehr stresse. Denn mich dürstet es nach Ruhe und Frieden. In der Großstadt, in der ich GERNE lebe, nicht immer möglich.

Nun ist mein Alltag zu dem vieler geworden
Ruhe habe ich nun. Meine sensiblen Antennen schlagen seit circa zwei Wochen nicht mehr so häufig aus, die mir eigene Stressfraktion läuft auf Notbetrieb bzw. Sparflamme. Kurz: Ich beruhige mich langsam. Ich ertappe mich dabei, wie ich mich, beinah ein Lied auf den Lippen, schon um 7.30 Uhr (statt 9 Uhr) voller Eifer (statt bereits etwas abgekämpft) zum Dienst melde, in stressigen Situationen cooler bleibe als sonst und mich ein wenig so fühle, als sei ich in Watte gepackt und nicht auf einem sich stetig drehenden Hamsterrad.

Ein nicht mehr selbstbestimmter, ganz selbstverständlicher Alltag
Wie so viele andere wurde auch ich aus meinem normalen Alltag gerissen. Und wie so manchem ist auch mir mittlerweile klar geworden: Es ist nicht selbstverständlich, einen selbstbestimmten Alltag erleben zu dürfen. Und die Krise, die einem zweitklassigem Actionfilm entstammen zu scheint, ist real. Nur, dass Bruce (Wayne aka „Batman“ oder Harry-Stamper-Willis, wer, dürfen Sie sich aussuchen) nicht verlässlich zur Stelle ist, um jedwede Katastrophe einzudämmen oder abzuwenden.

#stayhome und #stayhealthy
Und: Da ist plötzlich der Wunsch, auch Seele und Körper etwas Gutes zu tun. Meine tägliche - leise - Musikbeschallung setzt sich zwar noch aus viel Moll-Tonleitern, aber melodiösen, ruhigen Rhythmen zusammen. Narzissen und bunte Tulpen erfreuen das Auge. Kerzen brennen. Seit ich den Alltag aus dem Home-Office schupfe, kam kein Wurstsemmerl auch nur in die Nähe meines Tellers, dafür stapeln sich darauf - je nachdem, was der wöchentliche Besuch im Supermarkt um die Ecke hergibt - frische Früchte, Lachs und Joghurt mit Haferflocken auf der heimischen, mehrfach blank geputzen Anrichte. Der Kaffee wird frisch aufgebrüht und erfreut mich noch Stunden später mit dem in der Luft liegenden Röstaroma. Ich ertappe mich, tief einzuatmen, nicht nur oberflächlich und kurzatmig wie sonst.

Dass derzeit noch etwas anderes „in der Luft liegt“, ist der Wermutstropfen an meiner Isolation, der wie ein Damoklesschwert über meinem - und dem vieler - Dasein hängt. Denn ich weiß natürlich, dass viele Menschen krank sind, sogar sterben, während ich die Isolation großteils wie einen Reset-Knopf an meiner im Inneren verbauten, endlich angeworfenen Entschleunigungsmaschine empfinde. Noch dazu gesund, ohne kranke Angehörige, im Home-Office ... Privilegien, derer ich mir bewusst bin.

Ich schau auf mich!“ - Wie oft sagt man sich dies selbst?
Ich bin mir bewusst, dass Ärzte, Pfleger, Supermarktangestellte, die Betreiber karitativer Einrichtungen u.v.m. am Limit sind, dass die Wirtschaft leidet, Menschen in Kurzarbeit gehen müssen oder ihren Job verloren haben. Ich weiß, dass dieses neue Leben vorwiegend Einschränkungen mit sich bringt, Veränderungen, Leid und Not. Mir ist all dies in jeder Sekunde bewusst, es macht mir zu schaffen, stimmt mich nachdenklich und sehr traurig. Und trotzdem versuche ich aus MEINER Isolation das Beste zu machen - und in der ansonsten so schnelllebigen Welt zur Ruhe zu kommen. Ich schau jetzt mal auf mich.

Eine Mini-Chance ist auch eine Chance
Denn für mich als hochsensiblen Menschen bringt diese Isolation zumindest die Möglichkeit, zu entschleunigen. Eine Mini-Chance, die natürlich in keinem Verhältnis zu den vielen negativen Seiten und anderen Opfern dieser Ausnahmesituation stehen. Doch ich finde: Man darf die - wenigen - positiven Aspekte nicht ganz aus den Augen verlieren. Meditieren, bewusstER leben, sich Zeit für sich nehmen, entschleunigen, runterkommen, aus dem Hamsterrad aussteigen - das braucht es viel öfter.

Mir ist bewusst: Wir Introvertierten, die abseits des stressigen Berufsalltags ein eher ruhiges Privatleben bevorzugen, haben jetzt wirklich einen Vorteil. Denn für uns fühlt es sich nicht ganz nach erzwungener Isolation an. Hat man jedoch das Pech bzw. das Glück, zudem auch noch mit einer Hochsensibilität gestraft bzw. gesegnet zu sein, lassen sich - für all jene Glücklichen, deren Bedürfnisse nach Maslow (weitgehend) erfüllt und die nicht unmittelbar Betroffene, Leidende (!) dieser Krise sind - die positiven Seiten einer Quarantäne durchaus auch sehen.

Lost in isolation: Der Großteil unserer Redaktion befindet sich derzeit zu Hause und muss sich - wie alle im Land - in einem völlig neuen Alltag zurechtfinden. Die Herausforderung, Job, Familie und Privatleben unter einen Hut zu bringen, hat eine neue Dimension erreicht. Unsere Erfahrungen und Gedanken zu dieser neuen Realität wollen wir unseren Lesern nicht vorenthalten: krone.at lost in isolation. Alle Artikel unserer Serie finden Sie hier!

Mara Tremschnig
Mara Tremschnig
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