Di, 21. Mai 2019
05.05.2019 06:00

Schulausflüge verboten

Mädchen über Zwangsheirat: „Lebten wie Sklavinnen“

In Oberösterreich wollte kürzlich ein Mann seine erst 13-jährige Tochter - gegen Bezahlung - zwangsverheiraten lassen. Dem Mädchen gelang davor die Flucht. In der „Krone“ sprechen nun zwei junge Frauen, die einst ähnliche Schicksale hatten.

Eine hübsch eingerichtete Garconniere am Stadtrand von Wien. Der genaue Ort darf nicht bekannt gemacht werden. Genauso wenig wie der wahre Name der 23-Jährigen, die hier wohnt: „Nennen Sie mich Melissa“, sagt sie. Ihre beste Freundin, drei Jahre älter als sie, ist gerade bei ihr zu Besuch. Auch sie will anonym bleiben: „Schreiben Sie, dass ich Selina heiße ...“ Die zwei jungen Frauen - türkischstämmig, geboren und aufgewachsen in Österreich - haben Angst. „Eine Angst, die nie vergehen wird“ - vor ihren Familien: „Fürchterliche Dinge wurden uns von ihnen angetan, in ihrer absurden Tradition - in der Mädchen völlig rechtlos sind.“ Melissa und Selina konnten sich letztlich aus einem Leben in Geiselhaft befreien. Ihre „Clans“, das wissen sie, „werden uns das niemals verzeihen. Und wenn sie es irgendwann schaffen, uns zu finden, droht uns der Tod ...“

Melissa: „Von klein an wurde ich kontrolliert“
Melissa wuchs in einer kleinen Stadt auf, in Österreich. Mit zwei jüngeren Geschwistern, einem Buben, einem Mädchen. Die Mutter: Hausfrau. Der Vater: Arbeiter. „Finanziell ging es uns nie schlecht“, erzählt die heute 23-Jährige, „aber die Situation daheim war, seit ich mich zurückerinnern kann, grauenhaft. Denn mein Papa neigte immer schon zu Wut- und Gewaltausbrüchen.“ Trotzdem, „in meiner Kindheit war ich manchmal sogar glücklich. Wenn ich zum Beispiel im Hof spielen durfte. Aber mit jedem neuen Jahr verschlimmerte sich alles.“ Ab der Hauptschulzeit musste Melissa Kopftuch tragen, „obwohl ich das nicht wollte“. Nie nahm sie an Exkursionen oder Schikursen teil, „weil ich dabei in näheren Kontakt mit Burschen hätte kommen können“.

„Jeden Monat wurde mir mein Lohn zur Gänze abgenommen.“
Selbst harmlose Treffen mit Freundinnen galten als verboten: „Nach dem Unterricht hatte ich sofort nach Hause zu gehen. Und wehe, ich kam ein nur paar Minuten zu spät.“ Die Zwänge - sie blieben auch, als sie eine Lehre begann: „Jeden Monat wurde mir mein Lohn zur Gänze abgenommen. Mit 17 hielt ich mein Sklavendasein nicht mehr aus und flüchtete in ein Krisenzentrum.“ Der Vater, die Mutter, sie besuchten die Tochter dort, „sie weinten so viel, sie versprachen mir, in Hinkunft besser zu mir zu sein. Ich glaubte ihnen, denn in meinem Innersten liebte ich sie ja.“ Und Melissa machte, wie sie jetzt sagt, „einen entsetzlichen Fehler: Ich ging zu ihnen zurück.“ Bereits am Tag darauf „flog mein Papa mit mir in die Türkei“. Endstation war sein Heimatdorf, „dort wurde ich gleich mit einem jungen Mann, den ich davor noch nie gesehen hatte, verlobt. Die Hochzeit mit dem mir völlig Fremden sollte drei Monate später stattfinden.“

In der Zeit bis dahin gelang es der Verschleppten - „geheim, über das Handy einer Tante“ - Kontakt mit österreichischen Sozialarbeitern aufzunehmen. „Sie alarmierten das Außenamt - und ich wurde befreit.“ In ihrem Geburtsland zurück, kam sie in ein Frauenhaus, mittlerweile hat sie eine eigene Wohnung. Ihre größten Wünsche? „Nie mehr einem meiner Verwandten zu begegnen. Und: endlich einen fixen Job zu finden. In meinem Beruf, Verkäuferin.“

Selina: „Ich war die Gefangene meines Mannes“
Selina kam in Wien zur Welt, sie hat eine jüngere Schwester. Die Eltern ließen sich früh scheiden, „nachdem mein Papa versucht hatte, meine Mama umzubringen“. Der Mann leidet an Schizophrenie, er blieb nicht lange im Gefängnis „und machte uns bei seinen Besuchen das Leben zur Hölle“. Mit Schlägen und Morddrohungen. Die Mutter: schwach, unfähig, ihre Kinder zu beschützen und sie adäquat zu versorgen. Die Frau verfiel dem Alkohol, hatte nur selten Jobs. Von klein an musste Selina den Haushalt versorgen, putzen, waschen, kochen: „Nie durfte ich mit meinen Klassenkameraden etwas unternehmen, sie seien alle verdorben, bläuten mir meine Eltern ein.“

Für 30.000 Euro verkauft
Wegen ihrer dadurch hervorgerufenen Introvertiertheit „galt ich in der Schule - und auch später, während meiner Ausbildung zur Bürokauffrau - als Außenseiterin“. Mit 18 wurde ihr vom Vater ein um zehn Jahre älterer Türke vorgestellt. 30.000 Euro hatte er - wie sie später erfuhr - an ihre Familie bezahlt, um durch eine Hochzeit mit dem Mädchen zu einer Aufenthaltsgenehmigung in Österreich zu kommen. Es folgte - „ein Ehe-Albtraum“.

Täglich Vergewaltigungen, eingesperrt in einer Gemeindewohnung, „nur selten durfte ich nach draußen. Wenn doch, dann bloß zum Einkaufen, in Begleitung meines verhassten Gatten - und ich musste Burka tragen.“ Nach drei Jahren Martyrium erlitt die junge Frau einen Bandscheibenvorfall, ihr Mann brachte sie zu einer Allgemeinmedizinerin, „er wollte bei der Untersuchung dabei sein, aber das wurde ihm verboten“. Selinas Rettung: „Ich erzählte der Ärztin von meinem Drama, sie veranlasste meine Unterbringung in einem Frauenhaus.“

Ein paar Monate später wurde die Ehe geschieden. Danach: Todesankündigungen von ihrem „Clan“. Immer und immer wieder. „Sozialarbeiter unterstützten mich, bis ich stark genug war, um alleine existieren zu können.“ Heute hat die mittlerweile 26-Jährige eine eigene Wohnung - und sie arbeitet als Sekretärin: „Mein Chef weiß über meine Vergangenheit Bescheid. Denn sollte irgendwann einmal jemand in der Firma nach mir fragen, sollte er wissen, dass das wahrscheinlich ein Verfolger von mir ist - und ich in Gefahr bin.“

Martina Prewein, Kronen Zeitung

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