Mi, 13. Dezember 2017

Zungenakrobatik

25.06.2008 16:39

"Sehen" mit der Zunge

Der Volksmund spricht gerne davon, dass beim Menschen jeder der fünf Sinne bei einem Ausfall durch die anderen vier zumindest ansatzweise ersetzt wird. Dass man als blinder Mensch mit seiner Zunge "sehend" werden kann, das wusste der Volksmund bisher aber zweifellos noch nicht. Der sogenannte "BrainPort" erlaubt es seinem Benutzer nun, mithilfe seiner Zunge seine Umgebung wahrzunehmen: 611 Elektroden übersetzen die von drei Minikameras anvisierten Ziele in elektrische Impulse für die Zunge. Ein Durchbruch in der Unterstützung für blinde Menschen?

Berge besteigen, Fußball spielen, aus einer Kaffeetasse trinken - es ist zweifellos nichts Aufregendes, was der 39-jährige Erik Weihenmayer in seinem Alltag treibt. Wäre da nicht die garstige Retinoschisis, eine Erbkrankheit, mit der Weihenmayer geboren wurde. Die Krankheit zerstörte nach und nach sein Augenlicht, im Alter von 13 Jahren erblindete er vollständig. Dennoch bestieg der US-Amerikaner den Kilimandscharo und den Mount Everest.

"Sehen" erlernbar wie Französisch?
Für den BrainPort stellte sich Weihenmayer gerne als Tester zur Verfügung. Auch wenn das Gerät alles in allem noch etwas unhandlich ist, zeigt sich der 39-Jährige begeistert: "Das ist schon mehr als Wissenschaft, das ist eine Vision!" Schwierig sei aber die Eingewöhnung, denn der Umgang mit dem BrainPort sei ähnlich zu erlernen wie etwa Französisch oder Latein. Doch wie funktioniert die Technik denn nun eigentlich?

Das System basiert auf den Überlegungen von Paul Bach-y-Rita, der meinte, dass "man mit dem Gehirn und nicht mit den Augen" sieht. Dementsprechend müsse man bei einer Erkrankung der Augen "nur" einen anderen Weg zum Gehirn finden. Bach-y-Rita wählte dafür mit der Zunge jenes Organ, das nach den Lippen die meisten hochsensiblen Nervenenden aufweist. Mithilfe von 611 Elektroden werden die von Minikameras anvisierten Ziele in Impulse "übersetzt".

Kleckse, Linien und Kurven
Über die Zunge nimmt man dann - wie Weihenmayer es ausdrückt - Kleckse, Linien und Kurven wahr. Das Verständnis für diese Empfindungen brauche zweifellos Zeit, am Ende sei das aber durchaus mit "Sehen" vergleichbar. Umso mehr hofft der US-Amerikaner, dass diese Technik einmal massenhaft eingesetzt werden kann. "Wenn man den BrainPort einem blinden Kind gibt, würde es seine räumliche Vorstellungskraft von Grund auf aus seiner Zunge ziehen. Das ist ein absolut fesselnder Gedanke."

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