Di, 19. Juni 2018

„Es ist 5 nach 12“

20.03.2018 06:29

Forscher: Gletscherschmelze nicht mehr abwendbar

Selbst wenn alle klimaschädlichen Emissionen jetzt gestoppt würden, kann das weitere Abschmelzen der Gletscher im laufenden Jahrhundert nicht mehr verhindert werden. Zu diesem ernüchternden Ergebnis sind Forscher der Universitäten Innsbruck und Bremen in einer aktuellen, im Fachjournal „Nature Climate Change“ veröffentlichten Studie gekommen.

Im „Paris Agreement“ einigten sich 195 Mitgliedsstaaten der Klimarahmenkonvention der Vereinten Nationen auf die Begrenzung des Anstiegs der globalen Durchschnittstemperatur auf deutlich unter zwei Grad Celsius, wenn möglich auf 1,5 Grad über dem vorindustriellen Niveau. Die Risiken des Klimawandels sollen dadurch deutlich reduziert werden. Die Forscher berechneten nunmehr, welche Effekte die Einhaltung dieser Klimaziele auf die fortschreitende Gletscherschmelze hat.

„Schmelzende Gletscher haben einen großen Einfluss auf die Entwicklung des Meeresspiegels. In unseren Berechnungen haben wir alle Gletscher weltweit - ohne die Eisschilde der Antarktis und Grönlands - berücksichtigt und in verschiedenen Klimaszenarien modelliert“, erklärte Georg Kaser vom Institut für Atmosphären- und Kryosphärenwissenschaften der Uni Innsbruck, der zusammen mit seinem Kollegen Fabien Maussion sowie Ben Marzeion und Nicolas Champollion vom Institut für Geographie der Universität Bremen für die Studie verantwortlich zeichnete.

Für die Entwicklung der Gletscherschmelze in den nächsten 100 Jahren macht es laut Studie jedoch keinen signifikanten Unterschied, ob die Durchschnittstemperatur um zwei oder nur 1,5 Grad steigt. „Das spielt eine überraschend und auch frustrierend geringe Rolle - zumindest für das laufende Jahrhundert. Etwa 36 Prozent des heute noch in Gletschern gespeicherten Eises würde langfristig auch ohne weiteren Ausstoß von Treibhausgasen schmelzen. Das heißt: Gut ein Drittel des heute noch vorhandenen Gletschereises ist auch mit den ambitioniertesten Maßnahmen bereits nicht mehr zu retten“, sagte Marzeion.

Aufgrund der langsamen Reaktion der Gletscher auf Klimaänderungen habe das Verhalten heute über das 21. Jahrhundert hinaus allerdings massive Auswirkungen: 500 Meter Autofahrt mit einem Mittelklasse-Fahrzeug kosten laut den Experten langfristig ein Kilo Gletschereis. Über das aktuelle Jahrhundert hinaus betrachtet, macht es daher durchaus einen Unterschied, ob nur das Zwei-Grad-Ziel oder das 1,5-Grad-Ziel erreicht wird.

„Für die Gletscher ist es 5 nach 12“
„Gletscher reagieren langsam auf klimatische Veränderungen. Wenn wir beispielsweise den aktuellen Umfang des Gletschereis-Bestandes erhalten wollen würden, müssten wir ein Temperaturniveau aus vorindustriellen Zeiten erreichen, was natürlich nicht möglich ist. Wir haben in der Vergangenheit durch Treibhausgas-Emissionen bereits Entwicklungen angestoßen, die sich nicht mehr aufhalten lassen. Für die Gletscher ist es 5 nach 12. Das bedeutet aber auch, dass unser heutiges Verhalten Auswirkungen auf die langfristige Entwicklung der Gletscher hat - das sollten wir uns bewusst machen.“

 krone.at
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