08.06.2019 07:00 |

Interview

Larry „Ratso“ Sloman über seine Zeit mit Bob Dylan

Im Herbst 1975 tingelte Bob Dylan mit einer illustren Musikerschar als Rolling Thunder Revue durch Neuengland bis Kanada. „Die Konzerte wurden erst 24 Stunden vor den Shows angekündigt, niemand wusste, wer auftreten würde. Und man spielte bevorzugt in kleinen Hallen“, erzählte Autor Larry Sloman, der hautnah dabei war, im APA-Interview. Mit 70 hat Sloman kürzlich sein Albumdebüt veröffentlicht.

1974 hatte Dylan nach achtjährigem Rückzug eine überaus erfolgreiche Tour mit The Band absolviert. Künstlerisch befriedigten ihn die Auftritte vor Massen-Publikum aber nicht. Die Rolling Thunder Revue sollte anders sein: Man reiste gemeinsam im Bus und mit dem Zug, Künstler kamen dazu, gingen wieder oder blieben dabei. Dylan - als Höhepunkt der Revue - brachte Hits, aber auch viele Songs des damals noch überveröffentlichten Albums „Desire“. Ein unlängst erschienenes, 14 CDs umfassendes Box-Set und eine Dokumentation von Martin Scorsese (ab 12. Juni auf Netflix) dokumentieren die Qualität dieser Darbietungen.

Jeder war fasziniert
„Bei Bobs Auftritt blieb niemand backstage. Alle, egal ob Crew, Musiker oder prominente Gäste, standen ganz vorne und schauten fasziniert zu. Dylan war einfach so gut!“, erinnerte sich Sloman, der seine Erlebnisse mit der Rolling Thunder Revue in seinem berühmten Buch „On The Road With Bob Dylan“ festhielt und dem Joan Baez den Spitznamen Ratso verpasste. Die Königin des Folk stand bei jener Tournee 1975 nach vielen Jahren erstmals wieder mit Dylan gemeinsam vor Publikum. „Dylan hat seine Band mit alten Freunden wie Ramblin‘ Jack Elliott und neuen Leuten wie Mick Ronson, als Gitarrist von David Bowie zur Legende geworden, gemischt. Das war eine unglaubliche Sache“, erzählte Ratso.

Sloman selbst hat längst selbst Kultstatus erlangt. „Nachdem ich Dylan das erste Mal erlebte, wurde aus einem normalen New Yorker Juden dieser verrückte Typ, der ich nun mal geworden bin“, lachte Ratso. Der ehemalige „Rolling Stone“-Autor schrieb nach der 75er-Tour zahlreiche Bestseller-Biografien und tauchte in Kriminalromanen des eigenwilligen texanischen Country-Musikers Kinky Friedman auf. Nun, quasi als Pensionist, brachte Sloman als Ratso sein erstes Album, „Stubborn Heart“, heraus. Die Single „Our Lady Of Light“ wurde im Duett mit Nick Cave eingesungen. Lieder wie „I Want Everything“ und der Titelsong erinnern bewusst und gekonnt an Ratsos Freund Leonard Cohen. Mit einer Coverversion von „Sad Eyed Lady Of The Lowlands“ - mit Warren Ellis an der Flöte und der libanesischen Underground-Ikone Yasmine Hamdan als zweite Stimme - wurde Dylan Tribut gezollt. Es stellt sich die Frage, warum erst jetzt?

Nachhaltige Zufälle
„Das ist eine lange, irre Geschichte“, lachte Sloman und holte bis zur Dylan-Tour von 1975 aus. „Ich hatte für einen Film recherchiert und dazu Nächte in Strip-Clubs verbracht. Die Erfahrungen verarbeitete ich in meinem ersten Songtext. Den zeigte ich Roger McGuinn.“ Der Frontman der Byrds war wie Joni Mitchell ebenfalls an Bord der Rolling Thunder Revue. „Roger gefiel der Text, und er komponierte Musik dazu. Auf der Zugreise nach Toronto habe ich das Lied Bob präsentiert. Er sagte: ‘Hey, das ist gut, Larry!‘ Mehr musste ich nicht hören. Ich hatte den Segen vom Besten erhalten.“

Davon motiviert, arbeitete Ratso später mit John Cale zusammen. „Er schrieb die Musik, ich die Texte“, erzählte Sloman. „Dying On The Vine“ wurde sogar zu Cales akustischer Visitenkarte. „Es ist eine Sache, seine eigenen Bücher in Auslagen zu sehen. Aufregend. Aber nicht so aufregend, wie John Cale ein Lied singen zu hören, zu dem ich den Text beigesteuert habe. Cale ist dann um 1985 nach Kalifornien gezogen, und ich habe wieder Bücher geschrieben. Ich dachte, das war‘s dann mit meinen musikalischen Bemühungen. Aber ich hatte noch ein paar Songs übrig und einen Folder mit Texten.“

Es fehlt an Herausforderung
Der Kontakt mit jungen Musikern habe ihn schließlich „wieder beflügelt“, so Ratso. „Diese Songs haben lange darauf gewartet, veröffentlicht zu werden“, betonte der Tausendsassa. „Aber ich hatte nie vor, selbst zu singen. Ich wollte eher wie Kinky Friedman vorgehen, der Tribut-Alben an sich selbst schreibt und die Lieder dazu von berühmten Freunden singen lässt. Aber mein Produzent hat mich überredet - und jetzt bekomme ich Lob!“ Auf den aktuellen Zustand der Musikszene angesprochen, atmete Ratso tief durch: „Kultur ist heute generell zu harmonisch und glatt“, lautete sein Urteil. „Mit dieser Zwangsjacke der politischen Korrektheit darf man gar nichts mehr sagen. Das ist verrückt. Die großen Stars fordern ihre Fans nicht heraus, sie sind nullachtfünfzehn. Das tut weh, denn Pop und Rock sind aus einer Rebellion heraus geboren worden.“

APA/Wolfgang Hauptmann

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