24.11.2018 11:30 |

Jede 5. Frau betroffen

Gewalt in der Privatsphäre ist keine Privatsache

Eins, zwei, drei, vier - FÜNF. Eine von fünf Frauen ist statistisch gesehen in Tirol mindestens einmal im Leben von körperlicher oder sexueller Gewalt betroffen. Am Sonntag ist der internationale Tag gegen Gewalt an Frauen, 16 Aktionstage folgen. Aber was steckt hinter dem Begriff Gewalt, welche Verantwortung trägt die Gesellschaft und wie reagiert die Polizei auf das Angstgefühl in der Öffentlichkeit. Ein Gespräch mit Katja Tersch vom Landeskriminalamt Tirol.

3624 Gewaltdelikte gab es 2017 in Tirol. Gewaltdelikte: Ein Wort, so viele Bedeutungen und noch mehr Leiden. Unter den Begriff fallen Straftaten wie etwa vorsätzliche Tötungen und Vergewaltigungen. 21 Prozent davon spielen sich im Familienkreis ab, 29 Prozent im Bekanntenkreis. Das heißt: Am gefährlichsten ist es Daheim. „Gewalt in der Privatsphäre ist aber keine Privatsache“, sagt Katja Tersch.

Schuld ist immer der, der die Gewalt ausübt
Trotzdem ist es für Opfer nach wie vor irrsinnig schwierig, aus der Gewaltspirale auszubrechen. „Es hängt meist viel dran: Familie, Kinder, Finanzielles und die Erinnerung, dass man den Partner einst geliebt hat“, schildert Tersch. Umso wichtiger ist es, zu verstehen: Schuld ist immer der, der Gewalt ausübt.

Öffentliche Diskussionen
Aber es gibt auch gute Entwicklungen: „Durch die Diskussion in der Öffentlichkeit hat sich die Wahrnehmung verändert. Früher assoziierte man Gewalt mit klassischer physischer Gewalt. Dass der Begriff aber weit darüber hinaus geht, dass es auch psychische Gewalt gibt, kommt nun in der Gesellschaft an.“

Bewusstsein gut, aber sicher noch ausbaufähig
Seit 21 Jahren gibt es das Gewaltschutzgesetz - damals begann eine Bewusstseinsveränderung, die „sehr gut war, aber sicherlich noch ausbaufähig ist“, sagt Tersch. Damit der Gewaltbegriff in der Gesellschaft irgendwann genau so breit verstanden wird, wie er auch tatsächlich ist. „Psychische Gewalt über einen längeren Zeitraum hat dieselben Folgen wie körperliche Gewalt“, schildert Tersch.

Lösungen auf sachlicher Ebene
Öffentliche Diskussionen wie etwa die berühmte #metoo Debatte sind also wichtig, gerade zu essenziell, um in der Gesellschaft wirklich etwas zu verändern. „Es braucht Emotion, um etwas aufzuzeigen, was nicht in Ordnung ist. Aber gute Lösungen können nur auf einer sachlichen Ebene gefunden werden“, betont Tersch.

Sicherheitsgefühl in der Öffentlichkeit
Obwohl die Zahlen davon sprechen, dass der Großteil der Gewaltdelikte im eigenen Umfeld passiert, ist es das öffentliche Sicherheitsgefühl, das sich verschlechtert hat. „Nach den Silvester-Vorfällen in Köln, aber auch in Innsbruck, wurde eine Verunsicherung spürbar“, sagt die Kriminalistin. Das wird aber von der Polizei ernst genommen. - „wir bieten Präventionsveranstaltungen, Begehungen von Angsträumen wie Unterführungen und versuchen, Lösungen anzubieten.“

Zuhören, füreinander da sein, Auswege aufzeigen
Gewalt zieht sich aber durch alle sozialen Schichten und kulturellen Hintergründe - „man macht es sich zu leicht zu sagen, Schuld sei dies oder jenes, Gewalt kann jeden treffen“, sagt Tersch. Deshalb appelliert sie auch an Zivilcourage im eigenen Umfeld: „Wichtig ist, in seiner Umgebung hellhörig zu sein und bei derartigen Wahrnehmungen dem Opfer deutlich zu signalisieren: Es gibt Hilfe und ich bin für dich da.“ 

Macht, Missbrauch und ganz viel Mut
Eva Pawlata ist seit elf Jahren Geschäftsführerin des Gewaltschutzzentrums, das gemeinsam mit dem Gesetz gegründet wurde. Ein Interview über Machtgefüge, Missbrauch und den Mut, den es zum braucht, um auszusteigen.

Wie sieht die Arbeit des Gewaltschutzzentrums aus?
Wir werden verständigt, wenn ein Betretungsverbot ausgesprochen wird und beschützen die Gefährdeten.

Konkret bedeutet das?
Wir beraten und schauen uns die Situation der Betroffenen an - wo sind die Probleme und welche Ressourcen gibt es. Das Betretungsverbot ist meist nur die Spitze des Eisbergs am Ende einer langen Reihe an Vorfällen.

Warum ist es für viele Frauen so schwierig auszusteigen?
Nach der Eskalation kommt meist eine versöhnliche Phase, in der viel Schönes passiert, das bindet sehr stark. Dann gibt es natürlich ökonomische wie soziale Abhängigkeiten; Es braucht unglaublich viel Mut, aus der Spirale auszubrechen und mehr Verständnis von außerhalb, wenn es nicht klappt. Aber ich kenne keine Frau, die es bereut hätte.

Was muss passieren, damit es leichter wird?
Häusliche Gewalt ist keine Privatsache und kein importiertes Problem. Überall wo es Machtgefüge gibt, sei es in Familien, Schulen, Gemeinschaften, kann es zu Machtmissbrauch kommen. Es muss noch viel Aufklärung betrieben und an Geschlechtergerechtigkeit gearbeitet werden.

Was wünschen Sie sich?
Aufmerksamkeit über die Aktionstage hinaus. Echte Aufklärung und vor allem eine stabile Finanzierung der Betreuungsangebote. Es darf eigentlich nicht wahr sein, dass es in Innsbruck derzeit nur acht Frauenhausplätze gibt. Oder Organisationen wie der Verein Mannsbilder oder der Kinderschutz komplett überlastet sind.

Anna-Katharina Haselwanter
Anna-Katharina Haselwanter
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