07.02.2019 09:24 |

Reporter in Venezuela

Die Kinder sterben in der totalen Wirtschaftskrise

Im erdölreichsten Land der Erde stehen sie schon am frühen Morgen in Schlangen vor den Supermärkten, suchen nach bezahlbarem Essen. Die Krise im südamerikanischen Venezuela hat sich durch die Hyperinflation (Inflationsrate mehr als eine Million) dermaßen verschärft, dass immer mehr Venezolaner im Müll nach Essbarem suchen müssen. Paul Ronzheimer, Krisenreporter der „Bild“-Zeitung, berichtet aus der Hauptstadt Caracas - für krone.at.

Wer noch einkaufen kann, tut das nicht mit der offiziellen von der Regierung festgelegten Umtauschrate, sondern mit dem Schwarzmarktpreis. Aber auch die Schwarzmarktpreise, die man im normalen Supermarkt zahlen kann, sind astronomisch angesichts des Durchschnittlohns in Venezuela (7000 Bolivar). So kostet ein Huhn alleine 16.000 Bolivar (5,50 Euro), Käse liegt bei 22.500 Bolivar (acht Euro), ein Liter Milch bei 5000 Bolivar. Weil kaum jemand an so viel Bargeld kommt (das Tageslimit liegt bei 500 Bolivar am Geldautomaten), versuchen die meisten, mit Debit-Karten zu zahlen, andere weichen auf Bitcoin-Währungen aus.

Venezuela wurde zum Elendsstaat gemacht
20 Jahre sozialistische Misswirtschaft haben den Ölstaat Venezuela zum Elendsstaat gemacht. Das Drama begann bereits unter dem Vorgänger des jetzigen Präsidenten Nicolas Maduro, Hugo Chavez.

Er hatte viele private Betriebe enteignen lassen und seine Parteigenossen an der Spitze des staatlichen Ölkonzerns installiert. So konnten die Partei-Bonzen auf Kosten des Volkes gut leben - und können es unter Maduro noch immer, weshalb insbesondere das Militär (noch) zu ihm hält.

Guaido gilt als neuer Hoffnungsträger
Die Hoffnung für die Gegner von Maduro heißt jetzt Juan Guaido (35). Er ist der selbst ernannte Übergangspräsident des Landes. Es war die Flutkatastrophe von Vargas, dem Heimatort von Guaido, die ihn zum Politiker machte. So erzählt es sein Vater Wilmer Guaido (60), der seit 15 Jahren auf Teneriffa Taxi fährt, weil er schon unter Chavez nicht mehr in Venezuela leben und weiter Pilot bei der Armee sein wollte.

Juan Guaido organisierte bei der Katastrophe als damals 15-Jähriger die Familie, beruhigte alle, plante die Flucht. 20.000 Menschen starben, seine Familie überlebte. Und Juan Guaido fasste einen Entschluss: Er will mithelfen, das Land zu verändern.

Jetzt geht alles viel schneller als er sich es vorgestellt hat. Vor drei Wochen kannte ihn niemand, mittlerweile die halbe Welt. Weil Guaido sich als Parlamentspräsident gegen Maduro stellte, weil er sich auf die Verfassung berief und sich zum Interimspräsidenten erklärte, da Maduro auch aus der Sicht der internationalen Gemeinschaft die letzten Präsidentschaftswahlen hat fälschen lassen. Mittlerweile ist er auch von Österreich der anerkannte Interimspräsident des Landes.

Guaido wirkt nicht wie ein Polit-Neuling
Wenn man Guaido trifft, wirkt er allerdings nicht wie ein Polit-Neuling, sondern wie jemand, der schon lange im Geschäft ist. „Wenn ich ständig an Angst denke, könnte ich hier nicht stehen“, sagt Guaido, als wir ihn Dienstag in seinem Büro im Parlament in Caracas treffen. Seit drei Tagen sollte unser Treffen mit dem Mann stattfinden, der sich in der vergangenen Woche selbst zum Interimspräsidenten ernannt hat. Aber immer wieder gibt es „Sicherheitslagen“, muss Guaido an einen anderen Ort gebracht werden als ursprünglich geplant. Die Kommunikation ist schwierig, weil alles überwacht wird.

Guaido: „Es gab allein in den vergangenen Wochen 700 Menschen, die bei Protesten verhaftet wurden. In den Gefängnissen sind 300 politisch Gefangene. Wir alle leben immer am Rande der Inhaftierung oder sogar der Ermordung. Dies hindert uns jedoch nicht an der Wahrnehmung unserer Verantwortung.“

Guaido wollte zum Militär
Guaido stammt aus der Mittelklasse Venezuelas, hat drei Brüder, viele in seiner Familie dienten einst selbst im Militär, damals noch unter Hugo Chavez. Auch Juan Guaido wollte Soldat werden, konnte aber nicht wegen Asthmaproblemen, wurde stattdessen Ingenieur. Im Parlament stieg er schnell auf und konnte die zuletzt so zerstrittene Opposition einen.

Wie soll es jetzt weitergehen?
Aber die große Frage ist, wie es jetzt weitergehen soll. Guaido setzt auf Hilfslieferungen, die über die Grenze von Kolumbien ins Land gebracht werden sollen. Maduro lehnt das ab, sagt, dass sein Land nicht „betteln“ werde. Entscheidend wird sein, wie das Militär reagiert.

Aber Hilfe ist so dringend notwendig! Das zeigt sich, wenn man in Caracas ein Krankenhaus besucht. Wer in Venezuela ins Krankenhaus kommt, hat ein großes Risiko, dort zu sterben. Der Strom fällt aus, kaputte OP-Geräte, das Wasser ist schmutzig, Desinfektionsmittel fehlen. Aber das größte Problem: Es gibt keine Mittel für teure Medikamente, die importiert werden müssen.

Kinder sterben, weil es keine Hilfe gibt
Wenn sie über die zwei kleinen Buben spricht, die neben ihrer Tochter Valentina (5) im Kinderkrankenhaus von Caracas gestorben sind, kommen Hilmar (34) die Tränen. „Sie hätten Medizin gebraucht, eine Therapie, in Ihrer Heimat wären sie jetzt noch am Leben“, sagt sie zu uns. „Ich habe so große Angst, dass Valentina auch sterben muss, weil es keine Hilfe gibt.“

Wir sitzen im Kindergarten von Valentina, gerade eben haben alle zusammen die venezolanische Nationalhymne gesungen. Valentina trägt eine Schutzmaske, jeder Keim ist gefährlich für sie: Das Mädchen hat Leukämie (Blutkrebs), entdeckt wurde die Krankheit 2017. „Ich habe der Regierung gesagt, dass mein Kind Leukämie hat, dass ich Hilfe brauche. Aber sie haben nur gesagt: Wir können nichts tun.“

Hilmar musste das Geld für die erste Therapie privat auftreiben, hat ihr Auto und alle Habseligkeiten verkauft, wendete sich an Hilfsorganisationen, sammelte Geld. Sie schaffte es, die erste Therapie zu finanzieren. Aber jetzt, knapp eineinhalb Jahre später, braucht Valentina eine erneute Therapie. Und es fehlt wieder das Geld. „Wir müssen mit der Chemotherapie spätestens am Anfang des Sommers beginnen, aber uns fehlen noch mindestens 6000 Euro. Wenn wir nicht die Therapie starten, droht meine Tochter zu sterben.“

Das ist Venezuela 2019. Der erdölreichste Staat auf der Welt, in dem Kinder sterben, die leben könnten …

Paul Ronzheimer, Krisenreporter der Bild-Zeitung, berichtet seit 14 Tagen aus Caracas.

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